Equal-Pay-Day: Ab heute arbeiten Frauen in Österreich gratis

Wenn Frauen 40 Jahre Vollzeit arbeiten, verdienen sie rund 500.000 Euro weniger als der durchschnittliche Mann. Genau auf diese Einkommensschere macht der Equal-Pay-Day am 25. Oktober in Österreich aufmerksam. ÖGB-Vizepräsidentin und -Frauenvorsitzende Korinna Schumann hat dazu die wichtigsten Fakten.

Equal Pay Day

Wie groß ist der Einkommensunterschied im Jahr 2021?

Korinna Schumann: Ab dem 25. Oktober arbeiten die Frauen in Österreich für den Rest des Jahres quasi gratis. Das ist natürlich ein unerträglicher Zustand. Wir haben immer noch eine Einkommensschere von 18,5 %, die sich nur ganz langsam schließt.

Die wichtigste Frage dazu ist meiner Meinung nach: Was sind die Ursachen dafür? Wie kommt es dazu? Hier geht es einerseits um das Thema: In welcher Branche wird gearbeitet? In Branchen, in denen Frauen tätig sind, gerade in den Systemerhaltenden Berufen, ist die Bezahlung oft sehr gering. Ein zweites wichtiges Thema ist dann natürlich auch das Beschäftigungsausmaß. Jede zweite Frau in Österreich arbeitet Teilzeit.

Der Equal-Pay-Day ist ja theoretisch in jedem Bundesland anders. Woran liegt das?

Im Großen und Ganzen geht es um die Frage: Wie gut ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in diesem Bundesland möglich? Hab ich eine Kinderbetreuungseinrichtung, die garantiert, dass ich Vollzeit arbeiten kann, die leistbar und in meiner Umgebung ist? Das ist der Grundstock um überhaupt entscheiden zu können, wie viel ich arbeiten möchte. Hier hapert es noch in vielen Bundesländern, gerade in den ländlichen Bereichen! Relevant sind dabei auch die Öffnungszeiten: Wenn der Kindergarten um 14 Uhr schließt, ist nicht mal Teilzeitarbeit richtig möglich. An dem Thema Kinderbetreuung hängt sehr, sehr viel.

Dann kommen in Österreich natürlich die Rollenbilder hinzu, die nach wie vor sehr festgefahren sind. Dem Gegenüberstehen aber Frauen, die unglaublich gut ausgebildet sind. Die Frauenbildung in Österreich ist sehr, sehr hoch. Hier gibt es enormes Potenzial und wenn man dauernd davon spricht, dass Fachkräftemangel so ein großes Thema ist, dann muss man halt auch Frauen die Chance geben, sich in die Arbeitswelt einzubringen.

Im Großen und Ganzen geht es um die Frage: Wie gut ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in diesem Bundesland möglich?

von Korinna Schumann

Laut der aktuellen Rechnung würde sich die Einkommenslücke erst für die nächste Generation in 30 Jahren schließen. Kann man das beschleunigen?

Man darf nicht vergessen, dass sich diese Zahl auch ganz schnell wieder ins Negative verändern kann, wenn sich irgendetwas an den Parametern ändert. Beispielsweise während Corona haben viele Frauen ihre Stunden gekürzt oder sind aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden.

Eine der Grundlagen für eine schneller Schließung der Schere ist der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem 1. Lebensjahr, was wir gerade als Sozialpartner und Industriellenvereinigung fordern. Das ist ein wesentlicher Punkt. Außerdem braucht es eine bessere Bewertung der Arbeit von Frauen. Also 1.700 Euro kollektivvertragliches Mindestgehalt. Es braucht weiters eine gesellschaftliche Veränderung, einen Ausbau der Pflegestruktur, damit das nicht am Ende wieder bei Frauen hängen bleibt und es braucht moderne Familienarbeitszeitmodelle.

