Ein Reiseziel, bei dem man zweimal hinsehen muss

Seit seiner politischen Öffnung erlebt Myanmar einen enormen Aufschwung, auch für TouristInnen wird das asiatische Land zum immer beliebteren Reiseziel. Doch die derzeitige Rohingya-Krise zeigt aktuell eines der vielen Probleme, die die innere Zerrissenheit und politischen Herausforderungen des Landes verdeutlichen.

Myanmar gilt als schon länger das neue Lieblingsreiseziel Asiens: Im Gegensatz zum Nachbarland Thailand oder den indonesischen Inseln, ist seit Ende der Militärdiktatur im Jahr 2010 hier touristisch noch nicht so viel los. Stattdessen warten jede Menge unberührte Natur, wunderschöne buddhistische Tempel und freundliche Einheimische - und eine Regierung, die bemüht ist, das Land immer mehr dem westlichen Tourismus anzupassen.

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Ein schönes Land mit versteckten Problemen

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren viel getan, weiß auch Sabine Ebner, Projektleiterin der österreichischen NGO "Sonne International", die in Myanmar Straßenkinder betreut. "Ich bin jetzt nur vier Jahre immer wieder hier und es ist unglaublich zu sehen, was sich verändert hat. Vor vier Jahren gab es nur Taxis und ausrangierte Busse ohne Sitzmöglichkeiten. Jetzt gibt es Autos und Parkplätze und seit neuestem sogar ein Bussystem – ich hab es gar nicht glauben können", so Ebner.

SONNE Itl. Mitarbeiterin Sabine Ebner mit betreuten Straßenkindern.

Äußerlich wirkt es fast so, als hätte sich seit dem Ende der Diktatur viel für die Menschen und deren Lebensqualität zum Positiven verändert. Zumindest ist dies das Bild, das die heimische Regierung dem Westen gerne vermitteln möchte.

Doch nur wenige Kilometer außerhalb der touristisch-frequentierten Gegenden sieht es schon anders aus. Trotz der (oberflächlichen) Bemühungen der ehemaligen Militärmächte kommt der Wirtschaftsaufschwung bei einem Großteil der Bevölkerung nicht an. Zahlreiche Kinder und Jugendliche fristen in Myanmar ihr Leben unter äußerst prekären Bedingungen auf der Straße und haben keinen Zugang zu öffentlichen Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen.

"Die Regierung steckt momentan viel Geld in die Entwicklung des Landes, oft kommt dieses Geld aber nicht den Ärmsten der Armen zu Gute. Stattdessen investiert man stark in Infrastruktur, hier sind besonders auch ausländische Interessen ein treibender Faktor", erklärt Ebner.

Yangon befindet sich im Süden des Landes und ist die größte Stadt Myanmars. Derzeit steht besonders die Region an der Grenze zu Bangladesh wegen des Rohingya-Konflikts im internationalen Fokus.

Eine dieser Maßnahmen der Regierung ist die so genannte "Entslumisierung", erklärt Ebner. Ziel ist es, die wenig herzeigbaren Slums aufzulösen und den dort ansässigen Menschen in Wohnungen eine neue Heimat zu bieten. "Die Menschen sollen aus den Slums ausgesiedelt werden, bekommen dann eine Karte und können nach 12 Monaten in eine Wohnung umsiedeln. Das Problem ist: Die Menschen leben in den Slums in ihrer Community, haben dort eine Arbeit und werden durch die Aussiedelung davon getrennt. Das Leben in einem Slum ist nie leicht, aber diese Idee ist nicht fertig gedacht. Es gibt viele Projekte von der Regierung, die darauf aus sind, viel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. Oft fehlt dafür dann das gewisse soziale Feingefühl".

Ähnliche Schwierigkeiten gibt es auch bei der kürzlich eingeführten allgemeinen Schulpflicht. Die ist zwar ein wichtiger Schritt für die Zukunft der jungen Myanmaren, trotzdem können sich gerade die Ärmsten der Armen, mit einem Familien-Tagesbudget von drei Dollar, die Bildung für mehrere Kinder nicht leisten. "Da müssen Hefte und Schulsachen gekauft werden, jeden Tag eine Jause zur Verfügung gestellt und zweimal im Jahr Schulkleidung gekauft werden – das geht sich oft nicht für alle Kinder aus". Manchmal scheitert die Einschulung schon an banalen Dingen wie dem Fehlen einer amtlichen Geburtsurkunde, ohne die die Kinder keine Schule besuchen dürfen.

