Eine Geschichte über Krebs, Kind, Karriere und das Leben

Andrea ist 35, als sie die Diagnose Krebs bekommt. Ihr erster Gedanke: Wie erklär ich das meinem sechsjährigen Kind? Für die WIENERIN erzählt sie, wie sich ihr Leben seither verändert hat.

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„Aber jetzt hast du es geschafft, oder? Du siehst gut aus – wie geht‘s dir? Jetzt geht alles wieder seinen gewohnten Gang?“ Äh, danke, mir geht‘s gut. Nein, eigentlich nicht. Auf gewisse Art und Weise geht es mir schlechter als in den vergangenen acht Monaten. Aber irgendwie erwartet sich mein Umfeld, dass alles so ist wie früher. „Noch schnell drei Wochen Reha und dann ist die Andrea wieder die Alte.“ Dachte ich irgendwie auch. Aber mein Kopf und mein Körper sagen etwas Anderes. Zum ersten Mal seit dem Sommer 2018 funktionieren beide auf ihre Art und Weise, in ihrem Tempo. Und das passt so gar nicht zu meinen Vorstellungen, Plänen und vor allem zu meinen Ansprüchen an mich selbst. Bye bye, Perfektionismus. Bye bye, Immer-Funktionieren, Stark Sein und bloß keine Blöße geben. Schon gar nicht Schwäche. Ich weiß eigentlich nicht mal, was das ist. Darf man denn das sein? Wie funktioniert das überhaupt? Und zusätzlich die ewige Stimme im Kopf: „Stell dich nicht so an, anderen geht es viel schlechter.“

Ich wurde am 10. Juli notoperiert. Diagnose: Darmverschluss. Dank der großartigen Arbeit meines Chirurgen ist mir nur eine lange Narbe geblieben. Dennoch: fünf Stunden OP, Intensivstation, sieben Zugänge in zwei Armen, Drainage. Heilungsverlauf: im Rekordtempo binnen weniger Tage.

17. Juli während des Mittagessens. Die Ärztin kommt an mein Bett. Der histologische Befund ist da. Es ist Krebs. Ich bin 35 Jahre jung, habe Darmkrebs und werde sterben. So zumindest meine erste Reaktion. Ich werde meinen knapp sechsjährigen Sohn nicht aufwachsen sehen. Ich werde alle meine Träume nicht mehr verwirklichen können. Die Zeit steht plötzlich still.

Dann kommt Bewegung rein. Aber nicht durch mich, sondern mein liebenswertes Umfeld. Die besten Onkologen und das beste Krankenhaus werden mir organisiert. Der CT-Befund bringt Erleichterung, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht erfassen kann: Leber, Magen und Niere sind tumorfrei. Das Scheiß-Teil, wie ich den mittlerweile entfernten Mitbewohner nenne, hat nicht gestreut. Vier Lymphknoten sind betroffen, eine Chemotherapie unausweichlich. Chemo? Krebs? Das haben doch immer nur die anderen! Der Satz meines Chirurgen reißt mich aus meiner Verzweiflung: „Sie sind eine starke Frau. Wir haben jede Menge Waffen und aus denen bilden wir jetzt eine Phalanx.“ Was hilft noch? Katy Perry. Roar.

Vier Wochen später bekomme ich einen Port a Cath, einen Venenkatheter für die Chemo. Acht Zyklen à drei Wochen. Montags ist Infusionstag, danach Tabletten. Ich lebe sechs Monate lang in drei Wochen-Zyklen. Woche 3 ist immer gut. Woche 1 Scheiße. Mit dem Wissen, dass ich keine Haare verlieren werde, versuche ich meinem Sohn Krebs zu erklären. Und warum ich in Woche 1 keine Kraft habe, im Verlauf der Chemo ohne Unterstützung an Tag 1 und 2 kaum gehen kann, keine Kälte in den Fingern aushalte und Handschuhe für den Kühlschrank brauche. Nicht einmal die Kraft habe, Stiefel anzuziehen, geschweige denn vom Wohnzimmer in die Küche gehen kann. In Woche 3 ist alles fast normal. „Mama, wann geht der Krebs eigentlich wieder weg? Ich mag ihn nämlich nicht.“

