Elisabeth Lechner: "Schönheit liegt eben nicht im Auge der Betrachterinnen und Betrachter"

Warum wir einen neuen Schönheitsbegriff brauchen - und wie wir diesen gemeinsam erreichen können.

Elisabeth Lechner: Warum wir einen neuen Schönheitsbegriff brauchen.

Wer in unserer Gesellschaft nicht der Norm entspricht, wird marginalisiert, gemobbt und ausgegrenzt. Doch wer definiert Schönheit? Die Autorin und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner über politische Schönheit und darüber, warum wir eine Schönheitsrevolution brauchen.

WIENERIN: Sie schreiben in Ihrem Buch "Riot, don't diet!" über den Weg zur Schönheitsrevolution. Wie sieht der aus?

Elisabeth Lechner: Schönheit wird noch immer als Oberflächlichkeit abgetan, als unwichtiges Frauenthema, bei dem es absurd ist, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Aber meine Forschung hat gezeigt, dass das Thema mit komplexen Diskriminierungserfahrungen verknüpft ist, die Lebensentwürfe und die Entwicklung von Menschen nachhaltig beeinflussen. Ich wollte, dass diese Forschung greifbar wird, und überlasse in meinem Buch einer Community die Bühne, die Diskriminierung aufgrund ihres Äußeren tagtäglich erlebt.

Riot, don't diet

Schöne Menschen haben zig Vorteile im Leben: Sie finden schneller einen Job, bekommen schneller eine Gehaltserhöhung oder können schneller eine Hypothek aufnehmen. Andere erfahren aufgrund ihres Äußeren nicht nur verbale, sondern auch physische Gewalt. Und dementsprechend war es mir ein Anliegen, diesen Aufstand der widerspenstigen Körper ins Zentrum des Buchs zu stellen. Ich wollte einen kritischen systemischen Blick auf das Thema Schönheit werfen und es auch politisch auf die Agenda setzen.

BUCHTIPP:

"Riot, don't diet! Aufstand der widerspenstigen Körper" von Elisabeth Lechner, bei Kremayr &Scheriau um € 22,-.

Wer sind diese widerspenstigen Körper?

Das sind jene, die in diese Rolle gedrängt werden, weil sie aus der Norm fallen - das bedeutet: alle Körper, die nicht weiß, jung, fit und durchtrainiert sind und nicht die vermeintlich "richtigen" Proportionen haben. Diese Körper werden immer noch als anders konstruiert und abgewertet, und diese Menschen haben weniger Chancen im Leben. Das sind vor allem queere Körper, ältere Frauen, Menschen mit Behinderungen, Körper von dicken Menschen, People of Colour, Körper mit Behaarung, ...

Trotzdem sieht man immer öfter Models auf Werbeplakaten, die auch nicht dieser Norm entsprechen und teilweise "Makel" wie Zahnlücken et cetera aufweisen, also nicht aussehen, wie es gemeinhin als Schönheitsideal gilt.

Das ist eine wichtige Beobachtung, und sie ist auf den mittlerweile großen Erfolg der Body-Positivity-Bewegung zurückzuführen. Die besagt, dass alle Körper so, wie sie sind, schön und gut sind. Aber ich finde, man muss mit Sichtbarkeit generell sehr kritisch umgehen und sich anschauen: Werden hier nur Menschen gezeigt und für Marketingzwecke verwendet, von denen angenommen wird, dass ihre Körper im Trend liegen, oder ist da wirklich systemischer Wandel dahinter, der auch über diese Sichtbarkeit, diese Körper hinausgeht?

Nur weil superästhetische, eigentlich normschöne Körper mit "Makeln" jetzt Cover zieren, ist wirklich Marginalisierten noch nicht geholfen. Die sollten auf allen Ebenen zu sehen sein und vor allem etwas zu sagen haben: in Medienredaktionen, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Die Wurzeln der Body Positivity liegen in den 60er-, 70er-Jahren der USA in der Fat-Acceptance-Bewegung. Die wurde nicht für 24/7-liebe-dich-selbst-Diskurse gegründet, sondern um krasse systemische Diskriminierung von dicken Menschen zu beenden.

von Elisabeth Lechner

Junge Frauen im Netz zeigen ihre Makel, thematisieren Fatshaming und Rassismus, machen sich bewusst sichtbar. Ist das ein Weg ins Bewusstsein der Masse?

Das ist auf jeden Fall ein Weg. Nur ist da halt auch wiederum zu beobachten: Wenn man sich den Hashtag #bodypositivity auf Insta ansieht, sind da trotzdem nur dünne weiße Körper - weil der Algorithmus jene Bilder fördert, die näher am normschönen Ideal dran sind. Die, die es schaffen, aus einer marginalisierten Position heraus in eine große Sichtbarkeit zu kommen, das sind wirklich die Ausnahmen. Und in der digitalen Welt bekommt man auch leider immer noch Morddrohungen, wenn man nicht dem Ideal entspricht.

Dieses Interesse an der Beschäftigung mit sich selbst wird bei Frauen abgewertet, aber erwartet. Viele Frauen erleben das als belastendes Spannungsfeld. Wie kommt man da raus?

Ja, dieses Spannungsfeld sagt im Prinzip aus, was alle Studien beweisen, nämlich dass es keine "richtige" Art gibt, Frau im Patriarchat zu sein. Frauen wurden jahrhundertelang auf ihr Aussehen reduziert und in den privaten Raum gedrängt. Wertfreies Auftreten in der Öffentlichkeit, wo Männer für ihre Aussagen gesehen werden, ist für Frauen nicht möglich.

