Echt oder Fake?

Und?! Haben Sie auch schon mal? So mit „Oooh!“ und „Jaaa!“, obwohl es nichts zu oooh-en gab? Rund 90  Prozent aller Frauen haben schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht. Nur, wie kommt frau aus der Fake-Falle wieder raus?

Als man einem Testpublikum vor 25 Jahren die später berühmt gewordene Szene aus Harry und Sally vorspielte, in der Meg Ryan einen Orgasmus vortäuscht, sollen die Frauen sehr gelacht haben und die Männer abrupt verstummt sein. Sie wollten es wohl nicht wahrhaben. Dabei sind Fake-Orgasmen Realität. Auch heute, auch in österreichischen Schlafzimmern.

Und das ist schade, denn damit bringt frau sich um echte Höhepunkte, um ein wirklich erfülltes Sexleben. Manchmal sogar für die gesamte Dauer einer Beziehung, hin und wieder tatsächlich ein Leben lang.

Wer nämlich einmal schummelt und mit dem vorgetäuschten Orgasmus signalisiert, dass alles ganz wunderbar passt, na ja, für den scheint ja auch alles ganz wunderbar zu passen. Wie soll der Partner da auch auf die Idee kommen, im Bett irgendetwas anders zu machen?! Und mit der Zeit wird es immer schwieriger, Schatzi zu erklären, dass alles, was bisher scheinbar so zielführend war, irgendwie halt doch nicht so richtig befriedigt.

Zugeben, dass man gelogen und ihm vielleicht sogar über eine lange Zeit nur etwas vorgespielt hat?! Eine wohl nicht besonders vertrauensbildende und beziehungsfördernde Maßnahme. Wie man als betroffene Frau am besten mit diesem Dilemma umgeht und welchen Ausweg es daraus gibt, darüber hat WIENERIN-Autorin Ursula Neubauer mit Sexualmedizinerin Elia Bragagna gesprochen:

Frau Dr. Bragagna, warum täuschen Frauen überhaupt vor?

Unter anderem weil sie glauben, jedes Mal einen Orgasmus haben zu müssen, und ein Mann nur als guter Liebhaber gilt, wenn sie kommt. Aber das ist ein Mythos, da herrscht viel Fehlinformation.

Inwiefern denn?

Zum Beispiel schaffen es nur vier Prozent aller Frauen, durch rein vaginale Stimulation einen Höhepunkt zu erleben. Das ist sehr wenig und das muss man(n) wissen. Rein, raus nutzt also nix. Wird die Klitoris mitstimuliert, sind es schon 52 Prozent. Wenn eine Frau nicht kommt, glaubt er aber sofort, er wäre schlecht im Bett. Und das macht ganz viel Stress – auf beiden Seiten. Dabei kann’s einfach nicht jedes Mal funktionieren.

32 Prozent der Frauen erleben nur bei jedem 4. Mal Sex einen Orgasmus.

Ist Sex ohne Orgasmus ein großes Problem für Frauen?

Viele erleben Sexualität als schön und befriedigend, auch wenn sie nicht jedes Mal einen Höhepunkt erleben. Sie können die Intimität auch ohne Orgasmus genießen. Aber heutzutage gibt es viel Leistungsdruck und „Performance-Sex“, wie ich das nenne, weil wir eine falsche Vorstellung davon haben, wie es zu sein hat. Und dann ist der vorgetäuschte Orgasmus einfach ein naheliegender Ausweg.

Um dem Partner einen Gefallen zu tun?

Auch, um ihn anzuturnen, um sich selbst damit anzuturnen oder um ihm zu zeigen: Es ist jetzt genug.

Wenn eine Frau ihrem Partner den Orgasmus oft vorgespielt hat – wie kommt sie zu einem echten?

Der Umstieg lohnt sich jedenfalls ganz sicher, diese Phase dauert aber auch ein bisschen. Zuerst muss sich die Frau selbst darüber im Klaren sein, wie sie Erregung aufbaut. Und das ist von Frau zu Frau ganz verschieden. Da gibt es nicht die eine ­Variante, die alle glücklich macht.

Was können das für Varianten sein?

