Er zoomt, ich fahr mit dem Staubsauger: Meine Beziehung in Zeiten von Corona

ORF-Journalistin Mari Lang lernt in der Isolation nicht nur an ihrem Ehemann ganz neue Seiten kennen.

Blick auf einen Teppich, dahinter ein Sofa, im Vordergrund ein Staubsauger

Seit der Mann zuhause arbeitet, verstehe ich ihn nicht mehr. Die klare Erkenntnis: Wir sprechen definitiv nicht dieselbe Sprache. Vor allem in der Mittagspause, wenn er aus seinem Heimbüro geschlurft kommt, wird mir das klar. Ich, die in Kurzarbeit ist und den ganzen Vormittag in Rollenspielen mit den Kindern meine schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt habe, bin geil darauf, endlich Erwachsenengespräche zu führen. Der Mann, der den Vormittag in Skype-, Zoom- und weiß der Kuckuck welchen Video-Konferenzen verbracht hat, verbindet mit dem Begriff "geil" sicher kein Gespräch. Wobei, das war schon immer so. Jedenfalls schweigt er während des Essens meistens, um danach wieder im Homeoffice zu verschwinden. Nachdem das Arbeitszimmer gleich neben unserer Toilette ist und die Wände unserer Wohnung dünn sind, kann ich ihn manchmal belauschen. "SQL-Server, live gehen und Bypass-Email-Deduplication" sind Wortfetzen, die ich aufschnappe, während ich versuche möglichst leise zu pinkeln. Es ist, als wäre ein Außerirdischer in unserer Wohnung gelandet. Er hat die Stimme des Mannes, spricht aber definitiv nicht unsere Sprache.

Auch sonst lernen wir uns seit Beginn der Quarantäne in einigen Punkten neu kennen. Nach über fünfzehn Jahren Beziehung kann das ungemein erfrischend sein. Dass der Mann ein geselliger Typ ist, habe ich schon immer gewusst. Dass er seine Freunde so sehr vermisst, dass er sich zu einem Online-Gaming-Abend hinreißen lässt, um Zombies zu bekämpfen, kommt doch etwas unerwartet. Während er also sein Spieledate hat, stehe ich in der Küche und date "Bernd das Brot". Ich weiß, ich bin ziemlich Mainstream. Aber immerhin backe ich glutenfrei. „Hallo? Hallo?“ tönt es aus dem Wohnzimmer, wo der Mann mit dem Laptop auf der Couch sitzt. Seine Stimme klingt irgendwie verzweifelt. Zögerlich mache ich einen Schritt in seine Richtung. Jetzt klatscht er in die Hände und ruft "Super. Ich hab‘s". Zombies töten kehrt scheinbar seine emotionale Seite hervor. Und seine Kreativität. Ich bekomme Angst. Denn jetzt stöhnt er und sagt: "Ich hab mich gerade in eine Schachtel gesetzt und komm nicht mehr raus". Drei Mal wiederholt er es, und ich frage mich, wie nochmal die Nummer der Hotline geht, die man bei diesen Symptomen anruft?

Die lange Isolation kehrt aber nicht nur beim Mann neue Seiten der Persönlichkeit hervor. Auch ich kann so manche Begierde und Leidenschaft nicht mehr länger verbergen. Neuerdings putze ich. An manchen Tagen sogar exzessiv. Heute habe ich rund zwei Stunden lang unser Wohnzimmer gesaugt. Nicht, weil ich im Staubsaugen meine Berufung gefunden habe oder weil mich das Brummen so beruhigt. Auch nicht, weil mir, wie man vermuten könnte, langweilig ist. Nein. Ich habe so lange gesaugt, weil ich dazugehören will. Zur Gruppe der fitten Menschen auf Social Media. Zu denjenigen, die sich ständig beim Workout filmen. Die keine Scheu haben ihren Schweiß und ihre vor Anstrengung zusammengekniffenen Lippen in die Kamera zu halten. Weil ich denke, das kann ich auch, beschließe ich ins Business einzusteigen und Fitness-Videos für Mütter zu produzieren. Doch ich merke, das ist gar nicht so einfach. Bis die Kamera so eingestellt ist, dass sie mich im Goldenen Schnitt zeigt und bis der Lichteinfall passt, ist der halbe Vormittag um. Und dann soll es ja auch noch so aussehen, als hätte ich Spaß. Ich frage mich, wie die Anderen das bloß hinkriegen. Ständig zu lächeln, obwohl die Übungen meistens noch viel komplizierter sind, als bei meinem Putz-Workout.

Neben einem Krampf im Unterkiefer, spüre ich, dass ich am Puls der Zeit bin. Dass da draußen eine riesige Zielgruppe auf mich wartet. Drei Likes hab ich jedenfalls schon. Vom Mann, vom Groß- und vom Kleinkind. Es tut gut endlich wieder wahrgenommen und nicht aufs Hausfrauendasein reduziert zu werden. Mit dem Mann vereinbare ich ab jetzt auch für mich Homeoffice-Zeiten, um mein Business voranzutreiben. Ich verdiene damit zwar noch kein Geld, bin in der Außenwelt aber wieder relevant. Und das ist alles, was zählt. Morgen filme ich mich übrigens beim Wäscheaufhängen.

Mari Lang

Mari Lang ist Journalistin und Moderatorin beim ORF. Hier und auf ihrem Blog schreibt die Mutter von zwei Mädchen mit Witz und Selbstironie "Geschichten aus der Krise".

 

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