Das sieht man gut an Politikerinnen: Irgendwas ist immer falsch. Auch die Sexualität von Frauen im öffentlichen Raum ist nur so lange gerne gesehen, solange man Produkte mit ihr verkaufen kann. Aber wenn diese Frau im Bikini plötzlich eine Meinung hat, ist der Widerstand groß.

EVENT-TIPP:

Elisabeth Lechner ist als Speakerin beim WIENERIN Covermodel Day am 9.7. im Wiener MQ dabei. Im Vorfeld spricht sie in der digitalen Talkreihe BodyTalks über politische Schönheit und einen inklusiven Schönheitsbegriff. Ab 5.7. auf wienerin.at und @wienerinmagazin IGTV.

Warum posen Frauen unter #bodypositivity unvorteilhaft und zeigen Dellen und Dehnungsstreifen? Als normschöne Frau hätten sie es doch leichter?

Haben sie auch, aber der Schönheitsdruck nimmt für alle zu. Und gerade etwa für Fitnessinfluencerinnen, die unter einem wahnsinnigen Perfektionsdruck in der Öffentlichkeit stehen, fühlt es sich vielleicht revolutionär an, auch einmal eine Hautfalte am Bauch zu zeigen. Ich finde es gut, wenn die zeigen, dass ihnen auch da und dort Haare wachsen - aber ich finde es schwierig, wenn sie sich in den Mittelpunkt einer Bewegung katapultieren, die wirklich nichts mit ihnen zu tun hat.

Die Wurzeln der Body Positivity liegen in den 60er-, 70er-Jahren der USA in der Fat-Acceptance-Bewegung. Die wurde nicht für 24/7-liebe-dich-selbst-Diskurse gegründet, sondern um krasse systemische Diskriminierung von dicken Menschen zu beenden. Das bedeutet, dass du mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus kommst, und die Leute sagen dir, du hast doch nur Bauchweh, weil du zu dick bist. Das ist systemische Dickendiskriminierung. Wenn dann unter dem Hashtag #bodypositivity nur mehr diese Beautyinfluencerinnen zu sehen sind, die halt auch Druck empfinden - den ich ihnen wirklich auch zugestehe! -, und gleichzeitig andere Leute, die in marginalisierten Körpern leben, überhaupt keine Sichtbarkeit mehr bekommen, dann haben wir ein Problem.

Was kann jede und jeder von uns tun, um den Schönheitsbegriff breiter zu gestalten?

Man kann seinen Blick öffnen für die Lebensrealitäten von anderen Menschen, sich informieren und in sich hineinhören. Warum denke ich mir im Sommer, wenn eine dicke Frau mit bauchfreiem Top vor mir hergeht, als Erstes: "Puh, na so ein Top würde ich an ihrer Stelle nicht tragen!"? Ist das nicht mein internalisierter Dickenhass? Was ist da eigentlich das Problem? Aus meiner Sicht hat das damit zu tun, dass wir in einer Hardcore-Leistungsgesellschaft leben, in der allem, dem man eine sichtbare Leistung zusprechen kann, eine wahnsinnige Bedeutung beigemessen wird. Bei jemandem, dem man diese Schönheitsarbeit ansieht, sieht man, da wurden Zeit, Geld, Schmerzen investiert. Wer da nicht reinpasst, wird abgewertet.

Ich wünsche mir, dass wir endlich sein können, einfach so.

von Elisabeth Lechner

Welche Themen kommen in der Schönheits-Debatte zu kurz?

Die politische Komponente von Schönheit kommt viel zu kurz. Ich wünsche mir, dass wir endlich sein können, einfach so. Dass man diese Produkte der Schönheitsindustrie als Teil des Selbstausdrucks verwendet, weil man Lust darauf hat. Es sollte eine große Bandbreite an Möglichkeiten geben. Für viele Menschen gibt es die aber nicht - da liegt der Fokus auf "als professionell wahrgenommen werden", darauf, als Frau oder queere Person erfolgreich durch den Tag zu kommen oder gar darauf, Gewalt zu verhindern. Wir müssen diese Komponente von Schönheit besprechen und dürfen nicht nur in Ermächtigungsdiskursen verharren. Schönheitsdiskussionen sind nur solange oberflächlich, solange wir die systemischen Zusammenhänge rund um Schönheit unter den Teppich kehren.

Müssen wir Schönheit also immer wieder neu diskutieren?

Ja, denn ich denke, es ist einfach, sich draufzusetzen auf "Jeder bzw. jede ist schön" - da kann man easy empowernde Artikel schreiben. Ich wünsche mir ja auch, dass Schönheit wirklich im Auge der Betrachterinnen und Betrachter liegt, aber so ist es halt nicht. Wenn wir über Schönheit reden, müssen wir auch über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit reden. Und das tun wir oft nicht, weil wir in solchen Happy-Empowerment-Diskursen verharren. Das ist auch wichtig, denn wenn ich Leuten ein gutes Gefühl gebe und ihnen helfe, sich durch pastellfarbene Insta-Postings gut zu fühlen, kann das ja auch was mit Menschen machen. Vielleicht trauen sich die dann, sich im Meeting zu Wort zu melden - aber das alleine wird nicht reichen.

Diese Debatte über Schönheit wird dann eine über Solidarität und darüber, dass man den Blick in andere Lebensrealitäten wagt. Würden Sie das so sehen?

Ja, und eben nicht mutmaßen, sondern sich informieren. Nicht sagen: "Ich glaube, Menschen mit Behinderungen sind " Man muss nicht mehr glauben - wir leben im Information Age! Es ist die Verantwortung von privilegierten Menschen, sich zu informieren. Es hilft, sich zu überlegen, welche Barrieren man im Gegensatz zu anderen nicht erlebt hat, damit wir sie gemeinsam abbauen können.

 

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