Endlich erwach(s)en

Wir alle haben wunde Punkte, die uns zu schaffen machen. Die tiefsten Seelenkratzer haben wir uns im ersten Lebensjahrzehnt geholt. Hier lesen Sie, wie uns die Kindheit ein Bein stellt und was man tun kann, um wieder heil zu werden.

Hat man Sie stundenlang schreien lassen? Wurden Sie ängstlich überwacht? Auch wenn man über viele Dinge heute vielleicht sogar lacht - im Unterbewusstsein haben sie sehr wohl ihre Spuren hinterlassen und damit Weichen gestellt. Denn so, wie man Kinderlieder, Reime und Auszählverse immer noch abrufen kann, werden auch Erlebnisse und Empfindungen auf einer inneren Festplatte abgespeichert, weiß Psychotherapeut und Buchautor Dr. Andreas Herter.
„Dabei löst nicht ein einmaliges Erlebnis ein Verhaltensmuster oder ein Trauma aus. Es gibt eine sogenannte ,Deckerinnerung‘, unter der eine Vielzahl von Szenarien liegen, die für den Betroffenen total normal scheinen."

In solch belastenden Situationen greift die Psyche zu verschiedenen Strategien, um sich zu schützen. Funktionieren diese gut, holt man sie auch im Erwachsenenleben bei ähnlich schmerzhaften Erlebnissen unbewusst hervor. Die Folge: Wir stolpern immer wieder bei den gleichen Themen. So können Sie sich aus diesen Lebensfallen befreien:

Lebensfalle 1:„Vertrauen ist gut, Kontrolle und/oder verdrängen sind besser!"

Grundthema: Vertrauensbrüche und/oder Missbrauch
Missbrauch in der Kindheit hat viele Gesichter. Melanie, 35, ist sich gar nicht bewusst, dass und wie sie missbraucht wurde. Die Auswirkungen spürt sie allerdings: „Mein Mann betont immer seine Liebe zu mir, aber ich kann ihm das nicht glauben. Vor allem, weil er mich einmal betrogen hat. Ich dachte damals, ein Strudel verschlingt mich, ich muss sterben. Ich kontrolliere deshalb oft den Tachostand beim Auto oder sein Handy. Ein Teil von mir ist ständig damit beschäftigt, mögliche Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Aber das ist so anstrengend ..."

Schlüsselglaubenssätze
Früher oder später werde ich immer betrogen.
Niemand weiß, was wirklich in mir vorgeht.
An meine Kindheit kann ich mich fast gar nicht erinnern.

Mögliche Ursprünge
Im Fall von Melanie hat die Mutter ihre Tochter emotional als Partnerersatz missbraucht. „Sie hat sich einerseits bei Melanie über den Vater beschwert, im direkten Kontakt mit ihm war sie aber devot. Vom Vater wurde Melanie immer gedemütigt." Besonders schlimm: Die Mutter hat nichts dagegen unternommen. Solche Situationen werden oft nur überlebt, indem man sich vorstellt, jemand anderes zu sein, erklärt Messner. „So findet das Ereignis getrennt vom eigenen Leben statt. Eine Strategie, die auch im Erwachsenenleben weitergeführt wird, weil sie ja funktioniert hat." Mit einer solchen Dissoziation reagiert Melanie heute etwa auf Ehestreit. „Sie lässt das nicht an sich heran, um keine Schmerzen zu haben. Dasselbe Ziel verfolgt sie, wenn sie ihren Mann kontrolliert. Und übersieht dabei, dass sie dadurch genau das hervorruft, wovor sie sich fürchtet."

Wie löse ich meine Lebensfalle?
Kindheitstraumata, die auf (emotionalem) Missbrauch basieren, sollte man nicht alleine angehen, warnt Messner. Helfen können Imaginationsübungen, in denen man lernt, die Wut auf den Täter und jenen Elternteil auszudrücken, der einen nicht geschützt hat. Ein guter Anfang: einen Brief an den Täter zu schreiben. Abschicken nicht notwendig!

