Edgar Reitz im Talk

Seine 15 stündige Heimat-Trilogie über Nachkriegsdeutschland fürs Fernsehen ist Legende. Der aktueller Spielfilm von Regisseur Edgar Reitz Die andere Heimat schlägt ein anderes Kapitel deutscher Geschichte auf und entführt in ein kleines deutsches Dorf ins Jahr 1843. Wir sind begeistert.

Sie haben oft gesagt, dass man sich "in Filmen spiegeln" kann. War es tatsächlich eine Idee oder ein Hintergedanke bei der Arbeit an diesem Film, den Blick für die Problematik heutiger Auswander/Einwanderer zu schärfen? Oder bringt diese Ihre Erzählung diesen Aspekt einfach mit sich?

Edgar Reitz: Das bringt es einfach mit sich. Es hat sich sehr verdichtet. Nach Ende der Dreharbeiten - die sich von der Vorbereitung bis zu Drehschluss über vier Jahre erstreckten - hatten wir einen veränderten Blick auf die Fremden im Lande. Auf einmal sah ich die Gesichter der Migranten auf der Straße. Vorher hat man vorbeigeschaut, sie ausgeblendet oder zum Alltagsbild gerechnet. Da glaub' ich schon, dass der Film den Blick verändern kann, weil man die andere Seite kennenlernt. Die Seite derer, die ihre Heimat verlassen. Man kann sich schwer vorstellen, was das heißt: In einem fremden Land und kein Rückflug-Ticket in der Tasche.


Der Film verschärft auch den Blick für Armut oder für Krankheit, die man nicht bekämpfen kann und den Blick für das Elend. Trotzdem geht man mit einem guten Gefühl aus dem Kino. Mit welchen Gefühlen wollen Sie als Regisseur, dass man als Zuschauer aus dem Kino geht? Oder was sollen die Zuschauer aus Ihrem Film in ihr Leben mitnehmen?

Christian und Edgar Reitz

Edgar Reitz: In erster Linie geht es mir darum, diese Geschichte zu erzählen und die Zuschauer in eine vollkommen andere Zeit, in eine völlig andere Wahrnehmung der Welt zu verlocken.Die Jahreszeiten, die immer wiederkehrenden Hoffnungen auf eine gute Ernte und das Einbrechen von Hunger und Krankheiten - all das erzeugt so einen großen Kreislauf, eine Wahrnehmung eines ewigen Kreislaufs des Lebens und das ist diese andere Sicht, die für uns sehr wohltuend ist. Das Leben einmal wieder von dieser Seite zu zeigen: Die Verbindung von Mensch und Natur.

Trotz der historisch-detail getreuen Kulisse- und Ausstattung, der nahezu dokumentarischen Erarbeitung der historischen Fakten, wirkt Ihr Film brandaktuell. Wollen Sie speziell jungen Menschen zeigen, dass man sich wie Ihr bescheidener 19-jähriger Protagonist Jakob im Film einen Weg im Leben bahnen muss? Auch wenn man sich dabei auf nichts anderes verlassen kann als auf den Reichtum des eigenen Geistes?


Edgar Reitz: So kann man den Film interpretieren. Allerdings will ich den Zuschauern keine Botschaft vor die Nase knallen. Ich scheue mich vor moralischen Gesten, die mit so etwas zusammen hängen. Ich denke, dass es auch schon etwas Wunderbares ist, wen man die Dinge einmal erlebt. Dass man diese Formen der menschlichen Nähe, die es da gibt und dieses wirkliche Interesse an einander, dass man das durch die Erzählung an sich selbst am eigenen Leib erfährt und vielleicht ist das das "Heilsame". Ich seh mich den Zuschauern da nicht gegenüber, sondern sitze innerlich mit dem Zuschauer in einer Reihe.

 

Aktuell