Ein Weltfrauentag zum In-die-Haare-Schmieren

Am 8. März stellt der Weltfrauentag die Frauen in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Und plötzlich konkurrieren Gender Pay Gap und Frauenarmut mit Schnittblumen und Parfum-Gutscheinen. Da stellt sich die Frage: Was soll der ganze Schmarrn?

„Schön, dass es dich gibt.“
„Ich danke allen Frauen, die unser Leben jeden Tag schöner machen.“

So ähnlich werden sie klingen, die Social-Media-Postings zum Frauentag. Dazu ein Foto von einem Blumenstrauß, ein rosa Herzerl und der Verweis, dass man heute mit dem Code „Girlpower“ 20 Prozent auf das Lieblingsparfum bekommt.

Wer hat den Frauentag in die Parfumwolke gehüllt?

Erstmals begangen wurde der internationale Frauentag im Jahr 1909, auf Initiative sozialistischer Frauenbewegungen und mit der Absicht, einen besonderen Kampftag für das Frauenwahlrecht, die Emanzipation von Arbeiterinnen und für Gleichberechtigung zu etablieren. Umstritten war er seit jeher: 1977 erklärte die feministische Zeitung Courage, man habe nichts gegen einen Frauentag, nur müsse er „von denen, die gefeiert werden, bestimmt und gestaltet werden.“ 2010 plädierte Alice Schwarzer gar für die Abschaffung: „Schaffen wir ihn endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“

Brauchen wir ihn denn tatsächlich nicht mehr, den Weltfrauentag?

Ist er angesichts von Rabatt-Aktionen auf Parfums, Schnittblumen und Schuhe denn überhaupt noch für irgendetwas anderes dienlich als für den Kapitalismus (und just jene Branchen, die Frauen erstmal Unsicherheiten anerziehen, um ihnen dann das Gegenmittel dazu verkaufen zu können)?

Sind Facebook-Postings der aktuellen Regierungs-Mannschaft, in denen die Herren den Österreicherinnen für ihre „Leistungen und Opfer“, die sie für die Gesellschaft bringen, danken, angesichts der aktuellen politischen Entscheidungen und ihrer Auswirkungen auf Frauen nicht mehr Zynismus als sonst was?

Schlechtes Marketing und noch schlechteres Merchandising

Wer an einem Tag im Jahr ein Blumenstrauß-Foto auf Facebook postet und „dankbar für die Frauen auf der Welt ist“, dem fliegen die Likes nur so zu. Wer rund um einen Tag im Jahr einen „Themen-Schwerpunkt Frauen“ aus dem Hut zaubert und in großen Lettern „Was Frauen WIRKLICH wollen“ aufs Titelbild knallt, lässt sich dafür auf die Schulter klopfen.

Frauenpolitik ist aber weder Themen-Schwerpunkt noch Blumenstrauß. Und auch keine Presseaussendung, wie die Medienanalystin Maria Pernegger in einer Studie zur Sichtbarkeit von Frauen und Frauenpolitik in Medien und Politik (zum Artikel) formuliert: Pernegger hat untersucht, wie oft frauenpolitische Themen diskutiert werden. Ihr Ergebnis: Dann, wenn das Thema polarisiert und mehr oder weniger direkt mit Sex zu tun hat. So geschehen etwa beim Burka-Verbot und in der #metoo-Debatte. Tatsächliche, reale Frauenpolitik wie Gewalt gegen Frauen oder Frauenpensionen bleibt daneben ein Randthema. Was wiederum dem gesamten gesellschaftspolitischen Diskurs schadet: Wenn ständig Aufregerthemen als „Frauenpolitik“ diskutiert und als „übertrieben“ oder „unnötig“ abgestempelt werden, kann gar keine wertvolle Debatte über tatsächliche frauenrelevante Politik stattfinden.

Hat der Frauentag also nur eine schlechte PR?

Keinesfalls, findet die ehemalige österreichische Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek: „Der Frauentag nervt überhaupt nicht, weil er eine gute Gelegenheit ist, medial Wind zu machen und Frauenthemen zu platzieren. Sonst wird über Frauenpolitik eh nur bei Skandalen gesprochen“, meint die SP-Frauensprecherin im WIENERIN-Interview.

Der Weltfrauentag ist, mit all dem schlechten Marketing und bisweilen noch schlechterem Merchandising, weder unnötig und schon gar nicht übertrieben. Weil er mancherorts immerhin an diesem einen Tag im Jahr eine Debatte anstößt. Weil frauen- und damit gesellschaftspolitische Themen, wenn auch oft zweifelhaft umgesetzt, zum Gesprächsstoff werden. Und weil auch ein „Frauentagsrabatt aufs Lieblingsparfum“ ein Problem aufzeigt (wenn wahrscheinlich nicht beabsichtigt).

Je mehr Stimmen in der Debatte auftauchen – und das tun sie, wenn Frauenpolitik zumindest ein paar Tage lang öffentlich angesprochen wird –, desto höher ist die Chance, dass Frauen Verbindungen zwischen ihren eigenen Erlebnissen und theoretischen Aussagen und Forderungen ziehen können. Und wenn es persönlich wird, dann kann sich etwas verändern.

Ein Strauß Blumen tut keinem weh, auch frauenpolitischen Anliegen nicht. Ja, der Frauentag ist trotzdem bisweilen zum Haare-Raufen. Zum In-die-Haare-Schmieren ist er aber nicht. An keinem Tag im Jahr.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien erstmals am 7.3.2018 und wurde von der Redaktion aus gegebenem Anlass aktualisiert.

 

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