Ein Besuch beim "Therapiesalon im Wald"

Waldluft sollte es auf Rezept geben! Das findet jedenfalls eine Gruppe von Therapeuten und Ärzten, die gemeinsam ein einzigartiges Therapiezentrum geschaffen haben, um psychosomatische Erkrankungen zu behandeln. Den „Chefarzt“ gibt dabei der Wald!

Vor lauter Bäumen sieht man das Gebäude des Therapiesalons im Wald in Edlitz an der Rax zunächst kaum. Ruhig und idyllisch am Waldrand liegt die private Einrichtung, in der bis zu 17 Personen mit Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Suchterkrankungen behandelt werden. Wie eine Klinik wirkt sie nicht, kein Wunder, dass sie einer der Therapiegäste später als „Gesundenhaus“ beschreibt. Sportprogramm, Entspannungsangebote und Psychotherapieeinheiten wechseln einander hier ab und der Wald und die Natur spielen im Programm eine große Rolle. Wir durften eine Gruppe zu einer Land-Art-Einheit – einer Therapiestunde, bei der jeder etwas aus Naturmaterial gestaltet, um es dann zu analysieren – in den Wald begleiten.

Land-Art

Über die Schwelle treten. „Haben alle die richtigen Schuhe an?“, fragt Naturtherapeutin Ramona Weilguni, bevor die Gruppe in Richtung Wald losmarschiert. Sie haben. Also dann, los geht’s. Am Waldrand fordert sie ihre Schützlinge auf, „über die Schwelle“ zu gehen und danach nicht mehr miteinander zu reden. „Wir lassen alle Alltagsgespräche hinter uns, den Job, die Sorgen, und tauschen uns mal für zehn Minuten nicht über die neuesten Strickmuster aus“, erklärt die Therapeutin. „Wir betreten einen neuen Raum und kommen so leichter zu uns und in die Achtsamkeit. Einfach mal nicht zu sprechen – das allein kann schon befreiend sein.“
So gehen alle still dahin, ein bisschen bergauf, die trockenen Blätter und Äste knirschen unter den Schuhen. Die Gruppe findet eine kleine Lichtung und setzt sich hin. „Schließ jetzt deine Augen“, leitet Ramona Weilguni die Teilnehmer an. Sie spricht ganz langsam, legt Pausen ein. „Welche Geräusche sind um dich herum? Atme ruhig und tief. Welche Gerüche nimmst du wahr? Wie fühlt sich der Boden an, auf dem du sitzt? Wie ist die Temperatur, die du spürst?“ Alle werden ruhig und immer ruhiger.
„Diese einfache Übung kann man auch in einem Park oder im Garten jederzeit machen, ein paar Minuten reichen schon aus“, sagt die Expertin. „Kommt man dabei ganz zu sich, kann man störende Dinge danach wesentlich gelassener annehmen.“

Naturgestalten

Dann ist es Zeit, aktiv zu werden: ­Jeder soll sich einen Platz suchen, der ihn anspricht, bzw. sich von einem Platz finden lassen, und dann mit dem Material, das er dort findet, etwas gestalten. Der eine legt sofort los und steuert zielgerichtet auf einen Baumstamm zu. Der andere sucht noch ein bisschen herum, mag mit dem Bildlegen aus Steinen später dann aber überhaupt nicht mehr aufhören. Eine Dritte ist konzentriert auf der Suche nach einem ganz bestimmten Ästchen, das ihr für ihr Gebilde noch fehlt ...
Beim anschließenden Besprechen der Skulpturen oder Bilder dürfen die Therapiegäste zunächst selbst interpretieren und erklären, was ihr Objekt bedeutet oder bedeuten könnte. Der 26-jährige Jusstudent Rüdiger S.* hat einen kleinen Steinhaufen gebildet und einen Ast mit grünen Blättern hineingesteckt. Das Analysieren fällt ihm leicht, schließlich ist der junge Mann, der nach Depressionen kokainsüchtig geworden war, schon seit acht Wochen hier. „Ich empfinde die Natur generell als sehr heilsam“, erzählt er. „Man ist einfach auf das Wesentliche reduziert und das sind doch sehr viele Eindrücke – aber keine künstlichen, sondern natürliche. Alle Sinne werden beansprucht. Das macht es, glaub ich, aus.“