Dann schreien wir doch gemeinsam meinen Bauch an: „Krebs, geh weg, wir wollen dich nicht.“ Ich versuche ehrlich zu meinem Sohn zu sein. Er soll wissen, dass ich krank bin und es Tage gibt, wo ich mich nicht um ihn kümmern kann. Aber daraus darf sich für ihn niemals eine Verantwortung ergeben. Davor muss ich ihn schützen. Obwohl ich selbst Schutz brauche.

Ich gehe arbeiten, viel von zuhause aus. Ich habe einen großartigen Arbeitgeber, der mir alle Freiheiten überlässt. Ich leite sogar ein umfangreiches Projekt und peitsche unbewusst meinen Körper durch diese sechs Monate. Weil anderen geht es ja noch schlechter, also jammere nicht.

Ich habe Hilfe von ganz besonderen Herzensmenschen, die es auch nicht scheuen, quer durchs Land zu fahren und für mich da zu sein. Dafür bin ich dankbar, denn ohne sie würde ich es nicht schaffen. Menschen, die für mich kochen, einkaufen, meinen Sohn betreuen, mich umarmen und mir signalisieren, dass ich nicht alleine bin.

Chemo 7 bringt verstärktes Kribbeln in den Fingern. Chemo 8 wird zum Super-Gau. Das Gefühl verlässt mich völlig, auch in den Füßen. Meine Feinmotorik ist weg, ebenso mein Kälte/Wärme-Empfinden. Nichts geht mehr. Ich weine oft, denn ich verliere ständig Dinge, weil sie mir aus den Fingern rutschen, ebenso erwische ich kaum noch die Münzen in meiner Geldbörse. Ja, die Chemo ist vorbei, aber mein Körper gehorcht mir plötzlich nicht mehr. Jede E-mail, jedes Telefonat wird zur Qual für meine Psyche. Ich kann nicht mehr. Worte, die es in meinem Wortschatz eigentlich gar nicht gibt.

Und plötzlich reden alle von April. Wo es mir doch wieder gut gehen wird und ich wieder die Alte bin. Ich habe Angst davor. Angst, dass ich da noch nicht wieder so weit bin. Angst, dass ich den Chemo-Bonus verspielt habe und ab April voll leistungsfähig sein muss, obwohl ich es vielleicht noch nicht bin. Weil ich mich davor nicht ausrasten konnte. Weil ich bis vor wenigen Wochen nicht wusste, wie das geht.

Ich bin zu 50 Prozent behindert, habe einen entsprechenden Ausweis. Eine 18 Zentimeter lange Narbe. Literweise Gift in mir, das meinen Körper gesund machen soll. Ich tippe jeden Buchstaben drei Mal, weil meine Finger nicht mitspielen. Ich kann keine fünf Schritte laufen, weil dann meine Beine nachgeben. Ich habe halbjährliche CTs vor mir, Darmspiegelungen, Blutbilder. Nein, nichts ist so wie es früher war.
Ich lebe. Aber anders. Und ich fange gerade erst an, zu lernen, auf mich zu achten. Und das ist so viel schwerer, als anderen gute Ratschläge zu erteilen. Ich lebe einen gesunden Verdrängungsprozess, der es mir möglich macht, nach vorne zu blicken. Aber ich muss der Verzweiflung ihren Raum lassen, sonst frisst sie mich auf ihre ganz eigene Art und Weise auf. Hör endlich auf, perfekt sein zu wollen. Schwierig. Ich will ja gut sein. Als Mutter, im Job, für meine Herzensmenschen.

Angst? Ja, auch. Manchmal. Was wäre wenn …
Aber f*ck you cancer! Ich lebe! Und ich bin dabei zu lernen, und den Perfektionismus ziehen zu lassen. Irgendwann.

 

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