Eine Geschichte voller erotischer Glücksgefühle

Der Vibrator ist fast so alt wie die Menschheitsgeschichte. Schon in der Antike kam eine Art Luststab zum Einsatz. Ausgerechnet bei den prüden Briten wurde das Sexspielzeug im 19. Jahrhundert als medizinisches Gerät wieder entdeckt - und seither nicht mehr aus der Hand genommen. Buchstäblich.

Es ist eine Geschichte voller … erwarten Sie hier nicht das Wort "Missverständnisse". Denn auch wenn die Hauptfigur dieser Geschichte tatsächlich ursprünglich aus anderen Gründen in die Welt gekommen ist, sie ist vor allem eine, die weniger Missverständnisse als Glücksgefühle erzeugt.

"Baby Bug", "Butterfly Kiss", "Jimmy Jane" oder "Horny Rabbit" - seine Namen sind genauso variantenreich (und oft eindeutig zweideutig) wie Material, Form und Funktion. Nein, dem Sexspielzeug Nummer eins, dem Vibrator, sind keine Grenzen gesetzt. Übrigens auch nicht beim Preis.

Nerven-Mittel


Das hätte wohl Joseph Mortimer Grandville anno 1883 nicht ahnen können. Der britische Mediziner nämlich war es, der den Vibrator erfunden hat. Nicht für den weiblichen Lustgewinn natürlich! Nein, um die verspannten Muskeln männlicher Patienten zu lockern, wäre der kleine Bohrer gedacht, dessen Kugel an der Spitze auf Knopfdruck zu ruckeln begann. Das erklärte der "Vater des Vibrators" jedenfalls in seinem Büchlein über "Nerven-Vibration".

Dass sich "Grandvilles Hammer" aber noch zu ganz anderen Zwecken als zur Entspannung von Männern einsetzen ließ, stellten seine Kollegen schnell fest: Das Gerät diente fortan als Therapiemittel für Patientinnen der damaligen "Mode-Krankheit" Hysterie. Praktisch, denn diese waren bisher durch manuelle Massage der Klitoris von Ihrem Leiden geheilt worden. „Jetzt lässt sich in fünf oder zehn Minuten erzielen, wozu der Arzt früher eine mühsame Stunde Handarbeit brauchte", jubelte der amerikanische Mediziner Samuel Spencer Wallmann und brachte damit wohl die Freude der gesamten Arztschaft über das Gerät zum Ausdruck.

Ein weiterer Grund für den Erfolg des "Hammers" war, so handlich und aufgrund seines Batteriebetriebs flexibel zu sein. Er war damit so viel besser einzusetzen jedenfalls als der sperrige und kostspielige "Manipulator", den schon vierzehn Jahre zuvor der amerikanische Arzt George Taylor erfunden hatte. Das dampfbetriebene Gerät montierte man unter eine Liege mit Öffnung, auf die sich Frauen zu Behandlung von Hysterie legten.

Wie schon in der Antike Vibratoren eingesetzt wurden, erfahren Sie auf Seite 2 >>

Vibrator

Seit Hippokrates galt die sogenannte Hysterie als Frauenleiden. Man ging davon aus, dass es in der Gebärmutter begann und einen Stau weiblicher Körpersäfte zur Folge hatte. Dieser war nur zu lösen, indem die Ärzte per Genitalmassage eine "hysterische Krise" herbeiführten. Heute würden wir Orgasmus dazu sagen - damals war das undenkbar: Schließlich nahm man bis ins 20. Jahrhundert an, dass nur durch männliche Penetration und Höhepunkt überhaupt lustvolles Empfinden bei Frauen möglich war.

Die Methode des "Hand-anlegens" bei Hysterie wurde übrigens bereits seit der Antike eingesetzt und später immer wichtiger. Allein in den USA sollen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast drei Viertel aller Frauen an dieser mysteriösen Krankheit gelitten haben. Kein Wunder, dass die Erfindung des Vibrators einschlug wie eine Bombe…

Zitternder Siegeszug


Innerhalb kurzer Zeit war das bebende Gerät aus der Medizin kaum mehr wegzudenken: Es galt als Wundermittel für jede Krankheit - von Haarausfall bis zur Verstopfung, von Impotenz bis Arthrose. Die Vibrator-Industrie florierte und warb mit Versprechen wie "Hilfe, die jede Frau schätzen wird" munter in Magazinen für ihr Gerät. 1918 entwickelte die Firma Sears, Roebuck and Company gar einen Vibrator, der an ein Universalküchengerät angeschlossen werden konnte und so auch über Adapter für einen Mixer, Aufschäumer und Ventilator verfügte.

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Ende der 20er des 20. Jahrhundert war der Siegeszug vorbei, der Vibrator litt unter einem Schmuddelimage - bis ihn die Frauenbewegung in den 70er Jahren versuchte, wieder salon- oder besser schlafzimmerfähig zu machen. Geschafft hat das dann aber ausgerechnet die konservative US-amerikanische Regierung unter Ronald Reagan: Im Rahmen einer Anti-AIDS-Kampagne verschickte Amerikas oberster Gesundheitsbeamter im Mai 1988 eine Aufklärungsbroschüre an alle US-Haushalte und empfahl darin - neben dem Gebrauch von Kondomen - den Einsatz von Vibratoren.

Seit damals befindet sich das zitternde Lustgerät wohl in jeder gut sortierten Nachttisch-Lade und schenkt jede Menge Glücksgefühle…

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