Eine Pille ist nicht die richtige Antwort auf mangelnde weibliche Lust

Die Pharmaindustrie hatte schon lange ihr Auge auf die weibliche Libido geworfen, mangelnde Lust ist ein wachsendes Problem und man verspricht sich ähnliche Gewinne wie beim Kassenschlager Viagra. Aber auf eine chemische Lösung können wir verzichten.

Mal ganz ehrlich: Die Lustpille Flibanserin ist die Antwort einer Gesellschaft auf ein Problem, dessen Auslöser sie selber ist. Je nach Studie klagen bis zu 40 Prozent von Frauen über mangelnde sexuelle Lust. Das ist ein Zustand, der als solches nicht erfreulich ist: Eine gesunde Sexualität kann viel zum allgemeinen Wohlbefinden, der Lebensqualität und der Kreativität einer Frau beitragen.

Gewinne durch Sexprobleme

Dass es nach Viagra, das schon seit 1998 zugelassen ist, nun auch eine weibliche Lustpille gibt, ist Ausdruck einer Gesellschaft, die eigentlich Auslöser des Problems ist: Eine Welt in der alles auf Knopfdruck funktionieren soll, die auf Leistung und Schnelligkeit basiert, und vor allem eine, die sich wenig Muse nimmt, um weibliche Sexualität zu erkunden.

Keine Lust ohne Nebenwirkungen

Das Patent für „Flibanserin“ wurde ursprünglich vom deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim entwickelt und nach gescheiterter Zulassung an das amerikanische Sprout Pharmaceuticals verkauft. In den USA gab es zwei weitere gescheiterte Anläufe 2010 und 2013, bis nun die FDA (die Food and Drug Administration ist die Arzneimittelzulassungsbehörde der Vereinigten Staaten) auf Empfehlung eines Expertengremiums das Medikament zuließ. Die Pille soll den Spiegel des lusthemmenden Hormons Serotonin senken und die Produktion der Hormone Dopamin und Noradrenalin anregen, beide können die Lust steigern. Allerdings gehen mit dem Medikament potentiell starke Nebenwirkungen, wie Müdigkeit, niedrigem Blutdruck und Schwindelanfälle einher. Deswegen darf der Luststeigerer auch niemals in Kombination mit Alkohol eingenommen werden, im schlimmsten Fall würde es zu Ohnmacht führen.


Strenge Rezepte

Daher darf das Medikament nur verschrieben werden, wenn die mangelnde Lust keinesfalls auf psychische, körperliche oder Beziehungsprobleme zurückzuführen ist. Die Pille wird täglich, und nicht nur vor dem Sexualverkehr eingenommen.

Lust gibt's auch jenseits der Dose

Aber mal realistisch gesehen: Wie viele Frauen, von den genannten 40 Prozent, würden wohl noch über mangelnde Lust klagen, würden sie ihr Leben auf psychische und körperliche Probleme durchforsten und einen Partner haben, der sich geduldig auf ihre körperlichen Bedürfnisse einlässt? Sexualität, und weibliche vielleicht noch ein bisschen mehr, ist eine komplexe Sache. Trotz sexueller Überreizung reden wir selten darüber, was Frauen wirklich brauchen: einen enttabuisierten Umgang mit ihrer Erotik, vielfältige, kreative und nicht ausschließlich männlich geprägte Darstellungsformen von Sexualität und sowas wie sexuelle Ermächtigung. Ein gesunder Lebensstil kann auch ausschlaggebend sein für eine funktionierende Libido. Und dass viele von den 40% der Frauen deswegen keine Lust auf Sex haben, weil ihre Partner ihnen kein erfüllendes Sexerlebnis bieten und sie nicht wissen, wie sie danach fragen sollen, muss man auch einmal sagen. Das ist in einer patriarchalen Gesellschaft, die Probleme gerne da sieht, wo es Gewinne gibt, halt schwer.

Sex-Talk

Die Lösung für das unerfüllte Sexleben vieler Frauen und Paare liegt nicht in Psychopharmaka. (Das Medikament wurde ursprünglich als Antidepressivum entwickelt.) Sie liegt darin, wie wir über Sex reden.

 

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