Erfolgreich aus der Magersucht: so hat es eine Betroffene geschafft

21 Kilo weniger in fünf Monaten: was nach einer erfolgreich absolvierten Diät klingt, war hingegen der Weg der heute 20-jährigen Laura Pape mitten in eine Magersucht. Damit verbunden: ein gestörtes Verhältnis zu Essen und ihrem Körper. Der WIENERIN hat sie erzählt, wie sie die Krankheit überwunden hat.

Sie sind mit 17 Jahren magersüchtig geworden. Dabei fing alles scheinbar ganz harmlos mit einer Diät an ...
Laura Pape: Das fing schleichend an. Ich habe mit 16 Jahren einige Diäten gemacht, also zum Beispiel eine Woche mehr Obst gegessen und dann war wieder gut. Kurz nach meinem 17. Geburtstag im Oktober habe ich mit einer Freundin eine Wette abgeschlossen, wer zuerst unter die 60-Kilo-Marke kommt. Ich habe dann 9 Kilo in einem Monat geschafft, das war ein absolutes Hochgefühl auf der Waage und im Erfolgsrausch wollte ich mehr. Ursprünglich hatte ich vorgehabt nur unter 60 Kilo zu kommen, dann habe ich gedacht, ich schaffe 57, dann 55 und so weiter. Man verliert den Blick für das Reale.

Laura Pape über ihr Buch

Wie viel wiegen Sie heute?
Ich weiß es gar nicht genau, ich habe mich vor zwei Monaten das letzte Mal gewogen. Es dürfen etwa 60 Kilo sein.


Wie viel haben Sie denn ursprünglich gewogen?
Ich bin 1,71 Meter groß und habe vorher 68 Kilo gewogen. Also da kann man schon ein bisschen abnehmen, aber das Gewicht war auch damals im normalen Bereich.

Warum wollten Sie abnehmen?
Ich bin nie gehänselt worden, es hat auch nie jemand gesagt „Laura, du bist zu dick". Wir hatten einfach eine Wette gemacht. Das niedrigste Gewicht hatte ich nach fünf Monaten mit 47 Kilo. Das ist ein Unterschied von 21 Kilo zu vorher. Da war ich dann extrem dünn, aber man selbst sieht das dann selbst nicht so.

Und Ihre Freundin hat mitgezogen?
Nein, die hat dann irgendwann ihr Gewicht auch erreicht und gehalten, aber sie hat dann aufgehört.

Was hat sie zu Ihnen gesagt?
Na, sie hat sich halt gedacht, die Laura nimmt weiter ab, das kann sie ja, wenn sie will. Und als ich weiter drinnen im Kreislauf war, habe ich nicht mehr auf das gehört, was Außenstehende gesagt haben.

Sie schreiben bzw. haben einen Blog geschrieben, in dem sie über das Abnehmen gepostet haben?
Den Blog habe ich angefangen, um mich selbst zu motivieren. Jetzt führe ich ihn aus Zeitgründen nicht mehr. Ich habe mir aber auch Motivation aus dem Internet geholt von einer Art Magersuchtsekten. Mädchen feuern sich darauf gegenseitig an sich ins krankhaft Dünne zu hungern.

Wie das?
Da gibt es zum Beispiel zehn Gebote und die lauten ungefähr so: 1) Du darfst nicht essen, 2) Du musst viel Sport machen, 3) Du musst Deine Knochen sehen usw.
Das habe ich beim Blog schreiben entdeckt. Nach der Klinik - also ich war wegen der Magersucht dann ein halbes Jahr in der Klinik - habe ich wieder den Blog geschrieben und dann habe ich angefangen, die Denkweise im Blog zu ändern und mich mehr auf das Leben zu konzentrieren. Ich habe gesehen, dass viele, viele Kranke meinen Blog lesen. Und mir haben dann viele geantwortet „Mensch, mir geht es doch auch Scheiße" und hoffentlich angefangen umzudenken. Ich habe gemerkt, da gibt es einen großen Bedarf an Aufklärung und dabei ist mir die Idee gekommen, ein Buch über mich zu schreiben.

Noch ein Buch über die Magersucht ...
Es gibt zwar viele Bücher über Magersüchtige, aber die enden meist negativ. Ich wollte zeigen, das kann man auch schaffen und somit motivieren.

