Eine liberale Moschee ohne Kopftuchzwang und mit viel Liebe

In Berlin wird am 16. Juni die erste liberale Moschee eröffnet. Von Seyran Ateş, einer Imamin, die kein Kopftuch trägt und ihren Islam vor den Fanatikern retten will. Eine Vision, die einem Befreiungsschlag gleicht.

Es sind knapp 90 Quadratmeter, die etwas in Gang bringen, vielleicht auch erneuern könnten. 90 Quadratmeter, ist das nicht nur eine inhaltslose Zahl? Nein, für eine Frau ist es mehr. Viel mehr. Es ist ein Symbol, mit dem sie dem radikalen Islamismus, dem Terror und seiner Menschenverachtung etwas entgegensetzen will. Diese Frau heißt Seyran Ateş, ist liberale Muslimin wie Feministin, und die Idee, irgendwann in solch einem Raum mit vielen liberalen MuslimInnen beten zu können, hat sie inspiriert - und ihr geholfen, an ihrer Vision dranzubleiben: "Ich möchte zeigen, dass der Islam nicht nur mit Terror und Frauenfeindlichkeit verbunden werden muss, sondern auch ganz anders sein kann. Dass Männer neben Frauen, Kopftuch tragende neben unverhüllten Frauen und alle muslimischen Richtungen gemeinsam in so einer Moschee sein und beten können."

Acht Jahre hat Ates an dieser Vision gearbeitet, am 16. Juni wird sie Wirklichkeit. Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit wird dann eröffnet. Von einer Imamin. Es wird die erste liberale Moschee in Deutschland sein und es könnten noch viele folgen. Als Vorbild dienten der Menschenrechtsaktivistin und Juristin, die 1984 bei einem Attentat fast selbst ums Leben gekommen ist, Projekte aus den USA und England (mehr dazu in der Infobox am Ende des Textes).

"Wir Muslime müssen Flagge zeigen"

Viel Beharrlichkeit und Überzeugungsarbeit musste Ateşan den Tag legen, aber ihre Energie, etwas Gutes zu machen, war größer als die Last der negativen Bilder des Islams, die auch sie immer wieder Kraft kosteten. Sie hat sich nicht biegen, nicht entmutigen lassen, sie nahm ihren Frust und verwandelte ihn immer wieder in Aktionen, frei nach Molière: "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun." Diese Erkenntnis hat Ates und ihre MitstreiterInnen über Jahre immer wieder inspiriert, dranzubleiben, trotz vieler Widerstände - natürlich auch aus muslimischen Reihen.

"Wir müssen unsere Religion vor diesen Fanatikern retten und es reicht einfach nicht mehr, den Terror zu verurteilen. Wir - die liberalen Muslime - müssen Flagge zeigen. Wir müssen zeigen, dass unsere Religion von Liebe, nicht von Hass getrieben ist. Und dass sie auch offen ist für Reformen", so Ateş, selbst sunnitische Muslimin.

Der Islam ist die zweitgrößte Religion der Welt, aktuell gibt es 1,7 Milliarden Menschen, die sich zu diesem Glauben bekennen. Zum Vergleich: Das Christentum zählt 2,2 Milliarden Gläubige. Doch im Gegensatz zu den christlichen Kirchen, die sehr stark organisiert sind und über ihre Institutionen auftreten, gilt der Islam als sehr private, fast stille Religion. "Die meisten der 1,7 Milliarden Muslime reden überhaupt nicht darüber; sie beten, sie fasten, sie versuchen, einmal im Leben nach Mekka zu kommen", beschreibt Ateş.

Immer wieder Diskussionsstoff: Das Kopftuch

Wenn es in den letzten Jahren aber Debatten gab, dann beschäftigten sich diese oft mit jenem Stück Stoff, das die meisten ÖsterreicherInnen und Deutschen vermutlich als Erstes mit dem Islam verbinden: dem Kopftuch. "Ich selbst trage kein Kopftuch und fühle mich daher in den meisten Moscheen diskriminiert", so Ateş. Deshalb war die Frage, ob Kopftuch oder nicht, in der neuen, liberalen Moschee auch ein zentraler Punkt. Wie viel Sprengstoff das Kopftuch selbst unter liberalen MuslimInnen hat, zeigt eine Schilderung beeindruckend. "Ich hatte einen schwulen Muslim aus Marokko eingeladen, der vielleicht sogar als Imam für unsere Moschee infrage gekommen wäre. Leider war er der Ansicht, dass es für eine Frau nicht erlaubt sei, ohne Kopftuch zu beten", schreibt Ateşin ihrem ebenfalls am 16. Juni erscheinenden Buch Selam, Frau Imamin (Ullstein).

