Eltern via Online-Plattform

Unsere Familien-Modelle sind sowieso schon komplett wirr, dann kommt es auf ein bisschen mehr Regenbogen-Styling beim Kinderwunsch auch nicht mehr an, findet WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas.

Selten habe ich eine so zuversichtliche Mama in Spe gesehen. Obwohl sie aktuell weder schwanger ist noch einen Partner für die geplante Schwangerschaft hat, wirkte Jana nicht verzweifelt. Im Gegenteil. Dabei ist "verzweifelt sein" normalerweise noch ein Hilfsausdruck, wenn Frauen feststellen, dass ihr Kinderwunsch immer größer wird. Und ich kann das voll und ganz verstehen.

Lauter dicke Bäuche

Erst tut man jahrelang alles, um ja nicht schwanger zu werden, dann ist die Karriere noch nicht da, wo man sie haben will, schließlich vertschüsst sich auch noch der Partner oder er meint, dass ihm Kinder grad echt nicht so wichtig sind und ehe man bis drei zählt, ist man Mitte 30 und kinderlos. Nicht falsch verstehen, es gibt natürlich auch Frauen, die sowieso keine Kinder wollen oder sich an den Kindern ihrer Geschwister freuen, gerne Patentanten bei Freundinnen sind und so was, aber es gibt eben auch viele, die sehr darunter leiden, dass sich das biologische Fenster langsam zu schließen scheint. Und wenn diese einerseits wahre wie irritierende Erkenntnis vor einem steht, kann man sich sicher sein, ständig und ohne Pause von schwangeren Frauen, dicken Bäuchen und Kinderwägen umzingelt zu sein. Und nein, damit meine ich keine lustige „Bridget Jones Variante“ von Verzweiflung, sondern viel Traurigkeit, die der gesellschaftliche und biologische Druck auf junge Frauen ausübt.

Im Internet versprüht familyship.org viel "Regenbogen"

Und genau in dieser oft aussichtslos erscheinenden Situation kam mir Jana, 36 Jahre und Single, superentspannt vor. Warum? Weil sie eine ganz andere Möglichkeit für ein künftiges Baby entdeckt hat und sich vorgenommen hatte, mit Gesellschafts-Normen zu brechen. Sie ist nämlich eine von 2.500 Mitgliedern auf der Internet-Plattform familyship.org, sich mit Co-Parenting befasst. Was das bedeutet, erklärt die Plattform am besten selbst: „Du hast einen Kinderwunsch? Bist womöglich Single, lesbisch oder schwul? Hier lernst du Menschen kennen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen möchten. Ob Co-Elternschaft, Regenbogenfamilie, Mehrelternschaft oder alleinerziehend: gründe die Familie, die zu dir passt!“

Muss man Kinder und Partnerschaft trennen?

Und im Fall von Jana war die Story so: Erst wollte die Erzieherin ein Kind mit dem richtigen Menschen, aber mittlerweile hat sie Kinderwunsch und Partnerschaft getrennt. „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich das nicht von jemand anderem abhängig machen kann!“ Nach einer Weile kam sie auf das Online-Angebot und wurde fündig: „„Ich war erstaunt, wie viele Wege es gibt. Und vor allem wie viele Menschen es gibt, die denselben großen Wunsch haben wie ich. Ich habe nach einem Spender gesucht, der weiß, was er tut. Das Aussehen war mir grundsätzlich egal, nur gesund sollte er sein.“ Zwei Männer seien in die engere Auswahl gekommen: „Beim ersten Treffen war ich sehr nervös. Man lernt ja nicht jeden Tag den möglichen Vater seines Kindes kennen“, sagt sie. Beim zweiten Treffen sei es schon entspannter gewesen: „Das Treffen mit dem zweiten Mann war auch relativ spontan, ohne dass ich mir lange Gedanken machen konnte. Wir haben etwas gegessen und von unseren Wünschen und Vorstellungen erzählt. Es passte wirklich.“

Baby to go - ist das nicht schräg?

Schwanger ist sie noch nicht, aber überzeugt, dass sie es bald sein wird. Natürlich ist damit nicht gesagt, dass das auch wirklich passiert. Und ob eine Plattform, die quasi ein „Baby to go“ anbietet, alle gesellschaftlichen Nöte unserer Zeit löst, wage ich auch zu bezweifeln, denn ein großes Thema ist ja immer noch die grundsätzliche Bewertung von Frau als Mutter. Aber jemandem einen Lichtblick zu geben und eine Alternative zu dem immer utopischer wirkenden Bild der klassischen Familie, finde ich prinzipiell eine gute und entspannende Idee.

 

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