Eine Glatze als Statement

Vor Menschen, die ein bisschen "anders" scheinen oder ausschauen, gibt es oft Vorbehalte. Andrea Höbarth z.B. trägt nach einer Chemotherapie Glatze und möchte sie salonfähiger machen. Öffnet sie sich selbst, machen dies auch die anderen, ist sie überzeugt. Die WIENERIN im Gespräch mit ihr und ihrer Mitarbeiterin Renate Süss.

Andrea, du bist von Anfang an sehr offen mit deiner Diagnose Brustkrebs umgegangen, warum hast du dich für diesen Weg entschieden?


Andrea Höbarth: Ich hab mir das bewusst überlegt, wusste auch ­immer, dass in meinem Fall eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit auf völlige Heilung besteht, und ich glaube, dieser offene Umgang mit der Erkrankung hat sehr vieles einfacher gemacht für mich. Ich glaub, es braucht viel mehr Energie, wenn man Sachen versteckt. Krankheit ist einfach ein Teil des Lebens und jeder, mit dem ich gesprochen hab, hatte einen Bezugspunkt dazu, eigentlich ist es etwas völlig Normales. Und es wäre schön, wenn das so wahrgenommen werden würde. Ich hab von Leuten gehört, die heimlich Perücken kaufen, damit ja niemand was mitkriegt. Das ist traurig, denn die Offenheit wirkt Unsicherheiten entgegen und lässt Beziehungen enger werden, man wird wirklich gestützt. Mir war als Betroffene immer wichtig, die Leute einzuladen, nachzufragen, wie es mir geht.


Das gilt auch für dein Team, richtig? Du leitest ja eine Corporate-Publishing-Agentur in Wien. Wie hast du das im beruflichen Umfeld gehandhabt?


Höbarth: Auch sehr offen, ich hab meine Erkrankung in einem Meeting angesprochen, erklärt, was Stand der Dinge ist und danach ist jeder auf mich zugekommen, das hat unseren Zusammenhalt enorm gestärkt und mir auch viel Rückhalt gegeben.

Das hat Andrea Höbarth während ihrer Chemophase zusätzlich gestärkt:

  • SHIATSU. Oskar Peter hat sich mit Shiatsu auf Onkologie-Patienten spezialisiert. Viel Erfahrung, Ruhe und Humor bringen Körper und Geist wieder in Einklang: shiatsubehandlungwien.at.
  • YOGA. Sanfte Yoga-Übungen, speziell abgestimmt auf die Bedürfnisse während der Chemotherapie, von Claudia Mainau und Lutz Mossbauer: yogamed.at/yoga-krebs/.


Renate Süss: Es geht natürlich auch darum, ein gutes Gefühl füreinander zu kriegen. Das ist genauso wie wenn jemand in Urlaub ist, den will man ja auch nicht ständig belästigen. Man überlegt halt: „Frag ich da jetzt nach oder lass ich Andrea in Ruhe?“ Wir haben jedenfalls schnell einen Modus gefunden, der für alle gepasst hat. Wenn sie mal eine Zeit lang im Krankenstand war, hab ich ihr viel zur Info geschickt und wenn sie wollte, hat sie sich eingebracht.


Würdet ihr sagen, eine gute Kommunikation ist der Schlüssel, um jegliche Art von Berührungsängsten zu vermeiden oder zu überwinden?


Höbarth: Es ist total wichtig, dass man selber sagt, welche Form von Kommunikation man sich als Betroffene wünscht, weil ja alle erst einmal eher verunsichert sind.


Süss: Ich hab auch zum Beispiel Freundinnen angerufen und nach den besten Perückengeschäften gefragt. Aber dann, Andrea, hast du gesagt, dass du die meisten Perücken schirch findest.


Höbarth: Sind sie auch. Ich trag lieber Hüte, wenn ich mal keine Lust auf Glatze hab. Ich musste auch erst meinen eigenen Stil finden, um mit den unterschiedlichen Stufen der Erkrankung umzugehen. Die Haare zu verlieren war noch einmal ein Big Step. Als das passiert ist, hab ich irgendwann in der Früh mit den Resthaaren am sonnigen Vorzimmer-Fliesenboden ein Fotoshooting gemacht und die Bilder verschickt. Das war meine Art, das emotional loszulassen.


Süss: Und uns hat es ein bisschen vorbereitet auf die erste Begegnung mit dir ohne Haare. Du hast dann auch ein Bild mit Glatze und eins mit Hut geschickt, da war dieses unglaubliche Lachen in deinem Gesicht, das hat’s mir und uns allen extrem erleichtert.


Höbarth: Ich glaube, dass es noch leichter wäre, wenn mehr Chemotherapie-Patientinnen mit Glatze herumlaufen würden. Dann würde es normaler werden, ich glaube, es ist für uns alle hilfreich, Krankheit als Teil des Lebens zu akzeptieren. Dadurch wird das Leben, jeder Moment ja auch kostbarer.

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