Eine Polizistin über ihren Einsatz beim Akademikerball

Die Nacht des 24. Jänner 2014 war eine schwarze für Wien. Gewalt überschattete die Demonstrationen rund um den Akademikerball in der Hofburg. Unter den Einsatzkräften damals: Polizistin Patricia Huber, Mutter einer dreieinhalbjährigen Tochter. Auch heuer ist Patricia wieder dabei. Der WIENERIN erzählt sie von den Szenen eines Grenzganges.

Es ist kalt auf der Straße. Der Dienst an diesem Freitag im Jänner 2014 dauert mittlerweile mehr als 14 Stunden. In der Wiener Innenstadt wimmelt es von Polizisten der Sondereinheiten. Das Aufgebot ist groß. Mittendrin: eine Polizistin der Einsatzeinheit „EE“ – Patricia Huber. Es ist nicht ihr erster Demoeinsatz. Unzählige Züge hat sie schon begleitet. Doch jener zum Akademikerball ist seit einigen Jahren ein besonderer. „Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist groß“, sagt sie. Und das Gefühl in der Bauchgegend ist dementsprechend mulmig. „Wenn dein Gegenüber vermummt vor dir steht, und du schon erwarten kannst, dass gleich etwas geschehen wird, ist das ungut.“

Chronik des Schreckens.

Blaulichter zucken durch die eisige Nacht. Gerade noch haben Polizisten in einer Seitengasse des noblen Kohlmarkts eine Straßensperre errichtet und locker miteinander gescherzt. Jetzt wummern Trommeln in nicht
mehr allzu weiter Ferne. Und auch die monotonen Sprechchöre, begleitet von Knallkörpern, sind immer deutlicher zu vernehmen.

Als Patricia auf ihre Uhr blickt, ist es kurz vor 19 Uhr. Dann geht alles ganz schnell. Demonstranten überwinden die Barrikaden der Sperrzone rund um die Wiener Hofburg. Wenige Minuten später strömen Vermummte durch die Stadt, die Parolen werden radikaler, die Stimmung aggressiver. Während sich ein Großteil der Demonstranten friedlich verhält, ziehen Radikale eine Spur der Verwüstung durch die Straßen. Die Bilanz des ereignisreichen Abends: zahlreiche Verletzte, darunter Polizisten und Demonstranten, eingeschlagene Schaufenster, zertrümmerte Polizeiautos und als Wurfgeschosse runtergerissene Mistkübel. Der Sachschaden ist enorm.

Nur wenige Stunden zuvor hatte sich die zierliche 30-Jährige von ihrer kleinen Tochter verabschiedet. Am Morgen stapfte das dreieinhalbjährige Mäderl in seinen dicken Winterboots in Richtung Kindergarten. Ihrer Mama gab die Kleine noch die weisen Worte eines Kindergartenkindes – „Brav sein und aufpassen“ – mit auf den Weg, während sie fleißig mit den kleinen Armen winkte, um im nächsten Augenblick zu ihren Freunden zu spazieren. Die Mama ging zur Arbeit wie jeden Tag. Dass es an diesem Freitag besonders gefährlich werden könnte, wusste die Kleine nicht.

Polizistin im Einsatz am Akademikerball

30. Jänner 2015.

Auch heuer wird der Dienst am Tag des Akademikerballs nicht anders beginnen als sonst. Patricia wird morgens zu ihrer Dienststelle in die Leyserstraße fahren. Um die Mittagszeit kommandiert die Landespolizeidirektion die Polizisten dann zu ihren Standorten, teilt ein, wer wann wo zu sein hat. Es folgt eine Einsatzbesprechung, danach heißt es umziehen und „Gerätschaften ausfassen“.

Die Montur unterscheidet Patricia – vom Sport-BH abgesehen – kaum von ihren männlichen Kollegen. Sie trägt unter ihrer wärmenden Kleidung einen Körperschutz, „Turtle“ genannt, darüber einen flammhemmenden Overall. Helm, Einsatzstock und Schild wappnen sie für den Einsatz. Alles wie immer.

"Ich wollte eine Polizistin werden - und der Job war vor dem Kind da."
von Patricia Huber

Doch was kommt – nach den Erlebnissen von 2014 – für ein Gefühl hoch, wenn die 30-Jährige an den bevorstehenden Demo-Abend denkt? „Im Prinzip kann jeder Dienst gefährlich werden. Angst ist der falsche Ausdruck. Es ist mehr ein ungutes Gefühl, wenn du merkst, es braut sich was zusammen“, sagt sie.

Im Vorjahr flogen Pflastersteine. Das ist Patricia besonders unangenehm in Erinnerung. Sie können ernsthafte Verletzungen verursachen. Auch Bengalen und Knallkörper fürchtet sie. Ihre Schutzkleidung gibt zwar Sicherheit, macht aber auch unbeweglich. Kracher könnten sich in der Ausrüstung verfangen und explodieren. „Ich persönlich habe immer Angst um meine Zähne. Dass mir jemand ins Gesicht schlägt oder von unten etwas durchs Visier kommt.“

Mama am Handy.

Warum sie sich als Mama einer kleinen Tochter einen derart gefährlichen Job gesucht hat? Schon als Mädchen war für Patricia klar: „Ich will Polizistin werden.“ Und der Job war vor dem Kind da, meint sie. Aber auch mit dem „Mamasein“ hat sich für sie wenig geändert. „Ich mache meinen Job mit Kind genauso wie ohne.“ Nur dass sie jetzt, zwischendurch, wenn Zeit ist, kurz ihr Handy zückt. Dann ruft Patricia ihre Kleine an, um zu hören, dass alles okay ist.

Der von der FPÖ organisierte Akademikerball findet am
30. Jänner 2015 in der Wiener Hofburg statt.

1. 1950ER-JAHRE. Seit Jahrzehnten ist der Ball ein Ort der Vernetzung rechter bis rechtsextremer Politiker in Europa. Seine Geschichte reicht bis in die 1950er-Jahre zurück, damals hieß er noch Ball des Wiener Korporationsrings.

2. NEUER NAME 2013. 2013 erfolgte die Umbenennung in Akademikerball, organisiert von den Wiener Freiheitlichen.Widerstand dagegen formierte sich erst in den vergangenenJahren.

3. GEWALT 2014. 2014 gipfelte der Widerstand in teils gewalttätigen Ausschreitungen. Es gab Verletzte, darunter Demonstranten und Polizisten, und 20 Festnahmen. Zudem wurde Kritik an der Einsatzplanung der Polizei laut: Trotz des hohen Aufgebots an Polizisten hinterließen Randalierer in der Innenstadt eine Spur der Verwüstung.

 

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