Manche Frauen brauchen Augenkontakt, einigen hilft es, wenn an ihrem Busen genuckelt wird, bei anderen wieder bringt die Stimulation tief in der Vagina was, viele erleben starke Lust nur bei bestimmten Beinstellungen und so weiter. Manche Dinge kann eine Frau allein für sich herausfinden, für andere braucht sie den Partner. Wenn sie weiß, was ihr hilft, empfehlen sich Stellungen, die ­ihren Vorlieben entgegenkommen. Da muss man viel experimentieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2!

  1. Alles okay. Laut einer Studie mit 4.000 Teilnehmerinnen ist jede zweite Frau sexuell zufrieden – auch ohne immer einen Orgasmus zu erleben.
  2. Sie braucht mehr. Nur vier Prozent gaben an, rein durch Penetration einen Höhepunkt erleben zu können.
  3. Viele Spielarten. 52 Prozent der Frauen kommen, wenn ihre Klitoris (mit-)stimuliert wird. Bzw. kann auch die ­Stimulation des Gebärmutterhalses oder der Brustwarzen zum Orgasmus ­führen.
  4. Infos und Hilfe. Sexual­medizinische Beratung gibt’s inzwischen ganz einfach per Telefon und online: unter der sexmedHotline 0900/88 80 80 und auf sexmed.at.
9 von 10 Frauen haben schon mal gefakt, 10 Prozent tun es ein Leben lang.

Und wie erklärt sie ihm, dass sie plötzlich doch was anderes will?

Ja, das ist eine schwierige Sache. Denn ihm einfach zu gestehen, dass der Orgasmus bis jetzt nur vorgetäuscht war, würde ihn tief erschüttern und die Beziehung stark be­lasten.

Weil es sein Ego kränken würde?

Vor allem, weil er in eine komplette Unsicherheit verfallen würde. Er wüsste ja auf einmal nicht mehr, was wahr ist und was nicht. Er hatte auf die Geräusche, die Töne, das dramatische Atmen vertraut und sich danach gerichtet. Wenn diese Signale gelogen waren, was soll er dann noch glauben, und wie soll er in Zukunft weitermachen?

Wie bringt eine Frau ihren Partner dann zu einer Veränderung?

Da sollte sie auf jeden Fall sehr, sehr vorsichtig vorgehen und vor allem braucht sie die Gewissheit: Unsere Beziehung basiert nicht nur auf dem Sex. Denn dann traut sie sich eher, das Ganze überhaupt anzugehen.

Und wie stellt sie es konkret an?

Sie könnte einmal andeuten: „Du, ich weiß nicht, in letzter Zeit fällt’s mir schwerer mit dem Orgasmus, eventuell können wir mal schauen, wie das wieder leichter geht. Ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber ich würde gerne mit dir gemeinsam herausfinden, was mir da noch helfen könnte.“ Sie muss in dieser Phase ­jedenfalls sehr einfühlsam sein.

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Was kann sie da alles tun?

Sie sollte immer wieder behutsam mit ihm darüber sprechen, dass sich was verändert, dass er nicht irritiert sein soll, sich nicht wundern soll und so eine Brücke bauen zwischen dem, was er glaubt, was sie ist, und dem, was sie braucht. Sie sollte ihm zu verstehen geben: „Ich will mir gemeinsam mit dir ein tolles Sexleben aufbauen.“ Er wird den Unterschied ja auch merken, aber nachher ist es besser! Da haben dann alle was davon.

Worauf sollte das Paar beim Experimentieren noch achten?

Darauf, dass sie wirklich rattenscharf ist!

Im Wortsinn rattenscharf?

Ja, von den Ratten können wir uns in dem Fall was abschauen. Wenn Rattenweibchen scharf sind, schiebt sich ihr Becken nach hinten. Da ist es ganz eindeutig, wann es so richtig losgehen soll.

Meinen Sie, im Gegensatz zu den Ratten starten wir Menschen den Geschlechtsakt zu früh?

Aus weiblicher Sicht: ja. Frauen orientieren sich meistens am steifen Penis und lassen den Mann zu früh eindringen. Oft merken sie gar nicht, ob ihre Genitale auch anschwellen. Aber wenn sie der orgastischen Manschette Zeit zum Anschwellen geben, macht das jede Berührung unheimlich intensiv. Das kann die Erregung stark steigern und zu einem echten Orgasmus einiges beitragen.

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