Engel-Komplex

Wenn große Feste nahen, fliegen die Engel wieder tief. Bereit, Glanzleistungen zu vollbringen und andere glücklich zu machen. Doch Frauen, die Engel spielen, leben in Absturzgefahr.

Die Diashow des Ehemannes ist eindrucksvoll: Jacky mit blonder Lockenmähne und blütenweißer Jeans bei einer Sommerparty. Jacky mit holdem Lächeln und ihrem Erstgeborenen im Arm. Jacky am Computer beim Checken der Familienfinanzen. Jacky in ihrer blitzsauberen, repräsentativen Wohnung. Jacky als perfekte Gastgeberin für den gesamten Familien-Clan. Zum Schluss lobt der Ehemann von Jacky, die heute ihren 35. Geburtstag feiert, noch ihre tollen Leistungen im Beruf. Und beendet seine Laudatio dann mit den Worten: "... aber vor allem war und ist meine Frau ein Familienmensch, die oft und oft ihre Bedürfnisse für mich und die Kinder hintan gestellt hat - Jacky, wir danken dir!" Applaus brandet auf. Die Geburtstagsgäste sind gerührt. "Ein Engel, diese Frau, nicht wahr?" ist man sich einig.

Nur wenige wissen, dass Jacky, die auch heute wieder wie von Wolke sieben niedergeschwebt aussieht, vor ein paar Jahren an heftigen Panik-Attacken gelitten hat. Dass sie monatelang nachts aufgewacht ist, schweißgebadet, mit Herzrasen und Todesangst. Nein, ein Foto von Jacky, wie sie verstört und ausgelaugt in ihrem Bett liegt, war natürlich nicht in der Diashow. Das passt nicht ins Bild. Ein Engel hat alles mit einem zauberhaften Lächeln, mit Liebe und Leichtigkeit zu schaffen. Ein Engel ist für andere da, spendet ringsum Trost und Schutz - und braucht selber niemals welchen.

Saison der Lichtgestalten

Weihnachten naht, und die Engel fliegen wieder tief. Wundervolle Geschenke müssen besorgt, glanzvolle Feste ausgerichtet und die Seelen der lieben Familie gestreichelt werden. Und allerorten sieht man Frauen, die sich abhetzen, um all diese Erwartungen zu erfüllen. Warum das so ist, obwohl doch eigentlich von Jahr zu Jahr mehr über den Weihnachtsstress diskutiert und geschrieben wird? Warum gibt es so wenig Frauen, die ihre Flügel an den Nagel hängen und es sich einfach gut gehen lassen? Die Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler begründet es damit, dass "sich laut Gender-Forschung das Idealbild der Frau in den letzten 100 Jahren kaum geändert hat. Nach wie vor wird schon kleinen Mädchen suggeriert, dass es das Wertvollste ist, andere glücklich zu machen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen und für sie da zu sein. Und natürlich: dabei immer lieb, nett und hübsch anzusehen zu sein."- Fazit: Engelhafte Züge sind es, die eine Frau in die oberste Liga von Weiblichkeit katapultieren. Und dem zu widerstehen und zu sagen: "Pfeif drauf, dann bin ich eben nicht lieb", ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Ein zwingendes Ideal

Schon alleine deshalb, weil in unserer Alltags-Mythologie dem Engel ein Rollenbild gegenüber steht, das die meisten Frauen wie der Teufel das Weihwasser fürchten: das Bild der Hexe. Die feministische Psychoanalytikerin Polly Young-Eisendraht schrieb schon in ihrem Buch „Frauen und Verlangen": „Geschichten über die dunkle Macht der Hexe waren ein Mittel, mit dem frühere Gesellschaften die Macht von Frauen abwerteten und dämonisierten. Die Darstellung weiblicher Macht als etwas, das für andere - vor allem für arglose Männer und Kinder - devitalisierend, übermächtig und verderblich war, förderte den Glauben an eine böse emotionale Kraft, die ausschließlich fordernden, anspruchsvollen Frauen eigen war."
Nun ist das Mittelalter mit seinen krassen Bildern zwar vorüber - auf subtilere Weise, quasi zwischen den Zeilen, werden jedoch auch heute noch aus kleinen Mädchen kleine Engel gemacht.

Ein Phänomen, das Engeln viel von ihrer Kraft raubt: Sie sind zu allen engelhaft - nur nicht zu sich selbst. So sind sie zwar sehr gut darauf trainiert, instinktiv zu erkennen, was andere wollen und brauchen, aber auf sich selber schauen sie nicht. Und so lieb und freundlich sie auch mit ihrer Umwelt kommunizieren - ihre Selbstgespräche sind alles andere als nett. Billie Rauscher-Gföhler: "Die Wortwahl von Engeln im Umgang mit sich selbst ist meist ziemlich hart. Da heißt es immer nur: ,Ich muss noch besser sein. Das Letzte war nicht gut genug.' Fehler verzeiht sich der Engel genauso wenig wie Durchschnittlichkeit." Alles muss außergewöhnlich, perfekt und am besten noch mit dem Zauber von "Wie hast du das bloß geschafft?" behaftet sein.

