Ein Mann ist nicht genug

Moderne Frauen brauchen viele Männer. Als Freunde, Kumpel, Begleiter, Liebhaber, Seelentröster und Mentoren.

Es ist nett, mehrere Männer zu haben", sagt Petra, die vor einem Jahr mit Pomp und Trara geheiratet hat. "Viel relaxter, als wenn man nur auf einen fixiert ist." Bitte, wie? "Bist du etwa kein braves Ehefrauchen?" frage ich meine Schulfreundin, die immer schon zu den Schlimmen gehört hat. "Doch, klar", antwortet sie und grinst. "Aber ein Mal in der Woche muss ich einfach meinen Ex-Freund treffen." Ich bin verwundert: "Den, mit dem du immer so viel gestritten hast?" "Ja, genau den. Aber seit wir nicht mehr zusammen sind, lieben wir uns erst wirklich. Rein seelisch, natürlich. Das heißt, wir führen die besten Gespräche miteinander und können uns stundenlang wegphilosophieren."

Aha. Und wen gibt es dann noch? "Dann habe ich noch meinen Büro-Mann. Ein Kollege. Mit dem rennt den ganzen Tag der Schmäh, und wir beraten uns auch gegenseitig, wenn einer von uns beiden Troubles in der Beziehung hat. Ich erkläre ihm, wie seine Freundin wohl die Sache sieht, er erklärt mir, wie Männer funktionieren. Das ist toll. Und dann habe ich noch einen Freund, mit dem ich immer Qui Gong-Kurse und dergleichen besuche." "Und was sagt dein lieber Ehemann dazu?" Petra zuckt die Schultern. "Den interessiert der Eso-Kram, wie er es nennt, nicht die Bohne. Er weiß auch, dass ich sexuell nur auf ihn abfahre. Und er ist froh, wenn er zwei Mal die Woche ohne Stress seine Freunde treffen kann."

Lust an der Vielfalt.

Aber die Lust steht nicht im Mittelpunkt. Wenn Frauen wie Petra behaupten, sie hätten mehrere Männer, dann muss man nicht gleich an Seitensprung und Scheidungsanwalt denken. An Orgien oder Eifersuchtsdramen, die die ganze Nachbarschaft verstören. Sondern schlichtweg an ein neues Miteinander der Geschlechter. Die deutsche Autorin Regine Schneider hat vor einigen Jahren über die unverkrampften Lebensentwürfe moderner Frauen ein Buch geschrieben. Ein Mann ist nicht genug lautet der Titel, der keine Zweifel über den Tenor offen lässt (Verlag Marion von Schröder). Grundaussage: "Die Ansprüche der Frauen an die Männer werden immer vielfältiger. Kein Traumprinz kann alle Bedürfnisse stillen. Und deshalb arrangieren sich heute viele Frauen mit mehr als einem Mann."


Manche, so schreibt Schneider, hätten sogar ein richtiges Netzwerk an Männern - Freunde, Kumpel, Begleiter und Liebhaber. Mit unterschiedlichen Beziehungen basteln sie sich ein buntes Patchwork-Leben. Und während unsere Großmütter noch geseufzt haben: "Ach, wenn man sich doch seinen Mann selber stricken könnte!", setzen sie sich tatsächlich aus mehreren Typen einen "ideellen Gesamtmann" zusammen.

Moderne Vielmännerei.

Gründe für diesen Trend gibt es genug. Der wichtigste: Frauen sind in den letzten 40 Jahren materiell immer unabhängiger geworden. Noch in den 50er Jahren ging es bei der Partnersuche hauptsächlich darum, einen guten Ernährer zu finden, der einen für den Rest des Lebens finanziert. Der auch die Kinder immer gut versorgt und die Frau zudem gesellschaftlich aufwertet. Spaß und Lust, eine im ideellen Sinn bereichernde Partnerschaft, war dabei Nebensache. Doch nicht nur die Bankkonten, auch das Selbstbewusstsein der Frauen ist in den letzten Jahren gewachsen. Und mit ihm Werte wie "für sich selbst sorgen", "auf seine innere Stimme hören" und "seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen". Der neue Imperativ lautet: "Genieße dein Leben." Fürs Ausharren in einer lieblosen Ehe ohne nach links oder rechts zu schauen, bekommt keine Frau mehr Respekt und Anerkennung. Heute geht es darum, sich sein Glück bewusst selbst zu erarbeiten.


Und dazu gehört klarerweise auch, alle Aspekte seiner Persönlichkeit zu entfalten. Regine Schneider schreibt dazu: "Frauen sind und leben vielschichtig, während der Mann eher eindimensional seinen Weg verfolgt. Frauen sind auch emotional breiter gefächert. Sie können auf unterschiedlichsten Ebenen lieben, empfinden und die unterschiedlichsten Rollen ausfüllen. Ein Mann kann aber nicht zu jeder Rolle den adäquaten Partner abgeben." Die logische Folge: für jede Rolle einen adäquaten Partner suchen. Und dann mit dem einen zum Sport, dem anderen zum Clubbing, dem dritten zu Ausstellungen und dem vierten was auch immer gehen.

