Eigentlich würde ich ja gerne lesen – aber am Ende wird’s doch wieder Netflix

Jahrelang habe ich wöchentlich mehrere Bücher verschlungen und Lesen zu meinen größten Hobbys gezählt – dann kam Netflix. Und das Leben. Und plötzlich lese ich kaum noch. Obwohl ich doch so gerne würd'!

Frau liest auf Sofa

Seit Monaten arbeite ich, wie viele Menschen auf der ganzen Welt, coronabedingt im Home-Office. Um mir das Arbeiten von daheim ein bisserl angenehmer zu gestalten, habe ich mir während des Lockdowns einen Schreibtisch zugelegt und im einzigen freien Eck meiner Wohnung - direkt neben dem Bücherregal - aufgestellt. Sitze ich also zuhause an meinem neuen Arbeitsplatz, fällt mein Blick zwangsläufig regelmäßig auf mein Regal. Mein schönes, gut befülltes Bücherregal voller spannender, interessanter, lehrreicher Lektüre – die ich zum großen Teil noch nicht gelesen habe. Und jedes Mal überkommt mich das schlechte Gewissen.

All die Bücher zu sehen, die ich mir vor Wochen, Monaten, wenn nicht sogar Jahren in verblendeter Lese-Euphorie zugelegt habe, macht mich einerseits froh, schließlich erfreut mich der Anblick eines ansprechenden Buches, andererseits bin ich von mir selbst enttäuscht, weil ich es nicht schaffe, die Bücher auch tatsächlich zu lesen. Was tun? Und wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Vom Kinderzimmer ins Taka-Tuka-Land

Als introvertiertes Einzelkind waren Bücher für mich jahrelang treue Begleiter*innen in einsamen oder einfach langweiligen Momenten. Hatte ich keine Lust, den Sonntagnachmittag allein in meinem Zimmer zu verbringen, reiste ich einfach mit Pippi ins Taka-Tuka-Land, spazierte gedanklich mit Momo durchs Amphitheater, versteckte mich mit Harry, Ron und Hermine in der verbotenen Abteilung der Hogwarts-Bibliothek oder amüsierte mich über die cleveren Streiche von Hanni & Nanni. Ich vergaß die Welt um mich herum und konnte mich stundenlang in Geschichten verlieren (von einer derartig langen Aufmerksamkeitsspanne kann ich heute nur noch träumen).

Die Deutschlehrerin ist schuld

Je älter ich wurde, desto mehr schwand das Interesse am Lesen. Das lag - meiner Vermutung nach - allerdings weniger an meinem Alter, als an den Umständen, in denen ich mich befand. Ein wichtiger Meilenstein auf meinem betrüblichen Weg von der Viel- zur Kaumleserin war definitiv, als Lesen vom Freizeitvergnügen zur Pflicht wurde.

Leider hatte meine Deutschlehrerin, die mich von der ersten bis zur achten Klasse Gymnasium unterrichtete (und die ich sonst sehr zu schätzen wusste!) einen gruseligen Büchergeschmack. Ich weiß, ich weiß, es gibt Leselisten mit Pflichtlektüre, an denen sich Lehrer*innen orientieren müssen, doch war die Buchauswahl meiner Deutch-Professorin im Vergleich zu anderen Lehrer*innen tatsächlich auffällig makaber. So ging es in praktisch allen Büchern, die ich für die Schule lesen sollte, um Tod, Verderben, Selbstmord, Krieg und die Ansichten alter weißer Männer (komisch, dass ich mich damit nur wenig identifizieren konnte). Spätestens als sie von uns Dreizehn- und Vierzehn-Jährigen verlangte, "Im Westen nichts Neues" (den Roman über die Schrecken des ersten Weltkriegs aus Sicht eines Soldaten) zu studieren, war es mit meiner Leselust vorbei.

Aus Binge-Reading wird Binge-Watching

Auch später wurde es kaum besser. Weil ich für die Uni so viel lesen musste, hatte ich privat kaum Lust, mich hinzusetzen und mich auf lange Texte zu konzentrieren. Praktischerweise - oder eher zu meinem Pech? - kam mit Beginn meines Studiums auch eine neue, bis dato nie dagewesene Form der bequemen Unterhaltung in mein Leben und das vieler anderer: Netflix war endlich in Österreich verfügbar. Die Streamingplattform, von der ich schon länger aus den USA gehört hatte, hielt also auch bei uns Einzug – und machte mich von der einstigen Binge-Leserin zur heutigen Binge-Watcherin.

Möchte ich heute meinem Alltag entfliehen, lege ich mich nicht mehr bäuchlings auf den Teppich (das ist allerdings durchaus meinem Alter geschuldet) und verschwinde für Stunden in einem Buch, sondern mache es mir auf der Couch bequem und lasse mich von Serien über streitende Housewives in L.A. oder australischen Backshows berieseln (keine Sorge, ich schaue schon auch ein bissi Anspruchsvolleres – manchmal zumindest). Dass ich mich nach einem Arbeitstag hinsetze und ein Buch lese, kommt tatsächlich äußerst selten vor. Und das ist ziemlich schade.

Lesen wie früher?

Das Gefühl, ein gutes Buch zu beenden, ist nun mal einfach etwas anderes als, sagen wir, die Staffel einer Serie abzuschließen – für mich jedenfalls. Ich vermisse es, mich an brillanten Formulierungen zu erfreuen und mit meiner Vorstellungskraft neue Welten zu erschaffen. Trotzdem kann ich mich abends meist nicht dazu aufraffen, statt zur Fernbedienung zu einem Buch zu greifen. Die Verlockung und Bequemlichkeit des Streamens sind einfach zu groß.

Ich denke, es hat allerdings keinen Sinn, mir deswegen Vorwürfe zu machen. Schließlich verändern wir uns im Laufe unseres Lebens nun mal und haben nicht zwangsläufig für immer die gleichen Interessen und Vorlieben. Auch ist mein Alltag mittlerweile einfach stressiger als früher, Zeit und Geduld sind knapper geworden. Dennoch möchte ich dem Lesen noch eine Chance geben. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, zu meinem früheren Lese-Ich zurückzufinden. Die nächsten Wochen eignen sich für mein Projekt wunderbar, werde ich sie (Corona sei Dank) ohnehin vor allem zuhause verbringen - und das Wichtigste, ausreichend Lesestoff, habe ich ja auch schon.

 

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