Die Wortwahl von Engeln im Umgang mit sich selbst ist meist ziemlich hart. Da heißt es immer nur: ,Ich muss noch besser sein. Das Letzte war nicht gut genug.
von Billie Rauscher-Gföhler, Psychotherapeutin

Denn: Beifall, Dank und Anerkennung sind die himmlische Nahrung des Engels. Da es aber nur wenige Ehemänner, Kinder, Kollegen oder Freunde gibt, die zu einer Dauerinfusion von Lob fähig (oder willens) sind, wird er zwangsläufig irgendwann flügellahm. Das heißt, so Billie Rauscher: "Es kommt zu einer inneren Eskalation. Das Leben erscheint plötzlich sinnlos, der Selbstwert sinkt gegen Null. Manche werden dann völlig antriebslos, andere treiben sich selbst noch härter an - bis zum körperlichen und psychischen Zusammenbruch."

Schluss mit Heilig

Einen Ausstieg aus diesem System von Selbstzerstörung gibt es nur, wenn der Engel damit beginnt, seine Werte in Frage zu stellen. Wie etwa: Ist Helfen immer gut? Sind die anderen wirklich wichtiger als ich? Muss ich Außergewöhnliches leisten, um Liebe zu verdienen? Darf ich ein ganz normaler Mensch sein, der manchmal unfreundlich, faul und nachlässig ist? - Ein Knackpunkt, um aus der Engelsrolle wirklich rauszukommen: sich klarzumachen, dass man mit dem zwanghaften "Gut sein" nicht unbedingt Gutes bewirkt. So erzieht das übertriebene Engagement des Engels seine Umgebung zu Unselbstständigkeit und Abhängigkeit. Die Aufopferung wiederum erzeugt in den anderen unangenehme Schuldgefühle. Tenor: "Sie ist immer so lieb und strengt sich für mich so an, das bin ich doch gar nicht wert/das kann ich ihr ja nie zurückgeben." Und diese Schuldgefühle wiederum bewirken oft das Gegenteil von dem, was sich der Engel erhofft: nicht Liebe, sondern Aggressionen. Denn es gibt wohl kaum einen Menschen, der von einem andern andauernd in die Rolle des Schuldigen gedrängt wird und ihm dafür auch noch dankbar ist.

Flügel-los!

So kann es, wenn ein Engel einmal seinen Job als Lichtgestalt an den Nagel hängt, in seiner Umgebung durchaus zu einem erleichterten Aufatmen kommen. Vielleicht sind manche auch pikiert, weil sie ihn jetzt nicht mehr für ihre Zwecke ausnutzen können. Oder weil der Engel auf einmal selber Ansprüche stellt. Letztendlich ist der Ausstieg aus der Armee der Himmelsboten aber für alle von Vorteil. Für die Umgebung, weil sie dadurch selbstverantwortlich handeln muss. Und für den Engel, weil er dadurch endlich die Chance hat, für sich selbst geschätzt zu werden. Denn: Menschen kann man lieben. Engel nur anstaunen.

Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler nennt die typischen Indizien für goldene Gitterstäbe:

• Der Auftrag der Eltern. Wenn man von Kindesbeinen an Botschaften bekommen hat mit dem Inhalt: "Du bist dazu auserkoren, anderen Freude zu machen." Oder: "Von dir erwarte ich mir etwas ganz Besonderes."

• Belohnte Überforderung. Sprich: von seiner Familie oder sonstigen Umwelt dann gelobt und belohnt worden zu sein, wenn man über seine eigenen Bedürfnisse hinweggegangen ist. Oder sich - ohne zu klagen - immer wieder überdimensional viel aufgeladen hat.

• Brav als Teenager. Spätere Engel waren schon als Teenies wenig auffällig; gute Töchter, die anderen Pubertierenden als leuchtendes Beispiel vorgehalten wurden. Sie haben für sich selbst wenig Raum beansprucht, ihren Freundinnen oft als Klagemauer gedient und waren generell für andere als Hilfe leicht verfügbar.

• Anstrengende Partner. Engel lieben Bengel. Sprich, Männer, die sie immer wieder neu herausfordern und oft auch verzweifeln lassen. Dadurch können sie einerseits ihre Engelhaftigkeit beweisen und sich immer wieder die Notwendigkeit ihrer Anwesenheit bestätigen. Und andererseits haben sie mit dem Bengel einen Partner, der für sie ihre verdrängten Aggressionen und andere Schattenseiten auslebt.

• Die gute Kollegin. Sie ist voll Verständnis, findet eifrig Lösungen für Probleme und macht Schwierigstes möglich. Sie ist bereit, über die eigenen Grenzen der Belastbarkeit zu gehen, damit alles funktioniert und der Chef eine Freude hat. Dafür ist sie auch sehr beliebt - nur leider fällt die Engel-Kollegin ziemlich häufig wegen (psychosomatischer) Erkrankungen aus.

• Die aufopfernde Mutter. Auch hier wieder das eindeutige Symptom: Sie gibt und gibt - bis zur völligen Erschöpfung, natürlich auf Kosten des eigenen Seins. Oft märtyrerhaft will sie ihren Kindern eine perfekte Mutter sein. Manchmal geht sich das kräftemäßig aber einfach nicht mehr aus. Und dann wird die engelhafte Mami entweder zur wütenden Furie (wofür sie sich später wieder schreckliche Vorwürfe macht), oder sie leidet an Burnout-Symptomen wie Depressionen oder Panik-Attacken.
 

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