Frauen sind und leben vielschichtig, während der Mann eher eindimensional seinen Weg verfolgt.
von Regine Schneider, Autorin

Eine Lebensphase gibt es allerdings, in der so ein spielerischer Umgang mit Männern nicht angesagt ist: die der Kinderaufzucht. Schon wenn ein Baby unterwegs ist, werden meist hurtig die alten Geschlechterrollen und Lebensmuster wieder aufgenommen. Die Frauen stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und stecken ihre Kraft in die Familie. Monogamie und Treue werden großgeschrieben. Das eheliche Ideal ist immer noch, alles gemeinsam zu machen und sich vom anderen die Befriedigung aller Bedürfnisse zu erhoffen.

Ein Ideal, das jedoch nicht funktioniert, wie die Scheidungsstatistik beweist. Unzufrieden mit der Enge der alten Rollen sind vor allem die Frauen. Manche versuchen dann, ihre Ehe durch männliche Freunde zu ergänzen. Am leichtesten wird, so weiß die Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler, vom Partner akzeptiert, wenn seine Frau kulturelle Interessen oder Dinge wie Weiterbildung mit einem anderen Mann teilt. Aktivitäten wie tanzen gehen oder Freizeit in der Natur verbringen führen, weil mit Erotik assoziiert, tendenziell zu mehr Eifersucht: "Aber prinzipiell wirkt sich jedes Erleben, das eine Frau mit einem anderen als dem Partner hat, auf die Partnerschaft aus. Im besten Fall freut er sich, weil er entlastet wird. Im schlechtesten Fall fühlt er sich zutiefst in Frage gestellt oder verletzt, weil er das Gefühl hat, nicht zu genügen, oder dass die Beziehung nicht passt."

Was tun, wenn man seinen Partner zwar nicht verletzen, aber die eigenen Bedürfnisse erfüllt haben will? Billie Rauscher-Gföhler rät, "nicht immer davon auszugehen, dass man gewisse Dinge vom eigenen Mann sicher nicht bekommt. Es versuchen und ihm etwa sagen: Du, ich möchte unbedingt einmal in ein schönes Konzert mit dir gehen. Man beraubt ihn einer Entwicklungschance - und sich selbst vielleicht einer Überraschung - wenn man ihn nicht einmal mehr um etwas fragt, wenn man ihm keinen Anstoß mehr gibt."

Selbst-Bedienung.

Wenn jedoch alle Fragen und Bitten nichts fruchten, dann, so weiß die Therapeutin, werden viele Frauen beinhart. "Sie sind dann nicht mehr bereit, sich selbst nicht zu leben. Sie sagen: Ich habe 15 Jahre ihm zuliebe auf etwas verzichtet, aber jetzt will ich nicht mehr." Nicht zufällig sind auch die meisten Fallbeispiele, die Regine Schneider in ihrem Buch beschreibt, Frauen, die nach einer längeren Ehe und/oder nach der Kinderphase auf die Monogamie pfeifen. Frauen über 40, die sich von den Männern holen, was sie zu ihrem Glück brauchen. Manche leben dann alleine nach dem Motto: "Ich will nie wieder die Socken von einem Typen wegräumen" und spinnen sich ein tragfähiges Netzwerk an Freunden. Viele bleiben aber auch in der Geborgenheit ihrer Beziehung - und legen sich für den Kick einen Liebhaber zu. Schlechtes Gewissen? Kein großes Thema mehr, weiß Rauscher-Gföhler: "Früher war Sex etwas, was die Frau dem Mann gibt. Jetzt gehört er einfach zum Leben dazu. Verzicht ist heute völlig unmodern."

Früher war Sex etwas, was die Frau dem Mann gibt. Jetzt gehört er einfach zum Leben dazu.
von Billie Rauscher-Gföhler, Psychotherapeutin

Alles in allem steckt ein großer Pragmatismus in der modernen Vielmännerei. Das ist einerseits gut, weil Frauen dadurch weniger abhängig sind. Und sich nicht lange mit Jammern und Klagen und Herumerziehen aufhalten. Andererseits ist es auch ein bisschen traurig, weil damit ein großer Traum aufgegeben wird: "Denn im Grunde sehnen wir uns doch alle nach einer ausschließlichen Zweierbeziehung. Nach der Verschmelzung mit einem Partner, der alle Bedürfnisse erfüllt", so die Beziehungsexpertin. Die heimliche Hoffnung bleibt bestehen, dass wir das Seelische, das Geistige und das Körperliche in einer einzigen Partnerschaft zusammenbringen.

Und vielleicht wird sie ja auch irgendwann erfüllt. Wenn Männer sich, wie die Frauen in diesem Jahrhundert, weiterentwickeln. Vielfältiger werden. Wie? Zum Beispiel, wie Regine Schneider schreibt, "indem sie ihre weibliche Seite nicht mehr so vernachlässigen".

 

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