Ein Jahr Doppelresidenzmodell: Ein Erfahrungsbericht

Wie ist das, wenn die Kinder die halbe Woche beim Papa, die halbe bei der Mama leben? Von Zweifeln, Wünschen und einem Familien-Plan B, der richtig gut funktioniert.

„Tschüß, Mami, wir sehen uns bei dir in der Wohnung, dann schlaf ich wieder bei dir!“, schreit meine zweieinhalbjährige Tochter, während sie mit ihrem drei Jahre älteren Bruder mit den Rädern zu ihrem Papa fährt. Der Weg ist nur ein Radweg, Papas Wohnung nur 200 Meter entfernt. Ich stehe da, schaue ihnen nach, hoffe, dass sie nicht zusammenstoßen, und winke. Und dabei ist mir ein wenig zum Heulen.

Seit einem Jahr leben unsere Kinder im Doppelresidenzmodell. Die erste Wochenhälfte sind sie bei ihrem Papa, am Mittwochnachmittag beim Opa und die zweite Hälfte bei mir, die Wochenende werden gewechselt. Das klingt stressig. Das ist unser Leben.

"Kann Papa auch mal bei uns schlafen?"

Seit einem Jahr, zwei Jahre nach unserer Trennung, haben unsere Kinder zwei Zuhause. Als R. vor kurzem ein Freundebuch aus dem Kindergarten mitbrachte, haben wir bei „Hier wohne ich“ zwei Adressen eingetragen. Als wäre es das Normalste auf der Welt. Und doch weiß ich, dass unser Lebensmodell bei weitem nicht normal ist. Einerseits, weil es ein Modell für privilegierte Eltern ist: Zwei voll ausgestattete Wohnungen zu finanzieren, klappt nur, weil wir beide gut verdienen. Durch die 50-50-Aufteilung fließen keine Alimente, Ausgaben wie Kindergarten oder Kleidung werden halbe-halbe von einem Familienkonto beglichen.
Andererseits ist es nicht normal, weil wir in den Kindergartengruppen der Kinder die einzige Familie sind, die getrennt lebt, und in unserem Umfeld die einzige im Wechselmodell. Unseren Sohn beschäftigt das: „Kann Papa auch einmal bei uns schlafen?“ Beim Antworten auf diese Fragen werde ich wohl nie Routine bekommen.

Seit einem Jahr schaffen wir es, unsere lebenslange Beziehung als Eltern über eine zerbrochene als Paar zu stellen. Die „Übergabe“ der Kinder erfolgt nicht an der Tür, wir essen zum Beispiel oft gemeinsam, bevor der Andere mit den Kindern die Wohnung wechselt. Eine solche Nähe der Kinder zuliebe zuzulassen, ist schwierig. Weil der ständige Kontakt auch heißt, dass sich das Verarbeiten von Verletzungen aus dieser zerbrochenen Liebesbeziehung in die Länge zieht. Das nervt, das zehrt. Ich hab die Situation im vergangenen Jahr oft verflucht, mir vorgestellt, dass es einfacher wäre, wenn wir unsere Familie „klassisch“ aufgeteilt hätten, dann müsste dieser enge Kontakt nicht sein.

Seit einem Jahr weiß ich, dass Plan B nicht die schlechte Alternative zu Plan A ist. Auch wenn ich mich von dem Denken verabschiedet habe, dass nur eine Familie, die unter einem Dach wohnt, eine „richtige“ Familie ist (ich hätte nie gedacht, dass das so schwer sein würde!), merke ich, dass meine Angst, dass sich meine Kinder zerrissen fühlen, immer da ist. Eine wöchentliche Aufteilung – ich spreche im Zusammenhang mit den Kindern so ungern von Aufteilung, aber es fehlt an einem besseren Wort – wäre für uns beide beruflich eine Herausforderung: Eine Woche Vollzeit arbeiten, eine Woche Teilzeit, um die Kinder um 4 Uhr aus dem Kindergarten abzuholen – eine schwierige Planung.
Trotzdem sind mein Ex-Partner und ich uns bewusst, dass der Zeitpunkt kommen kann, wo unser Modell nicht mehr passt. Dass die Kinder, wenn sie älter sind, eine Änderung wollen, und die werden wir aushalten und eine Lösung finden. Das System, das wir momentan leben, war von Anfang an ein „schauen wir mal“. Ob es für alle Beteiligten passt, ob wir damit umgehen können.

Kinder-Kater und viel freie Zeit

Seit einem Jahr kommt es immer wieder vor, dass ich in ein Loch falle, wenn meine Kinder wieder bei ihrem Papa sind. An unseren drei oder vier Tagen spielt sich volles Kinderprogramm ab, ständig will jemand was von mir, es wird gekuschelt, geblödelt. Kaum sind sie aus der Tür, bin ich allein. Das fühlt sich manchmal an wie der Kater nach einem Rausch. Gerade noch war ich ständig am Tun, jetzt ist alles ruhig. Manchmal ist das herrlich, manchmal macht es mich traurig.

Seit einem Jahr frage ich mich immer wieder, ob das alles gut ist, richtig ist, es wert ist. Unser Sohn war viereinhalb, als ich ausgezogen bin. Die erste Zeit war hart für ihn. „Ich will nicht zwei Wohnungen haben, das ist blöd, dann vermisse ich immer einen!“ Wutausbrüche, Tränen. Und meine eigener Schock und die anfängliche Unfähigkeit, auf diese Vorwürfe zu reagieren. Weil  man selber noch die Wut darüber in sich hat, dass es überhaupt so weit gekommen ist, das man es soweit hat kommen lassen, dass man es nicht geschafft hat, eine glückliche Beziehung zu leben.

Bis meine Therapeutin einen heilenden Satz gesagt hat: „Natürlich darf er das blöd finden. Aber das heißt nicht, dass es blöd ist.“ In dem Moment hat sie mir eine wahnsinnige Last von den Schultern genommen, die ich mir selbst auferlegt hatte: Wenn es schon nicht perfekt ist, dann muss ich mit aller Kraft dafür sorgen, dass es jetzt wenigstens supertoll wird. Während ich mich abgestrampelt und in dieser Idee verrannt habe, habe ich übersehen, dass wir alle, mein Sohn, meine Tochter, ich, mein Ex, es auch richtig blöd finden dürfen. Dass das okay ist. Genauso, wie es okay ist, dass ich unser Modell in vielen Dingen super finde. Ich habe drei „freie“ Abende in der Woche, ich habe Wochenenden, an denen ich viel Zeit für mich habe und auch nicht den „Mental Load“, das ständige Dran-Denken, was noch alles zu erledigen ist, mit mir herumschleppe.
Ich sehe meine Kinder, die zwei Eltern haben, die sich einiges abgerungen haben, um zwar als Paar getrennt, aber als Familie so gut wie nie zuvor zu sein.

Und ich sehe meine zwei Kinder, die mit dem Rad von der Mama-Wohnung zur Papa-Wohnung fahren. Als wäre es das Normalste auf der Welt.

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