Myanmar, wie man es aus dem Bilderbuch kennt: Atemberaubende Naturlandschaften, wunderschöne Tempel und Pagoden.

Die österreichische Organisation SONNE International kümmert sich in ihren Betreuungscentern seit 2008 um diese Probleme. 150 Kinder werden aktuell vor Ort betreut: Hier werden u.a. Straßenkinder auf die Integration in eine öffentliche Schule vorbereitet und marginalisierte Jugendliche in einem handwerklichen Beruf ausgebildet. Auch bei der Beschaffung einer Geburtsurkunde kann die NGO helfen.

Die Steirerin Sabine Ebner arbeitet aktuell mit einem kleinen Team vor Ort an der Realisierung eines großen Förderzentrums, das 2018 eröffnet werden soll. Dieses wird nach Fertigstellung täglich rund 100 Straßenkindern freien Zugang zu einem vielfältigen Förderprogramm bieten.

Für die Touristen ein Traum, die EinwohnerInnen weniger

Als Reiseland sei Myanmar "großartig", "weil man von den Einheimischen sehr herzlich willkommen geheißen wird und keine Angst haben muss, überfallen oder ausgeraubt zu werden", weiß Ebner, die seit mittlerweile Jänner 2017 als Projektleiterin in Yangon für SONNE arbeitet.

Kriminalität ist in dem asiatischen Staat tatsächlich kaum ein Problem. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es wegen der buddhistischen Haltung ein sehr großes Wohlwollen innerhalb der Bevölkerung. Menschen, die jemand anderen etwas antun, würden vom Karma dafür bestraft werden, so der Glaube. Das ist besonders unter vielen TouristInnen ein wichtiges Kriterium für eine Reise nach Myanmar.

Doch auch hier gibt es Unterschiede, erklärt die NGO-Mitarbeiterin: "Wenn du dein Handy im Teehaus vergisst, sind die Einheimischen die ersten, die dir nachlaufen und es dir zurückgeben. Auf der anderen Seite ist häusliche Gewalt aber ein großes Problem, auch sexueller Missbrauch an Frauen. Im Gegensatz zu in Indien gibt es darüber keinen Diskurs, es gibt eine große Dunkelziffer".

Myanmar, wie es abseits der hübschen Touristen-Gegenden aussieht.

Es sind nämlich besonders die Frauen, die unter den strengen buddhistischen Traditionen leiden: Der Zutritt zu den Tempeln ist ihnen oft untersagt, im Gegensatz zu Männern sind sie in ihren Freiheiten stark beschnitten, müssen sich um Kinder und Haushalt kümmern.

Das sind Rollenmuster, die vielfach nicht nur im Buddhismus, sondern auch im vergangenen Militärregime wurzeln. "In Myanmar herrscht immer noch ein großer Hierarchie-Gedanke. Wer beim Militär war, ist höher gestellt. Es herrscht offizieller Konsens darüber, dass jene, die für das Land gekämpft und 'etwas geleistet haben', mehr wert sind. Und weil Frauen nie dort waren, sind sie deswegen automatisch unter die Männer gestellt".

Reisen nach Myanmar? JA! Aber anders!

Ebner wünscht sich, dass mehr Menschen, die nach Myanmar kommen, nicht nur die schönen Orte und goldenen Pagoden besuchen, sondern auch darüber hinausblicken. "Der Grund, warum man reist, sollte ja nicht sein, um immer nur die schönen Dinge zu erleben, die eh alle sehen und die schon hundert Mal fotografiert wurden. Man will ja auch etwas Emotionales erleben! Die Geschichten, auf die man stolz ist, sind nicht die vom 'ältesten Tempel', sondern die, die dich wirklich berührt haben, wo man vielleicht mit den Einheimischen in Berührung gekommen ist", stellt sie abschließend fest.

Interessierte TouristInnen können sich mit der lokalen Organisation von SONNE in Kontakt setzen und das Zentrum jederzeit besuchen oder direkt an die Organisation spenden:

Gemeinsam in Myanmar ein Förderzentrum bauen! Tagesbetreuung von Straßenkindern, Nachhilfeunterricht für lernschwache Schulkinder, Handwerkliche Ausbildungsmöglichkeiten, Hygienemaßnahmen, Gemeinschaftsgarten, Sport und Spielplatz - alles unter einem Dach.

Spendenkonto:

BAWAG PSK
SONNE-International

Kennwort. „Straßenkinderkampagne“

IBAN: AT79 6000 0005 1006 1977
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