Erfahren Sie mehr auf Seite 2.

Der Ratgeber.
Lass die Kindheit hinter dir! Das Leben endlich selbst gestalten.
Autorin: Ursula Nuber.
Campus Verlag. € 20,50.

Der Bestseller.
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.
Autor: Ben Furman.
Verlag: Borgmann publishing. € 15,80.

Der Begleiter.
Der Weg zum Ich: Wie ich wurde, der ich bin.
Autor: Mathias Jung.
Erschienen im Emu-Verlag. € 17,30.

Lebensfalle 2:„Es ist einfach nie genug"

Grundthema: Perfektionsanspruch
„Andere sagen immer: ,Mein Gott, was du alles erreicht hast!‘", erzählt Nathalie, 32. „Ein Jus-Studium innerhalb kürzester Zeit, einen MBA, drei Kinder, ein super Haus, ... Aber ich finde das einfach normal. Andere haben viel mehr zustande gebracht als ich. Man muss sich doch Ziele stecken. Ich weiß noch, wie mein Vater immer sagte: ,Komm endlich in die Gänge, hast du alles für die Schule gemacht? Musst du nicht noch dies und jenes tun?‘ ..."

Schlüsselglaubenssätze
Ich muss die Erste sein!
Kritik kann gar nicht hart genug sein.
Ich hab einfach viel zu wenig Zeit!

Mögliche Ursprünge
In der Kindheit von Menschen mit Perfektionszwang war Liebe vor allem an Leistung geknüpft. Blieb diese aus, hagelte es Kritik, und das Kind wurde auch vor Fremden bloßgestellt. „Vielleicht waren die Eltern auch sehr liebevoll", sagt Edith Messner, „und haben das Kind mit Anerkennung überhäuft, wenn es die hohen Erwartungen erfüllt hat."

Wie löse ich meine Lebensfalle?
Sie sollten herausfinden, was Ihnen wichtig ist: die Wohnung tipptopp sauber halten, die Position X im Job, die Kinder noch mehr fördern. Überlegen Sie, welche Vorteile es für Sie hat, diesen Vorgaben gerecht zu werden. Stellen Sie dem die Nachteile gegenüber: körperliche Erschöpfung, ausgebrannt sein, fehlende Freude. „Wo können Sie Ihre Ansprüche verringern und trotzdem gut sein? Nicht-perfekt-Sein bedeutet nicht automatisch Misserfolg, dazwischen liegt sehr viel", so Messner.

Lebensfalle 3:„Ich schaffe das nicht"

Grundthema: Abhängigkeit
Martina, 42, fühlt sich in ihrer Beziehung gefangen. Sie hasst ihren Mann, aber schafft es nicht, sich von ihm zu lösen. Sie fühlt sich wie ein Kind, das nicht allein leben kann. „Schon in der Volksschule hat meine Mutter für mich die Abschlusszeile gemacht. Auch Aufsätze hat sie immer vorgeschrieben. Sie hat sich auch stets extreme Sorgen um mich gemacht. Die Straßen waren ihrer Meinung nach voller Mörder und Vergewaltiger."

Schlüsselglaubenssätze
Andere haben viel mehr Ahnung von vielen Dingen als ich.
Ich bin nun mal tollpatschig.
Ohne meinen Partner wäre ich nichts.

Mögliche Ursprünge
Der Nährboden ist eine Kindheit, in der zu sehr verwöhnt wurde. Durch Überfürsorglichkeit baut das Kind kein Vertrauen in die eigene Kompetenz auf und die Fähigkeit, mit Misserfolgen umzugehen, erwirbt es auch nicht. Es bleibt von anderen abhängig, die seinen ,Job‘ übernehmen. Den gleichen Effekt erzielt man mit dem Gegenteil: Sind Kinder zu früh auf sich allein gestellt, wirken sie zwar autonom, haben aber ein starkes Bedürfnis, auch mal die Kontrolle abzugeben.