Es gibt sehr viele junge Männer, die sagen, sie würden gerne bei ihrem Kind bleiben und sehen, wie dieses aufwächst. Aber auch hier ist der gesellschaftliche Druck hoch und die Rahmenbedingungen sind nicht wirklich gegeben. Wir haben gemeinsam mit der AK ein Familienarbeitszeitmodell entwickelt, bei der der Mann die Stunden auf 28 bis 32 Stunden senkt, die Frau ihre erhöht und der Einkommensverlust mit 250 Euro pro Partner*innen-Anteil gestützt wird.

Hilft es auch, wenn in Unternehmen offen darüber gesprochen wird, was jede*r verdient? Wie können wir das normalisieren?

Hier braucht es eine gesetzliche Regelung rund um die Einkommenstransparenz. Es muss die Möglichkeit für Frauen geben, Einsicht zu nehmen. Hier muss an verschiedenen Schrauben gedreht werden. Dafür braucht es aber auch einen Kulturwandel.

Wie können Männer dabei helfen, dass der Gender-Pay-Gap geschlossen wird?

Es geht ja auch darum, dass Männer die Möglichkeit haben, ein Leben abseits von Genderregeln zu führen. Dass es in betrieblichen Bereichen zum Beispiel zugelassen wird, dass Männer Familienzeit nehmen. Das hängt aber alles mit der Einkommensstruktur zusammen. Solange Frauen weniger verdienen, werden sie die sein, die Zuhause bleiben.

Unser Grundwunsch ist, dass Frauen ein existenzsicherndes Einkommen haben und eine Pension von der sie gut leben können. Denn sonst rutschen sie viel schneller in Abhängigkeit.

von Korinna Schumann

Was man oft im Rahmen dieser Diskussion hört, ist dass Frauen einfach zu wenig Geld fordern. Ist das eine Ausrede oder Teil des Problems?

Dieses Thema hat zwei Seiten. Es ist auf jeden Fall wichtig, Frauen den Rücken zu stärken und das Selbstbewusstsein zu geben, sich nicht so schnell zufrieden zu geben. Einfach mutig aufzutreten und fragen: Was bekomme ich? Was bin ich wert? Daran gilt es mit vereinten Kräften zu arbeiten.

Auf der anderen Seite ist das nicht das Allheilmittel. Denn wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, dann bringt das auch nichts. Beispielsweise wenn ein Kind kommt und ich dadurch einen kompletten Karriereeinbruch habe, dann hole ich das auch mit viel Selbstbewusstsein nicht auf.

Welchen Rattenschwanz zieht es nach sich, wenn Frauen so viel weniger verdienen?

Weniger Verdienst bedeutet weniger Pension. Ganz eindeutig. Und viele Frauen haben ein Pensionsantrittsalter von 65. Wir wissen aber jetzt schon, dass jede zweite Frau nicht aus Beschäftigung in Pension geht, sondern aus Krankheit, Arbeitslosigkeit. Wenn das Alter auch noch angehoben wird, wird die Situation noch schwieriger. Grundsätzlich wollen wir ja alle nicht, dass Frauen im Alter unter Armut leiden.

Unser Grundwunsch ist, dass Frauen ein existenzsicherndes Einkommen haben und eine Pension von der sie gut leben können. Denn sonst rutschen sie viel schneller in Abhängigkeit. Wenn ich sage, ich kann mich aus einer Beziehung nicht mehr lösen, weil ich dann in eine bodenlose finanzielle Situation falle, dann kann das nicht das Ziel sein. Um eine Partnerschaft gut führen zu können, ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Möglichkeiten gleich verteilt sind. Unsere aktuelle Arbeitszeiterhöhung mit bis zu 60 möglichen Arbeitsstunden schreibt aber die Rollenbilder nochmal mehr vor. Der Mann ist nie da, die Frau muss die gesamte Betreuung übernehmen. Das gilt es zu verändern.

 

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