Ein Lied über Frauenmord verdient keine 3.000 Euro

Anfang Jänner 2020 gewann Alex Döring mit dem Lied "Freundin in der Tiefkühltruhe" den 14. Klagenfurter Kleinkunstpreis Herkules. Darin besingt er aus Täterperspektive den Mord an seiner Freundin, verpackt in scheinbare Ironie. Nur: Was soll an Femizid lustig sein? Ein Gastkommentar der Aktivistin Jorinde Wiese.

Ein Lied über Frauenmord verdient keine 3.000 Euro

Seine Freundin, die er ermordet hat, liegt in der Tiefkühltruhe. So singt der Künstler Alex Döring am 04. Januar 2020 beim 14. Klagenfurter K(l)einkunstpreis Herkules über den fiktiven Mord an seiner Partnerin. Über ihre gefrorene Leiche im Tiefkühler. Und er gewinnt: Für seinen Femizid-Song "Freundin in der Tiefkühltruhe" bekommt er nicht nur eine Bühne, sondern auch 3000 Euro Preisgeld.

Mario Kuttnig von der Agentur Herkules, die den Kleinkunstpreis veranstaltet, schreibt über den Preisträger: "…von freien Sträußen und Tiefkühl-Freundinnen: Alex Döring hatte den Saal fest im Griff mit Songs, bei deren Wortspielen man sich beim Lachen gut am Stuhl festhalten musste. (…) Er philosophierte (…) über die Wichtigkeit der richtigen Partnerwahl, fror seine hypothetisch untreue Freundin im Tiefkühlschrank ein und konstatierte dann: "Ich werd‘ Dich nie wieder abtau’n, Girl!". Spätestens ab der Zugabe summte und sang das Publikum mit."

Gewalt gegen Frauen ist kein Witz, sondern Realität

Dass Menschen über ein Lied lachen können, in dem eine Frau ermordet wird, zeigt wie wenig sichtbar Gewalt an Frauen ist - und wie wenig bekannt Femizide sind. Kurz zu den Basics: Femizide sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. In Deutschland versucht laut BKA jeden Tag ein Mann seine (Ex)Partnerin zu töten, mindestens jeden dritten Tag gelingt das. Im Jahr 2019 zählte Prof. Kristina Wolff 176 Femizid-Fälle in Deutschland. Im internationalen Vergleich der Tötungen pro eine Million Einwohner im Jahr 2017 lag Deutschland vor Frankreich, der Schweiz und Spanien. Spätestens seit dem Femizid in Kitzbühel, wird auch in Österreich darüber berichtet. Meistens sind die Täter Partner, oder Expartner und viele dieser Morde geschehen während der Trennungsphase oder bei einem neuen Partner. Femizide sind kein Spaß, sie sind Realität.

Der Künstler Alex Döring ignoriert das und veralbert den Mord an seiner Freundin in einem Lied. Anfang Dezember 2019 sorgte der Femizid-Song beim Freiburger Kleinkunstpreis für Studierende bereits für Kritik, diese blieb aber wirkungslos. Femizide sind ja witzig, oder?

Diskriminierung ist keine Kunst

Ich habe die Petition #KeineBühneFürGewaltgestartet um darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt an Frauen keine Bühne verdient. Ich möchte mit der Petition keine Diskussion über Kunstfreiheit anfangen, denn Döring hat ja die Freiheit all das öffentlich zu singen und tut das auch weiterhin.Ich möchte darüber reden welcher "Kunst" eine Bühne geboten wird und welche "Kunst" mit Preisen ausgezeichnet wird.

Man kann mit Meinungs- und Kunstfreiheit nicht jegliche Diskriminierung, Menschenverachtung, oder Beleidigung wegargumentieren.

Es ist keine Satire und kein schwarzer Humor, wenn ein Künstler besingt wie er die Freundin ermordet hat und sie jetzt steif neben Brathänchen in der Tiefkühltruhe liegt. Es ist frauenverachtend und hat mit schwarzem Humor nichts zu tun. Sie hat ihn betrogen, Kurzschlussreaktion, selber schuld. "Was hast du dir dabei gedacht?", fragt er sie im Lied. Mord an ihr, höhnische Freude an ihrem Tod und zum Schluss soll auch noch die Mutter getötet werden? Hey, das kann man sich ja gar nicht beschissener ausdenken!Das hat nichts mit Gesellschaftskritik zu tun, nichts mit Entlarven von irgendwelchen Machtstrukturen. Man kann mit Meinungs- und Kunstfreiheit nicht jegliche Diskriminierung, Menschenverachtung, oder Beleidigung wegargumentieren.

Ich liebe Satire und schwarzen Humor, aber mir kann niemand sagen, dass Alex Döring sich dessen bemächtigt hat. Er hat einfach gemacht, was bis jetzt immer funktioniert hat. Die Leute lachen ja, zumindest manche. Noch.

Jorinde Wiese - Studentin, Bloggerin, WAKE UP Comedy Erfinderin, Aktivistin, Sichtbarmacherin der Klitoris und Mythenabschafferin - hat die Petition #KeineBühneFürGewaltgestartet, um Veranstalter*innen daran zu erinnern, dass auch sie eine Verantwortung dafür haben, wem und welchen Inhalten sie eine Bühne bieten. Denn: "Das Problem ist so viel größer als irgendein K(l)einkunstpreis!" Ihr könnt die Petition hier unterzeichnen.

http://jorinde.ch

Instagram: @jorindeundjoringelundsoweiter

Twitter: jorinde_wiese

 

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