Wie löse ich meine Lebensfalle?
Der erste Schritt: Verstehen, warum man so geworden ist. „Man sollte sich frühere Beziehungen anschauen", sagt Edith Messner. „Zeichnet sich da immer ein bestimmtes Muster ab, wie Abhängigkeit vom Partner? Man könnte alltägliche Situationen aufschreiben, die Angst erzeugen und versuchen sie langsam alleine zu lösen. Wichtig: Rechnen Sie damit, dass nicht auf Anhieb alles gelingen kann, geben Sie nicht auf und feiern Sie Erfolge, so klein sie auch sind!

Lebensfalle 4:„Ich kriege alles, was ich will!"

Grundthema: Bedürfnisdurchsetzung
Auf ihre Toughness ist Chiara, 39, besonders stolz: „Im Parkhaus hat man mir einmal die Autoantenne abgebrochen. Eine Frechheit! Also bin ich eben zu einem anderen Auto hin und habe die dort abgeschraubt und auf meines getan. Schlau, oder?"

Schlüsselglaubenssätze
Ich bin etwas Besonderes!
Ein Nein als Antwort gibt's bei mir nicht!
Routine und Regeln sind für andere da.

Mögliche Ursprünge
Chiara hat als Kind so gut wie alles bekommen, was sie wollte. „Folge: Mit Frustrationen kann sie nur schwer umgehen", so Edith Messner. „Man hat die Botschaft erhalten, dass immer für einen gesorgt wird und dass Eigenleistung nicht notwendig ist. Einzelkinder und Nesthäkchen sind besonders betroffen." Aber auch Erwachsene, die als Kids immer zu kurz gekommen sind, später mit einem „Jetzt hol ich mir, was mir zusteht und bislang entgangen ist" reagieren.

Wie löse ich meine Lebensfalle?
Nur durch lange, harte Arbeit an sich selbst, sagt Therapeutin Messner. Listen Sie z. B. Entschuldigungen für Ihr Verhalten auf, die Sie immer vorbringen. „Etwa: ,Die anderen sollten mich so akzeptieren, wie ich bin‘ oder ,Man muss den Ärger doch rauslassen‘. Das macht Ihnen auch etwaige Folgen dieser Sätze bewusst." Lernen Sie Kompromisse zu machen und bitten Sie andere um Feedback.


Lebensfalle 5:„Ich bin nichts wert"

Grundthema: Unzulänglichkeit
Eine einzige Enttäuschung - das war Eva, 41, für ihre Eltern: „Ich war ihnen nie gut genug. Egal, wie sehr ich mich bemüht habe, lieb zu sein. Vielleicht, weil meine Mutter immer einen Sohn haben wollte. Erst als ich meinen Job verloren habe, ist mir klar geworden, dass ich dieses Muster auch hier gelebt habe: Ich habe immer alles ausgehalten, wie ein ewiger Bußgang in meinem Leben."

Schlüsselglaubenssätze
Meine größte Angst: Dass jemand entdeckt, wie ich wirklich bin.
Es war eigentlich meine Schuld, dass meine Eltern mich nicht so gern gehabt haben.
Ich schäme mich für mich selbst am meisten.

Mögliche Ursprünge
Wenn etwas schiefgegangen ist, hat das Kind die Schuld dafür bekommen. Oft hat man zu hören bekommen: „Dein Bruder, deine Schwester machen das viel besser." Kritik, Strafe und Herabsetzung waren an der Tagesordnung.

Wie löse ich meine Lebensfalle?
Machen Sie diese Traumaarbeit lieber mit professioneller Hilfe, empfiehlt Edith Messner. „Fragen, die Sie für sich selbst klären können, sind: Wer in Ihrer Umgebung war es, der Sie ständig kritisiert und beschämt hat? Alte Fotos oder Orte der Kindheit können bei der Erinnerung helfen. In welchen Situationen fühlt man sich unzulänglich? Wenn man sich mit anderen vergleicht, eifersüchtig ist, gekränkt wird?" Wenn man akzeptieren kann, dass Unzulänglichkeit etwas ist, was man erlernt hat und nicht etwa zum Charakter gehört, kann Heilung eintreten.

 

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