„Eine Vergewaltigungsdrohung ist keine Meinung“

Journalistinnen werden im Internet drei Mal so oft beleidigt und beschimpft wie ihre männlichen Kollegen. Dunja Mijatović, OSZE-Beauftragte, sieht dringenden Handlungsbedarf.

Im Internet werden Frauen und vor allem Journalistinnen immer öfter zur Zielscheibe von Belästigern. Für manche davon sind Vergewaltigungsdrohungen und Beschimpfungen alltäglicher Bestandteil ihres Jobs. Die OSZE-Beauftragte Dunja Mijatović beschäftigt sich mit diesem Phänomen und versucht Antworten darauf zu finden, warum der Hass gegen Frauen im Internet so groß ist und wie sich Journalistinnen dagegen wehren können.

Gibt es Studien dazu, ob Journalistinnen im Internet öfter angegriffen werden als ihre Kollegen? Was wird den Journalistinnen denn vorgeworfen?

DUNJA MIJATOVIĆ: Es gibt noch keine offiziellen Zahlen zu Online Harassment von Journalistinnen und Bloggerinnen, aber es gibt durchaus eine zunehmende Zahl an Berichten, die belegen, dass Journalistinnen öfter von Gewalt im Netz betroffen sind. Eine Studie zum Beispiel besagt, dass Journalistinnen drei Mal so viele Hasskommentare auf Twitter bekommen wie ihre männlichen Kollegen. Die Drohungen, die sich gegen Journalistinnen richten, sind oft sehr bildliche und brutale Beschreibungen, die Beleidigungen über ihr Äußeres, Todesdrohungen, Beschimpfungen und stark sexualisierte Ausdrücke beinhalten.

Worin liegt dieses Problem begründet?

MIJATOVIĆ: Es ist schwierig, diese Frage ohne detailliertere Forschung und Analysen zu beantworten. Dennoch sehen wir, dass Misogynie und Gewalt gegen Frauen im Internet und auf Social Media Plattformen eine neue Form gefunden hat. Die Journalistinnen und Bloggerinnen, die am meisten attackiert werden, sind jene, die über politische und heikle Themen berichten, die Dinge hinterfragen und die in traditionell männlich besetzten Gebieten arbeiten.

Wie sollen Frauen auf Drohungen und Beleidigungen im Internet reagieren? Ignorieren oder antworten?

MIJATOVIĆ: Es gibt keine definitive Lösung für dieses Problem. Bei unserer letzten Tagung zu diesem Thema Mitte September kamen viele Expertinnen zu Wort, darunter auch Journalistinnen, die selbst Opfer von Belästigung im Internet waren. Wir haben unterschiedliche Zugänge gehört. Manche entschieden sich dazu, die Belästiger zu konfrontieren, andere ignorierten die Beleidigungen, und wieder andere mussten temporär ihre Mail- und Social Media Accounts sperren, weil der Fluss an beleidigenden Kommentaren zu überwältigend geworden war. Wichtig ist aber, dass die Politik und die Medien anfangen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Es sollte nicht die alleinige Aufgabe der Journalistinnen sein, hier Maßnahmen zu setzen.

Trauen sich viele Journalistinnen dann auch nicht mehr, ihre Meinung online auszusprechen – aus Angst vor den Reaktionen?

MIJATOVIĆ: Laut einer Studie, die unser Büro durchgeführt hat, haben einige Journalistinnen gesagt, dass Online Harassment und Drohungen sie zwar nicht davon abgehalten haben, weiter zu berichten, aber sie haben sich Gedanken darüber gemacht, wie sie über manche Themen berichten. Es ist zutiefst besorgniserregend, wenn Beschimpfungen im Internet zu einer Art Selbstzensur führen.

Sollten sexistische Kommentare sofort gelöscht werden?

MIJATOVIĆ: Viele Vermittler und Inhaltsanbieter im Internet haben ethische Richtlinien und Filter, die gewisse Inhalte löschen. Aber das beinhaltet nicht den ganzen anstößigen Inhalt. Ein effektiverer Weg, um beleidigender Sprache im Internet etwas entgegenzuhalten, ist, die User zu bilden, und eine Umwelt zu schaffen, in der unterschiedliche Meinungen in einer informierten und zivilisierten Weise ausgesprochen werden können. Andere User könnten den Journalistinnen ihre Unterstützung zeigen und beleidigende Sprache offen verurteilen.

Wo ziehen Sie eine Linie zwischen einer offenen Diskussion und Harassment – wie kann sich eine offene Diskussion entwickeln, ohne dass Postings verborgen oder Personen blockiert werden müssen?

MIJATOVIĆ: Das Internet muss frei und offen zugänglich bleiben. Es gibt einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit an politischen Debatten mitzuwirken, Information zu teilen und zu erhalten. Eine Vielzahl an Meinungen ist gut für eine Diskussion, aber die Kritik sollte sich auf den journalistischen Inhalt konzentrieren und nicht auf die Autorinnen. Wenn Journalistinnen als Frauen beschimpft und beleidigt werden, wenn sie Vergewaltigungsdrohungen an ihre persönlichen Mail-Adressen und Social Media Accounts erhalten, dann ist das keine Meinungsäußerung mehr.

Wie können Medienunternehmen Rahmenbedingungen schaffen, um ihre Journalistinnen zu schützen?

MIJATOVIĆ: Medienunternehmen müssen ihre Verantwortung, ihre weibliche Belegschaft zu unterstützen und zu schützen, wahrnehmen. Konkrete Handlungen und Prozeduren müssen ausgeführt werden, das beinhaltet auch Drohungen der Polizei zu melden. Mein Büro arbeitet derzeit an Empfehlungen für Medien und Regierungen, wie sie mit dem Thema umgehen können.

Dunja Mijatović ist die Beauftragte für die Freiheit der Medien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE). Am 17. September organisierte sie in der Wiener Hofburg ein ExpertInnen-Treffen zum Thema Online Harassment von Journalistinnen.

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