Schauen, was auftaucht

Therapeutin Ramona Weilguni fragt beim Interpretieren immer wieder nach und liefert zusätzliche Impulse, die auch später in der Einzeltherapie wieder aufgenommen werden. „C. G. Jung ist schon davon ausgegangen, dass man therapeutisch nur damit arbeiten kann, was im Moment aus dem Menschen auftaucht – und so mache ich das auch“, erklärt sie ihre Arbeitsweise. „Oft nützt es nichts, beispielsweise an einer Beziehungsgeschichte zu arbeiten, wenn beim Gestalten in der Natur ein anderes Thema auftaucht – dann muss man das zuerst angehen.“ Sie fotografiert alle Objekte, um sie sich mit ihren Klienten jederzeit wieder in Erinnerung rufen zu können.
„Naturtherapie kann auch bedeuten, einfach nur in der Natur zu sein“, erklärt die Therapeutin auf dem Rückweg. Das Gestalten müsse gar nicht immer unbedingt sein, Wandern im Wald sei auch gut. „Aber dieses Einfache, das ist so irrsinnig schwierig geworden“, sagt sie. „Wir schaffen es kaum noch, das für uns zu nutzen. Die Natur ­bietet so viele Ressourcen, wir müssten sie nur wieder sehen und annehmen und diese ganz banalen, einfachen Dinge – wie einen Spaziergang im Wald – auch wirklich machen.“

Klaus W. (Name geändert) ist 40, Drehbuchautor und Regisseur und vor einiger Zeit an schweren Depressionen und Burnout erkrankt. Seit fünf Wochen ist er im Therapiesalon im Wald und erzählt, wie es ihm hier geht:

„Vom ersten Tag an war ich bei den intensiven Spaziergängen und Wanderungen dabei, und ich war wirklich verwundert, wie gut man da abschalten kann. Das ist mir mein Leben lang schwergefallen, dieses Im-Hier-und-Jetzt-Sein und ganz grundsätzliche Dinge wahrzunehmen, die man im stressigen Arbeitsalltag überhaupt nicht mehr sieht. Bei mir hatte es nur noch gerattert und gerattert, und ich hatte verlernt, auf mich zu achten, auf das, was mir guttut. Als die akute Phase noch nicht überstanden war, da kreisten meine Gedanken morgens beim Aufwachen, ich dachte an die Zukunft, an alles Mögliche. Und dann bei den Wanderungen, die wirklich ordentlich anstrengend sind, geht man mehrere Stunden, ist in der Natur, kommt ins Schwitzen und nimmt wahr, wie eine Tanne riecht, wie so eine Nadel beim Vorbeigehen in die Haut sticht. Oder man spürt die Brennnessel am Bein. Irgendwann konzentriert man sich nur noch darauf, einen Schritt nach dem ­anderen zu machen. Man hat keine Kraft mehr, über irgendetwas nachzudenken, und wenn man am Berg oben ist, ist der Kopf komplett frei und das ist großartig. Da ist man einfach da, und das bereitet einen auch gut auf die Einzeltherapien vor, weil man offener ist. Ich bin jetzt auch optimistisch für die Zukunft und freue mich schon wieder aufs Arbeiten. Ich werde meine Tage aber anders strukturieren und mit weniger Druck an Projekte herangehen. Ich werde mir erlauben, abzuschalten und nichts zu tun, auch wenn das für einen Freiberufler eine große Herausforderung ist – aber wenn man das nicht macht, schafft man gar nichts mehr. So entspannt wie hier war ich lange nicht mehr!“

Thomas Legl leitet den Therapiesalon im Wald
(therapiesalon.at). Er erklärt das Konzept:

