Ein Leben ohne Periode – Wollen wir das?

Medizinisch gibt es keinen Grund eine Pillenpause von 7 Tagen einzulegen, man könnte die vielfach ungeliebte Periode einfach eliminieren. Wollen wir das?

2190 Tage verbringt eine Frau in ihrem Leben durchschnittlich menstruierend. Oft geht das mit Schmerzen und Unwohlsein einher. Für manche Frauen ist das einfach zu viel: Laut einer Studie namens „ ISY - The Inconvenience due to Women’s Monthly Bleeding“, die unter 6000 Frauen in 12 Ländern (darunter auch Österreich) durchgeführt wurde, würden 60 Prozent aller Frauen gerne weniger als 12 Mal im Jahr bluten. Auch Frauen die hormonell verhüten, empfinden nur marginal weniger Symptome (5,3 statt 5,9), als Frauen die keine hormonellen Kontrazeptiva nehmen. 29 Prozent aller Frauen würden ihre Periode gerne komplett eliminieren.

Nichts ist natürlich am 28-Tage-Pillenzyklus

Anlässlich dieser Studie waren wir kürzlich zu einem Presseevent im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch eingeladen. Renommierte Gynäkologen wie Dr. Christian Fiala und Dr. Helena Kopp Kallner klärten darüber auf, dass es keinen medizinischen Grund dafür gibt, überhaupt eine Pillenpause einzulegen. Der 28-Tage-Zyklus wurde bei Einführung der Anti-Baby-Pille mehr oder weniger willkürlich festgelegt, um Gesellschaft und Anwenderinnen einen natürlichen Zyklus vorzuspielen. Das Event namens „Your Chance to Choose“ war wie ein empowernder Befreiungsschlag inszeniert: Genau wie wir aussuchen können, ob und wann wir schwanger werden möchten, so können wir auch eigenständig entscheiden, ob und wann wir menstruieren möchten. Wir sprachen über das Stigma der Periode, dass menstruierende Frauen vielerorts noch immer als „unrein“ wahrgenommen werden, die finanzielle Bürde von Damenhygiene und über die körperlichen Beschwerden, an denen viele Frauen leiden. Die Ärzte stellten auch die Natürlichkeit davon in Frage, überhaupt monatlich zu menstruieren: Früher durchlebten Frauen im Zuge ihrer fruchtbaren Jahre durchschnittlich 150 Perioden, da sie 12-15 Schwangerschaften erlebten und 8-10 Kinder geboren haben. Da wir heute nur noch 1-2 Schwangerschaften erleben, kommen wir auf 450 Menstruationen im Leben.

So wenige Perioden hatten Frauen vor der Einführung hormoneller Verhütung:

Und so sieht unser Zyklus jetzt aus:

Pharmaindustrie: Umsatzsteigerung durch Abschaffen der „Periode“?

Um die befreiende Nachricht: „Wir müssen nicht menstruieren!“ in die Welt hinaus zu tragen, waren circa 25 Journalistinnen aus dem Bereich Frauengesundheit aus ganz Europa eingeflogen und in Wien beherbergt worden. Was während der gesamten Veranstaltung allerdings nicht thematisiert wurde: Die Studie mit dem leicht suggestiven Namen „Die Unannehmlichkeiten der weiblichen Monatsblutung“ wurde von Teva Pharmaceutical Industries, einem der Top 10 führenden Pharmakonzerne der Welt, in Auftrag gegeben und finanziert. Über deren gesteigertes Umsatzvolumen von jährlich rund einem Drittel, das sich ergibt, wenn wir die Pille durchnehmen, anstatt alle 21 Tage eine siebentägige Pause einzulegen, wurde auch nicht gesprochen. In Anbetracht dessen, wirkt es fast ironisch, vorzurechnen, wie viel Frauen sparen, wenn sie nicht monatlich Geld für Binden und Tampons ausgeben müssen. Solange Frauen ihr Geld bei Pharmakonzernen ausgeben, ist es in Ordnung, oder?

Kann Menstruation nur Fluch oder auch Segen sein?

Ja, wir müssen unsere Monatsblutung destigmatisieren und offen darüber sprechen. Zu dieser Offenheit gehört aber auch Transparenz, von wem welche Botschaften gesendet werden, damit wir sie einordnen können. Und obwohl es wichtig ist, dass Frauen das Gefühl haben, dass sie über ihre Probleme und Beschwerden im Zusammenhang mit der Regelblutung sprechen können, stellt sich die Frage, wie befreiend es ist, diese negativen Aspekte zum Mittelpunkt des Gespräches zu machen. In weniger westlich-kapitalistisch geprägten Kulturkreisen wurde die Menstruation zum Beispiel sogar als Kraftquelle, wie sich im Buch „Der Weg der Kaiserin“ nachlesen lässt, gesehen. Eine chinesische Ärztin und eine Medizinsoziologin erläutern darin, wie Frauen die Kraft ihrer Menstruation für Rituale, um ihre Intuition zu stärken, in Trance zu geraten und um die eigene Kraft zu stärken, nutzten. Beschwerden wurden als Symptome gedeutet, um Störungen im Körper zu identifizieren. Manche Frauen machen auch die Erfahrung, dass mit mehr Sport und veganer Ernährung Menstruationsbeschwerden vergehen. Dieser Ansatz unterscheidet sich diametral von einem kapitalistischen Weltbild, in dem der weibliche Körper Marktordnungen unterliegt und man die Periode unterdrückt, um keine Beschwerden, eine reine Haut und schöne Haare zu haben. Nebenwirkungen wie Libidoverlust, Kopfweh, geringeres Selbstbewusstsein oder das erhöhte Thromboserisiko werden in diesem Kontext oft heruntergespielt, und Kondome als Option für dauerhaftes Verhüten eigentlich ignoriert.

Selbstbestimmung ist für jede anders

Medizinisch gibt es keinen Grund, eine Pillenpause einzulegen: Für manche Frauen mag es befreiend sein, die Pille durchzunehmen und nur zwei Mal im Jahr eine Entzugsblutung zu induzieren. Immerhin profitiert man durch die Pilleneinnahme auch von einem geringeren Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Für andere bedeutet Selbstbestimmung, den eigenen Körper kennenzulernen und täglich die Temperatur zu messen. Alles ist okay und um die Diskussion um Fruchtbarkeit und Menstruation wahrlich zu destigmatisieren, müssen wir aufhören, Frauen für ihre Entscheidungen zu verurteilen. Um wirklich selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, muss man sich aber auch aller Alternativen bewusst sein.

 

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