Das Kopftuch ist ein Symbol, aber sicher kein Hauptanliegen meiner Religion."
von Seyran Ates

Im Gespräch mit der WIENERIN konkretisiert sie das Reizthema nochmals: "Es ist ein Detail, ein Symbol und sicher nicht das Hauptanliegen meiner Religion - es steht ja noch nicht mal im Koran. Tatsächlich wird aber immer so getan, als wäre es das Allerwichtigste. Doch das Gebet, das Fasten, auch der Hadsch sind wichtiger als das Kopftuch."

Dennoch will die Muslimin, die sich selbst gerade zur Imamin ausbilden lässt, nicht, dass das Kopftuch das ganze Engagement aufsaugt, daher wird in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beides willkommen sein. Revolutionärer ist ohnehin, dass hier Frauen neben Männern im selben Raum beten dürfen. Normalerweise müssen Frauen in einem Nebenraum beten - denn so, wie überhaupt im Islam oft strikte Geschlechtertrennung herrscht, lebt man dies auch während des Gebets. Hintergrund ist, dass Männer durch die Anwesenheit von Frauen abgelenkt werden könnten. Ateş: "Männer und Frauen sollen in der Moschee vor Gott treten und sich natürlich nicht so verhalten, als kämen sie in eine Bar."

Platz für inhaltliche Auseinandersetzung

Die Übersexualisierung im Islam ist für Ateşgenerell der größte Knoten ihrer Religion. Daher soll die Moschee auch Platz für inhaltliche Auseinandersetzung sein. "Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben hinausgedrängt und durch die Geschlechterapartheid begann die Tabuisierung. Kinder und Jugendliche brauchen aber Vorbilder in einem entspannten Umgang mit dem anderen Geschlecht", ist Ateşum Aufklärung bemüht - und auch darum, Frauen in den Vordergrund zu rücken.

"Es gab etwa Chadidscha, Mohammeds Ehefrau, mit der er 25 Jahre monogam lebte. Sie war Geschäftsfrau, älter als er, keine Jungfrau mehr und sie hat ihm den Heiratsantrag gemacht. Diese Geschichten muss man jungen Mädchen erzählen", ist Ateş, selbst Mutter einer jugendlichen Tochter, überzeugt. Heute mehr denn je wird sie weiterhin für einen offenen Islam auftreten. "Religion hat mit Liebe zu tun, Gott hat mit Liebe zu tun. Diesen Islam werde ich zeigen, das ist meine Aufgabe."

Die Johanniskirche im Berliner Stadtteil Moabit vermietet den Raum. Am 16. Juni wird eröffnet.

Acht Jahre lang setzte sich die Menschenrechtsaktivistin und Juristin Seyran Ateş für das Projekt ein -am 16. Juni kann sie nun ihre liberale Moschee, in der Sunniten, Schiiten, Aleviten und Sufis gemeinsam und nebeneinander beten können, eröffnen. Besonders ist zudem, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und dass das erste Freitagsgebet von einer Imamin gebetet wird. Ates selbst wird im Anschluss die Predigt halten - sie lässt sich gerade zur Imamin ausbilden. Vorbild war ein bereits 2005 initiiertes Projekt in den USA. Die Islamwissenschafterin Amina Wadud hat dort zum ersten Mal eine geschlechtergemischte Gruppe gegründet. Die Eröffnung der liberalen Berliner Moschee fällt in den Fastenmonat Ramadan - ein gemeinsames Fastenbrechen wird der feierliche Höhepunkt. Und das alles in einer christlichen Kirche.

Das Buch zur Aktion: Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete. Ab 16. Juni 2017, Ullstein (€ 20,60).

Seyran Ates eröffnet liberale Moschee in Berlin
 

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