Ein bisschen Veggie

„Humus statt Huhn“ heißt es jetzt nicht immer, aber immer öfter. Denn die Flexitarier kommen! Das Motto der Vorkoster mit moralischer Ernährungsweise: Lieber ein bisschen Veggie als gar keiner. Und sie haben ziemlich gute Gründe dafür, warum wir alle weniger (oder gar keine) Tiere essen sollten.

Bei den MTV Music Awards im September 2010 trug Lady Gaga noch einen ungustiösen Fetzen aus Fleischlappen. Nicht nur durch die Medien ging ein Aufschrei. Ein paar Wochen später präsentierte sich die Sängerin dann in der Show der veganen Talkqueen Ellen DeGeneres im Bikini aus Gemüse. „Mit meinem Fleisch-Outfit", entschuldigte sich Lady Gaga, „wollte ich keine Vegetarier oder Veganer beleidigen. Sondern klarstellen: Ich will kein Stück Fleisch sein."

Was die Künstlerin nicht sein will, wollen viele Menschen nicht mehr auf dem Teller liegen haben: Fleisch. Oder genauer: tote Tiere. Man muss sich nur einmal im Bekanntenkreis umhören. Einen gibt es immer, den ein Film wie Food Inc., We feed the world oder Earthlings oder ein Buch wie der Bestseller Tiere essen von Jonathan Safran Foer, Peter Singers Die Befreiung der Tiere oder, ganz aktuell, Karen Duves Anständig essen. Ein Selbstversuch dazu gebracht hat, seine Essgewohnheiten zu verändern.

Ganz zu schweigen von Lebensmittelskandalen - Stichwort BSE, Gammelfleisch und zuletzt Dioxin in deutschen Eiern, Hühnern und Schweinesteaks. Wer glaubt, das beträfe uns nicht, irrt: Denn 80 % des hierzulande verzehrten Schweinefleisches importiert Österreich vom großen Nachbarn.

Veggie cool. Neu ist: Den meisten Umdenkern geht es heute nicht darum, Hardcore-Vegetarier zu sein, der Ökoschlapfen-Fraktion anzugehören und Fleischesser bekehren zu wollen. Yotam Ottolenghi zum Beispiel, derzeitiger Liebling der Londoner Kochszene, schreibt in der britischen Tagezeitung Guardian die The New Vegetarian-Kolumne - liebt aber Fleisch. Er sagt: „Die Gruppe der pragmatischen Vegetarier wird immer größer. Sie lassen Fleisch und Fisch häufig weg, obwohl sie beides mögen. Aber sie reduzieren den Genuss aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie Tier und Umwelt schonen wollen."


Ottolenghis Veggie-Kochbuch Plenty schoss bei Amazon UK sofort auf Platz 3. Soeben auf Deutsch erschienen, dürfte es auch hierzulande die sogenannten Flexitarier erfreuen: Laut Statistik Austria gibt fast die Hälfte der Österreicher an, darauf zu achten, nur wenig Fleisch zu essen.

Ein Tag fürs Tier. Alexander Willer wundert der jetzige, im Vergleich zu früheren Veggie-Wellen triumphale Siegeszug von Karotte & Co nicht: „Jedes Thema braucht eine kritische Masse", sagt er. „Und an diesem Punkt sind wir angelangt: Weil sich Meinungsmacher mit dem Thema befassen, beschäftigt sich auch der Rest der Öffentlichkeit damit."

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Verlockend ist die Vorstellung, schon mit etwas Verzicht auf Fleisch viel Gutes für die Umwelt bewirken zu können: So würde jeder vegetarische Tag in Wien so viel CO2 einsparen wie 100.000 Autos ausstoßen, hat Ernährungswissenschaftler Martin Schlatzer vom Wiener Institut für Ethik und Wissenschaft im Dialog ausgerechnet.
Tomaten sind nicht die einzige Pflanzenkost, mit der in Wiens bekanntestem veganen Restaurant, Landia (www.landia.at), gekocht wird. Die Gäste: ernährungsbewusste Menschen, aber nicht zwingend Vegetarier oder Veganer. Im Gegenteil: „Viele unserer Gäste essen sonst schon Fleisch“, sagen die Betreiber.
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Willer nützt diese Aufmerksamkeit, um in Wien einen Veggie Day (www.veggieday.at) nach dem Vorbild der belgischen Stadt Gent einzuführen: Einmal pro Woche soll jeder auf Fleisch verzichten - mit dem Ziel, Kantinen in Kindergärten, Spitälern, Schulen und öffentlichen Einrichtungen dazu zu bringen, donnerstags ausschließlich fleischlose Gerichte anzubieten.

Denn so wie bisher kann es nicht weitergehen, warnen Experten: Massentierhaltung ist Gift für die (Um-)-Welt. Man braucht nur die alarmierenden Ergebnisse aktueller Studien zu betrachten: Um ein Kilo Rind-fleisch (= ca. fünf Wiener Schnitzel) zu produzieren, benötigt man 15.000 Liter Wasser und 300 Kilo Getreide. Und rechnet man den Treibhauseffekt der Lebensmittelproduktion in Autokilometer um, kommt der fleischverzehrende Mensch im Jahr auf 4.758 Kilometer (damit käme man von Wien bis nach Karachi in Pakistan). Wer auf Tierprodukte ganz verzichtet, also vegan lebt, bringt es hingegen nur auf die Strecke Wien-Bregenz.

Fleisch ade im Karneval. Ab Anfang März geht es mit der Veggie Day-Initiative in Wien los - mit fleischlosen Kostproben für Passanten. Nicht ohne Grund haben sich die Veranstalter den Höhepunkt der Faschingszeit ausgesucht: Denn übersetzt heißt Karneval (von: „Carne Vale") ursprünglich „Fleisch ade".

Gemüse out. Veggie in. Es muss ja nicht gleich ein Abschied für immer sein. Aber aus manchem pragmatischen Flexitarier ist schon ein ganzer Veggie geworden. Selbst der größte Rindfleischverwerter der Welt, McDonald's, segelt neuerdings auf der Welle des neuen Vegetarismus mit: Gehörte sein Gemüsemac im Jahr 2005 noch zu den Ladenhütern und wurde schnell wieder eingestellt, geht er als Veggie-Burger seit Februar 2010 pro Monat 2,2 Millionen Mal über die Theke. Nicht einmal mehr Fastfood-Konsumenten können sich also mittlerweile der Diskussion ums Tiereessen" entziehen - und sagen: „Das ist mir nicht mehr Wurst."

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