Sie haben auch geschrieben, dass Sie im Blog angefeuert wurden, noch mehr abzunehmen - zu Zeiten als es schon nicht mehr schön war?
Ja, ich selbst wollte abnehmen, wollte dünn sein und dann kamen Kommentare wie „Cool, man sieht schon deine Knochen, du schaffst noch mehr". Mädchen haben sich gegenseitig angespornt noch mehr abzunehmen. Anfangs wollte ich so schlank sein, wie Frauen in Zeitschriften, später habe ich nach dünneren Frauen gesucht - im Internet, auf der Straße. Darum hat sich der ganze Alltag gedreht.

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Laura Pape
Bei dem Verein sowhat finden Menschen mit Essstörungen in Österreich Hilfe. Kontakt.

Sie haben auch viel Sport gemacht. Was haben sie gemacht?
Ich habe versucht jeden Tag möglichst lange mit dem Fahrrad zu fahren oder war joggen.

Sport ist ja an und für sich etwas Gutes und man bekommt davon einen guten Bezug zum Körper ...
Ja, aber nicht, wenn man dabei nichts isst. Anfangs habe ich auch etwas länger gejoggt, zum Schluss nur noch 20 Minuten. Ich hatte einfach keine Energie mehr.

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Wie war ihr Alltag? Hatten Sie Kontakt zu Freundinnen?
Schon ja, aber so viele soziale Kontakte waren nicht da. Viele Freunde wollten mit mir ins Restaurant gehen oder gemeinsam etwas Backen und das waren doch Situationen, die ich vermieden habe. Ich habe immer wieder etwas ausgemacht und das dann kurz davor wieder abgesagt. Einmal war ich mit einer Freundin unterwegs und das nur ihr zuliebe, weil ich ihr schon so oft abgesagt habe. Wir sind dann mit dem Fahrrad zum See und waren danach Pizza backen. Ich habe mit gedacht, das ist okay, weil wir ja auch weit mit dem Fahrrad fahren. Das Pizza backen war dann heikel, weil sie hat viel auf ihre Pizza gelegt, viel Käse und viel Belag und ich habe nur ein bisschen Käse und ein bisschen Gemüse genommen und dann auch ganz wenig gegessen.

Und was haben Sie sonst gemacht?
Wenn ich es mit heute vergleiche war es schon ganz schön wenig, ich saß permanent zuhause.Ich hatte einen strikten Tagesablauf und habe nach der Schule jeden Tag um 18 Uhr eine Kleinigkeit gegessen und dann war ich joggen. Jetzt bin ich rund um die Uhr beschäftigt.

Wie war der Tagesablauf?
Ich hatte für alles feste Zeiten. Um 7 Uhr habe ich gefrühstückt, meistens einen Apfel, eine Banane oder ein Stück Obst. Zu Mittag hat meine Mutter gekocht, das war immer ganz schlimm, weil ich nicht wusste, was drinnen ist. Ich habe mich dann auch oft davor gedrückt und gesagt, ich habe bei meiner Oma gegessen oder unterwegs und dann habe ich einige Brotkrümmel in die Brotdose gelegt, damit es auch so ausschaut. Manchmal habe ich einige Scheiben Brot gegessen und ein bisschen Obst, manchmal auch nur Gemüse und eine Handvoll Cornflakes. Und wenn ich an einem Tag mehr gegessen habe, weil zum Beispiel ein Geburtstag war, dann habe ich am nächsten Tag gar nichts zu mir genommen.

Haben Sie während der Magersucht von außen gehört, dass Sie zu dünn sind?
Ja. Anfangs haben alle gesagt „Wow, das schaut toll aus" und irgendwann kam nur noch „Jetzt reicht es aber, das sieht nicht mehr gut aus". Alle haben gesagt, ich soll wieder zunehmen. Ich habe nur gedacht, die lügen alle, weil sie neidisch sind. Das ist eben eine eigene Welt.

Hat Ihre Mutter nichts gemerkt, dass Sie lügen?
Ich glaube schon, dass sie mir das nicht abgekauft hat. Sie hat ja gemerkt, dass ich immer dünner werde.

Wie hat Ihr Körper darauf reagiert?
Ich war müde, meine Haare würden dünner, die Regel ist über Monate ausgefallen. Bei 48/ 49 Kilo dachte ich selbst, es reicht jetzt, aber es ist mir nicht gelungen mehr zu essen. Für mich waren zwei Brote mehr eine Überwindung und das reicht halt nicht um zuzunehmen, da nimmt man weiter ab. Und ich hatte Angst vor den Kalorien.

Haben Sie Kalorien gezählt?
Ja und ich habe alles genau abgewogen und zwar in geschälter Form. In Summe waren es vielleicht 500 bis 600 kcal am Tag.

