Ein Abend in "Jamie's Italian": Satt, aber unglücklich

Martina Parker ist Jamie Oliver-Fan der ersten Stunde. Klar, dass sie dem neuen "Jamie's Italian" in Wien einen Besuch abstattet. Mit überraschenden Konsequenzen.

„Wir wollen heute zu Jamie Oliver“, sage ich. „No chance“, sagt meine Kollegin: „Dienstag ist der stärkste Tag. Da beträgt die Wartezeit zwei Stunden.“ Wir tauchen trotzdem um 19h ohne Bestellung auf und bekommen sofort einen Tisch. Tatsächlich hätten wir sogar zwei Tische bekommen, denn ein Teil unserer Mädelspartie sitzt bereits – auch ohne Vorreservierung - im Lokal.

Macht Jamie so süchtig wie sein mehlfreier Schokokuchen?

Wir sind Jamie-Fans der ersten Stunde. Haben den britischen Kultkoch schon geliebt, als ihn niemand auf dem Kontinent eine Chance gab und seine deutsche Synchronübersetzung noch so unsynchron war, wie in einer billigen Dauerwerbesendung. Er hat uns gezeigt, dass Kochen cool und „easy peasy“ ist und dass britische Schokoladenkuchen ohne Mehl süchtig machen.

Ein sehr, sehr junger Jamie starrt uns auch von einem Bild an der Wand entgegen. Persönliche Bilder, bunte Flaschen, Dekokram. Das alles soll dem Lokal am Wiener Stubentor eine persönliche Note geben. Das Feeling, das sich einstellt, ist aber ähnlich wie in einem McCafé bei McDonald´s. Es ist eh alles schön, aber trotzdem merkt man, dass alles unpersönlich und am Reißbrett entworfen ist und man in der Systemgastronomie sitzt.

Unser Kellner ist aus Ungarn - so wie der Franchisenehmer des Wiener Jamie's Italian - und rasend nett. Die Speisekarten, die er uns in die Hand drückt sind, vom Angebot her überschaubar, vom Preisgefüge her - sagen wir mal nach „internationalen Maßstäben“ - kalkuliert. „Bist Du deppert,“ sagt die B.: „der Kirschgarten vom Umathum kostet hier 82 Euro, letzte Woche haben wir uns damit noch um 43 Euro die Flasche betrunken.“ Sie ordert roten Hauswein, Red Primitivo € 5,20 für 125ml und schickt ihn wieder retour, weil er ihr zu süß ist. „Marmeladinger“, könnte man sagen. Der Kellner ist immer noch meganett und bringt ihr statt dessen einen Nittnaus Heideboden um 7,30 Euro fürs Achterl.

Drei Scheiben Schinken für sechs Personen

Dazu gibt’s als Vorspeise eine „Pizza The Parma“ um 15,60 Euro für alle. „Der Teig ist wie im Francesco“, urteilt die B.: „Nur dass die Pizza wesentlich kleiner ist und weniger drauf ist – wir teilen die drei Scheiben Schinken, mit der die Pizza garniert war, gerecht in sechs Kostproben.“ „Schmeckt wie bei...“ wird ein Standardsatz dieses Abends. Die Pasta Bolognese schmeckt wie im Vapiano, eh super, nur dass sie mit 15,20 Euro fast doppelt so teurer ist. Dort kostet das Gericht 8,90 Euro. Die B. ist danach immer noch hungrig.

Ein kulinarisches Highlight ist meine „Squid & Mussel Spaghetti Nero“ um 17,95 Euro. Schön al dente, nicht zu trocken und spicy, auch wenn ich die Meeresfrüchte an einer Hand abzählen kann: 5 Miesmuscheln, 1 fingerlanger zerstückelter Oktopusfangarm, 4 winzige Tintenfischringerl, die man schon fast mit der Lupe suchen muss.

Als Desserts kommen Himbeer Pavlova (7,75 Euro) und Tiramisu um 8,25 Euro. Beides sehr unitalienisch und wenig überraschend, aber tadellos im Geschmack.

Die M. fragt den Kellner, ob der Jamie wirklich nur den Kollektivvertrag zahlt, wie ihr eine Bewerberin erzählt hat. Die M. würde das nämlich schlimm findet, weil sich der Jamie ja immer so als Gutmensch verkauft. Der Kellner reagiert professionell, lächelt und wechselt das Thema.

Satt, aber nicht wirklich glücklich

Um 21h sind wir wieder draußen, satt aber nicht wirklich glücklich. „War irgendwie ein seltsames Erlebnis, sagt die J.: „Obwohl es nicht wirklich was auszusetzen gab, war es irgendwie unbefriedigend.“

„Das Ganze hat mit Jamie genau so wenig zu tun, wie die Heidi Klum-Fetzen für Lidl mit Heidi Klum – es geht nur um die Kohle“, befindet die J.

Wir alle bezweifeln, dass Jamies Italian in Wien langfristig aufgehen wird. Systemgastronomie war hier noch nie der Burner und vermutlich kam Jamie's Italian auch einfach zehn Jahre zu spät, um das ganze mit einem charmanten Kultfaktor wett zu machen.

„Wird wahrscheinlich so ne Touribude werden und in drei Jahren ist hier ein Zara Home“, sagt die U.

Komischerweise hat der Lokalbesuch bei uns nicht den gewollten Marketing-Effekt, dass das Image von Jamie auf das Etablissement abfärbt, sondern ganz im Gegenteil... wir finden Jamie Oliver nach diesem Besuch weniger toll als zuvor.

Und wir alle glauben nicht, dass sich Österreich langfristig für das Konzept erwärmen wird. Österreicher lieben es gut essen zu gehen. Sie sind kritische Esser. Und Wien ist tatsächlich anders. Hier gibt es unzählige günstige Lokale, die mindestens genauso gut, wenn nicht besser sind als Jamie's Italian und vor allem etwas bieten, dass Jamie Oliver in seiner Gastroschiene leider so gar nicht rüberbringt: Authentizität.

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