Equal Pay Day: Forderungen an die Politik

Seit gestern arbeiten Frauen bis zum Jahresende "gratis". Die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen klafft weiter auf. Durchschnittlich verdienen Frauen um ca. 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Was sich ändern muss, damit sich etwas ändert. Forderungen an die Politik.

Die wichtigsten Diskussionspunkte, die rasches Handeln erfordern.

Einkommensberichte komplett aufschlüsseln.

Derzeit sind große Unternehmen dazu verpflichtet, die Durchschnittsgehälter in ihrem Betrieb offenzulegen (siehe Abschnitt „Gesetze"). Die Gleichbehandlungsanwaltschaft fordert, in diesen Einkommensberichten auch die Entgeltbestandteile auszuweisen. Die Leiterin der GBA, Ingrid Nikolay-Leitner erklärt, warum: „Nur so kann überprüft werden, wie sich die Gehälter zusammensetzen - und wo „versteckte" Zusatzzahlungen stattfinden, von denen Mitarbeiterinnen vielleicht gar nichts wissen."

Nicht gleiche, sondern gleichwertige Arbeit bewerten.

Dringend nötig ist die Aufwertung der sogenannten „Frauenberufe". Frauen gehen in Berufe, von denen früher erwartet wurde, dass sie diese tätigkeiten „aus Liebe" machen - Alte und Kranke pflegen etwa. Eine Altenpflegerin braucht soziale Fähigkeiten und - ja, auch Muskelkraft. Wenn die Versorgung eines alten Menschen weniger wert ist als das Stemmen einer Scheibtruhe, dann muss diese Gesellschaft umdenken.

Körperliche Stärke wird bei geringer bezahlten Berufen höher bewertet als psychologische. Im Management ist es dann plötzlich umgekehrt. Hier offenbart sich der wahre Kulturk(r)ampf: „Familienpflichten" werden als erstes den Frauen angehängt, und es wird völlig selbstverständlich erwartet, dass sie diese auch erfüllen. Die Pflege der Alten etwa. Das ist Diskriminierung.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird immer noch hauptsächlich im Zusammenhang mit Frauen(quoten) diskutiert. Doch diese Vereinbarkeit ist ein gesellschaftliches thema: Die berufswelt muss familienfreundlicher werden, sich an die Menschen anpassen - nicht umgekehrt. Und davon profitieren Männer ebenso.

Die dänische EU-Parlamentsabgeordnete Britta Thomson brachte es im Equal Pay-Workshop auf den Punkt: „Ein Müllmann verdient mehr als eine Krankenpflegerin in der Anästhesie, obwohl die dreimal so lange gelernt hat. Hier muss eine Neubewertung erfolgen, die den tatsächlichen Wert der ­Arbeit evaluiert und nicht nur danach unterscheidet, wie viel Muskelkraft dabei eingesetzt wird." Im Nicht-EU-Land Norwegen wird dies übrigens bereits gemacht: Hier ist etwa die Leiterin eines Kindergartens im Gehalt dem Chef einer technischen Abteilung gleichgestellt.

Sanktionen für Unternehmen, die equal pay (und Frauenquoten) nicht einhalten.

Wenn Unternehmen damit rechnen müssen, dass sie für die Nichteinhaltung der Equal-Pay-Gesetze bestraft werden, bemühen diese sich von vornherein um Transparenz und Korrektheit. Die britische Ökonomieprofessorin und Bestsellerautorin Catherine Hakim betont: „Transparenz, einfache und kostenlose Rechtswege und Sanktionen. Mit diesen drei Bausteinen klappt's auch mit der Gleichbehandlung. Und die innerbetrieblichen Probleme für Frauen, die sich für Lohngerechtigkeit einsetzen, hören sich dann auch sehr schnell auf."

Pensionsalter erhöhen

Das gesetzliche Pensionsantrittsalters liegt für Frauen derzeit bei 60, für Männer bei 65 Jahren. Wollen wir die Pensionen langfristig sichern, so werden wir unter anderem um eine Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen nicht herumkommen. Diese Maßnahme darf allerdings nicht isoliert erfolgen, sondern kann erst als Folge von Maßnahmen zur Sicherung des Arbeitsplatzes für über 45jährieg Frauen in Kraft treten. „Zuerst muss sichergestellt werden, dass Frauen über 45 überhaupt im Arbeitsprozess bleiben und das Pensionsalter „legal" erreichen können. Dann erst hat es Sinn, das Pensionsantrittsalter zu erhöhen.

Mehr Druck auf Wirtschaft und Politik

Es heißt immer: „Frauen, solidarisiert euch!" Können wir Frauen tatsächlich mehr erreichen, wenn wir zusammenhalten? Die Wiener Medienwissenschafterin und Feministin Brigitte Theißl sagt „Ich denke, dass Solidarität gerade in Zeiten wie diesen von großer Bedeutung ist. Aber es braucht auch eine Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftspolitischen Bewegungen." Und - es braucht das Erkennen der größeren Zusammenhänge.


Problem 1: Zuwenig Druck auf Wirtschaft und Politik. Dienstleistungsbranchen etwa können nicht so einen Druck erzeugen wie Eisenbahner oder die Metaller - wenn diese Arbeiter streiken, steht das Land still. Oft genug heißt es in der Wirtschaft: Wer hat die stärkste Gewerkschaft? Wer kann den größten Druck aufbauen? Deshalb ist es wichtig, schon im Kleinen zu beginnen, und sich etwa für Sammelklagen zusammenzuschließen. Aber es sind Ideen gefordert, wie Gruppen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Druck machen können, der Lösungen im großen Stil beschleunigt.


Problem 2: Was hier auf dem Rücken der Frauen ausgetragen wird, sind die Ausläufer eines Verteilungskampfes: Immer mehr Menschen kämpfen um einen Kuchen (Arbeit), der nicht im gleichen Maße größer wird. Was ebenfalls stattfindet, ist ein Kampf um Gesellschaftsmodelle: traditionell (inklusive Heteronormativität und klar definierten Geschlechterrollen) gegen progressiv (also ein Aufbrechen der Geschlechterrollen und der Geschlechter per se). Dieser Kampf wird möglicherweise zum Krieg heranwachsen. Es wäre nicht der erste, der auf dem Rücken der Frauen ausgetragen wird.

 

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