Wann hat Ihre Mutter den Schlussstrich gezogen und Sie in die Klinik gebracht?
Meine Mutter hat gesagt, dass ich es nicht schaffe und hat mich dorthin gebracht und das war das Richtige. Zuhause hätte ich nie 10 Kilo zunehmen können. Das war im August.

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Wie ist es Ihrer Mutter mit der Entscheidung gegangen?
Sie war damals hin- und hergerissen. Einerseits wollte sie nicht, dass ich so lange weg bin und andererseits hat sie ja gesehen, dass ich es zuhause nicht schaffe mehr zu essen, obwohl ich es oft versprochen habe. Sie hat lange die Hoffnung nicht aufgegeben, aber irgendwann musste sie einsehen, dass meine Versprechen nichts bringen.

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Wie war es in der Klinik?
Ich musste dann fünf Mahlzeiten täglich essen und bekam Tabletten mit Vitaminen und auch Tabletten, die bewirken, dass der Körper Fette und Kohlenhydrate leichter aufnehmen kann. Ich war es nicht gewohnt so viel zu essen. Wer nicht gegessen hat bekam die Nahrung über Sonden und das wollte ich nun wirklich nicht. Der Zwang zum Essen war ein schlimmes Gefühl, aber mit den Wochen und Monaten gewöhnt man sich daran.


Sie waren ein halbes Jahr in der Klinik ...
Es waren fast genau 6 Monate. Anfangs dachte ich, nach zwei bis drei Wochen bin ich wieder draußen und auf einmal war es ein halbes Jahr.


Hatten Sie dort auch Schulunterricht?
Nein, ich war ja schon in der 11. Klasse (7. Kasse Oberstufe). Für die Schulpflichtigen gab es Unterricht. Ich habe zum Schluss täglich ein bis zwei Stunden in meine Schule zum Unterricht dürfen.

Und nach der Klinik?
Da habe ich überlegt, die 11. Klasse noch einmal zu machen, aber mich dann doch entschieden eine Ausbildung mit Fachabitur zu machen und erst einmal den Stress zu vermeiden, um nicht wieder rückfällig zu werden.

Für welche Ausbildung haben Sie sich entschieden?
Kauffrau für Dialogmarketing, im Jänner werde ich fertig. Ich wollte unbedingt ins Verlagswesen und langfristig möchte ich zum Radio wechseln.

Hatten Sie nach der Klinik keine Rückfälle mehr?
Nicht ganz. Ich dachte jetzt kann ich endlich wieder ein bisschen weniger essen, ohne dafür bestraft zu werden, habe dann aber selbst bald gemerkt, dass ich mir damit keinen Gefallen tue. Mein Schlüsselerlebnis war als ich ein Mädchen gesehen habe, dass extrem dünn war und vor der Klinik habe ich solche Menschen immer als Vorbilder gesehen. Doch dieses Mal habe ich gedacht, die ist so abgemagert, so will ich nicht sein. Ich war überhaupt nicht mehr neidisch.

Wie hat sich die Beziehung zur Mutter entwickelt?
Vor der Klinik haben wir öfter gestritten, auch in der Klinik. Ich hatte so im Kopf „Mama ist schuld, dass ich jetzt nicht mein Abitur machen kann und stattdessen in der Klinik sitze, während alle anderen ihr Leben leben können." Das war natürlich Blödsinn, ich habe damals ja schon mein Leben nicht mehr gelebt. Ich bin nur zu Hause gesessen.

Kontrolliert Ihre Mutter jetzt wie viel Sie essen?
Nein. Ich esse abends auch so viele Süßigkeiten, dass sie sich da keine Sorgen machen muss.


Was ist für Sie heute ein schöner Körper?
Eine normale, gesunde Frau - keine Modelkörper wie aus Germanys next Topmodel, das gefällt mir nicht.

Machen Sie noch Sport?
Ich geh zwei- bis dreimal pro Woche mit einer Freundin laufen für 20 bis 30 Minuten. Und ich esse davor und danach etwas, um Muskeln aufzubauen.

Was würden Sie Magersüchtigen raten?
Zu sagen „Iss doch einmal" bringt nichts, das weiß ich von mir selbst. Sie wollen versuchen nicht sich selbst anzulügen. Ich habe mir immer gesagt, ich lebe gesund, ich esse Obst und mache Sport. Das stimmt aber nicht. Außerdem macht weniger Gewicht auch nicht glücklicher. Das Leben ist viel zu schade, um es für eine Krankheit wegzuwerfen.

 

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