Eine Naht verbindet: So nachhaltig kann Arbeit mit Geflüchteten sein

Regenjacken aus weggeworfenen Festivalzelten? Ja, das geht. Mehr reparieren, weniger wegwerfen - und gleichzeitig wichtige gesellschaftspolitische Arbeit leisten: Das alles macht die Kattunfabrik. Wir haben sie besucht.

"Wir versuchen, den aktuellen Problemen in der Textilbranche - Wegwerfmode, Verschwendung, Lohndumping - etwas entgegenzusetzen." Jimmy F. Nagy hat eine klare Mission: nicht nur die Modeindustrie, sondern auch die Gesellschaft mit seinem Projekt, der "Kattunfabrik", ein Stück weit zum Umdenken zu bewegen.

Jimmy F. Nagy, Gründer der Kattunfabrik

"Überall sieht man billige Klamotten"

In der Kattunfabrik-Werkstatt in einem Wiener Erstaufnahmezentrum durchlaufen Menschen mit Fluchterfahrung ein Tutorium, um sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Kattunfabrik will geflüchteten TextilarbeiterInnen dabei helfen, sich selbst zu helfen. Viele bringen schon jede Menge Erfahrung aus der Branche mit; bei Nagy lernen sie dann noch Feinheiten, und natürlich die Sprache.

Dabei achtet das Projekt durch und durch auf einen nachhaltigen Kreislauf. Die Stoffe kommen etwa entweder als Spenden oder als Stoffreste und Verschnitte von heimischen DesignerInnen, etwa auch von Madame Kukla, für die die Werkstatt daraus Accessoires produziert. Weggeworfen wird jedenfalls nichts. "Unser Ziel ist ein nachhaltiger, fairer Kreislauf", so der Kattunfabrik-Gründer. "Wir werden nicht ewig Kleidung produzieren können, so wie wir es jetzt machen. Die Ressourcen sind begrenzt, die Wasserverschwendung enorm." Die globale Textil- und Bekleidungsindustrie basiere auf der Ausbeutung von Mensch und Natur - und das müsse sich ändern. "Überall sieht man billige Klamotten, die weder sozial noch ökologisch nachhaltig produziert werden."

Kattunfabrik

Wir müssen uns schon bewusst werden: die Menschen bleiben hier. Ob wir ihnen jetzt Hass entgegenbringen, oder ob wir gemeinsam an einer besseren Gesellschaft arbeiten, ist unsere Entscheidung.

Jimmy F. Nagy, Gründer Kattunfabrik

Indem die Kattunfabrik auf Menschen und vor allem Frauen mit Fluchterfahrung setzt, dreht das Projekt außerdem an einer anderen gesellschaftspolitischen Baustelle. Und das ganz bewusst. Sieht man sich die Zahlen der TextilarbeiterInnen mit Fluchterfahrung an, ist auch klar, warum der Weg in die Textilbranche vorgezeichnet ist: cirka 200.000 Textilarbeiterinnen und -arbeiter sind seit 2013 aus den Regionen Syriens oder Afghanistans nach Europa gekommen. "Viele davon schneidern auf einem sehr hohen Niveau", so Nagy.

Sein Ziel ist es, nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen. Bisher finanziert sich die Kattunfabrik ausschließlich über Spenden. Mehr Bekanntheit erlangten sie etwa durch die Verarbeitung von Festivalzelten zu Regenjacken. "Wir sind mit dem Ganzen auch gewachsen. Gestartet sind wir nämlich in St. Pölten, als Ort, wo Geflüchtete ihre Kleidung reparieren lassen konnten." Seitdem habe sich viel getan, auch politisch. "Nicht alle sind einverstanden mit dem, was wir machen. Aber für uns ist klar: in der Mode gibt es keinen Nationalismus."

Weg von Gier und Geldmacherei

Und auch das Endprodukt weicht nicht von den Idealen des Projekts ab: die produzierte Ware muss für jedeN leistbar sein. "Wir produzieren fair, ökologisch, nachhaltig, aber unsere Produkte kann sich auch eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern leisten." Nagy kritisiert: "Es liegt ja nicht nur am Individuum nachhaltig zu leben. Solange es Marken wie H&M gibt, die ihre überschüssige Ware in Verbrennungsanlagen vernichten, solange ist es ziemlich egal, ob wir den einen Joghurtbecher aus Plastik kaufen oder nicht. Da läuft etwas total schief." Und dabei müsse in der Mode mehr denn je das Prinzip gelten: Weg von Gier und Geldmacherei, hin zu Nachhaltigkeit und Solidarität.

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