„Wir bieten hier ein ganzheitliches Programm mit einem Mix aus Psycho-, Abenteuer- und Erlebnistherapie im Naturraum an, setzen auf Entspannung und begleiten das alles medizinisch. Vor allem bei Menschen mit Depressionen und Überlastungsdepressionen, auch Burnout genannt, funktioniert das großartig. Denn im Wald und vorwiegend beim Bewegen im Wald kommt man in einen meditativen Zustand, man konzentriert sich auf das Wesentliche. Und das haben viele verlernt. So eine Wanderung bringt Ruhe und Entspannung und hat einige physiologische Vorteile: Die Dopaminproduktion etwa wird angeregt – das heißt, man kann sich auch auf natürliche Weise holen, was sonst oft durch Antidepressiva zugeführt wird. Depressionen z. B. sind mit Medikamenten alleine nicht zu heilen, da braucht es eine intensive Auseinandersetzung. Also machen wir uns die Wirkung der Natur zunutze und kombinieren sie mit anderen Therapieformen.“

Klaus W. (Name geändert) ist 40, Drehbuchautor und Regisseur und vor einiger Zeit an schweren Depressionen und Burnout erkrankt. Seit fünf Wochen ist er im Therapiesalon im Wald und erzählt, wie es ihm hier geht:

„Vom ersten Tag an war ich bei den intensiven Spaziergängen und Wanderungen dabei, und ich war wirklich verwundert, wie gut man da abschalten kann. Das ist mir mein Leben lang schwergefallen, dieses Im-Hier-und-Jetzt-Sein und ganz grundsätzliche Dinge wahrzunehmen, die man im stressigen Arbeitsalltag überhaupt nicht mehr sieht. Bei mir hatte es nur noch gerattert und gerattert, und ich hatte verlernt, auf mich zu achten, auf das, was mir guttut. Als die akute Phase noch nicht überstanden war, da kreisten meine Gedanken morgens beim Aufwachen, ich dachte an die Zukunft, an alles Mögliche. Und dann bei den Wanderungen, die wirklich ordentlich anstrengend sind, geht man mehrere Stunden, ist in der Natur, kommt ins Schwitzen und nimmt wahr, wie eine Tanne riecht, wie so eine Nadel beim Vorbeigehen in die Haut sticht. Oder man spürt die Brennnessel am Bein. Irgendwann konzentriert man sich nur noch darauf, einen Schritt nach dem ­anderen zu machen. Man hat keine Kraft mehr, über irgendetwas nachzudenken, und wenn man am Berg oben ist, ist der Kopf komplett frei und das ist großartig. Da ist man einfach da, und das bereitet einen auch gut auf die Einzeltherapien vor, weil man offener ist. Ich bin jetzt auch optimistisch für die Zukunft und freue mich schon wieder aufs Arbeiten. Ich werde meine Tage aber anders strukturieren und mit weniger Druck an Projekte herangehen. Ich werde mir erlauben, abzuschalten und nichts zu tun, auch wenn das für einen Freiberufler eine große Herausforderung ist – aber wenn man das nicht macht, schafft man gar nichts mehr. So entspannt wie hier war ich lange nicht mehr!“

Thomas Legl leitet den Therapiesalon im Wald
(therapiesalon.at). Er erklärt das Konzept:

„Wir bieten hier ein ganzheitliches Programm mit einem Mix aus Psycho-, Abenteuer- und Erlebnistherapie im Naturraum an, setzen auf Entspannung und begleiten das alles medizinisch. Vor allem bei Menschen mit Depressionen und Überlastungsdepressionen, auch Burnout genannt, funktioniert das großartig. Denn im Wald und vorwiegend beim Bewegen im Wald kommt man in einen meditativen Zustand, man konzentriert sich auf das Wesentliche. Und das haben viele verlernt. So eine Wanderung bringt Ruhe und Entspannung und hat einige physiologische Vorteile: Die Dopaminproduktion etwa wird angeregt – das heißt, man kann sich auch auf natürliche Weise holen, was sonst oft durch Antidepressiva zugeführt wird. Depressionen z. B. sind mit Medikamenten alleine nicht zu heilen, da braucht es eine intensive Auseinandersetzung. Also machen wir uns die Wirkung der Natur zunutze und kombinieren sie mit anderen Therapieformen.“

 

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