Ebola mit Ibrahim

Arianna Rebeschini hat die Angst gesehen und weiß, was passiert, wenn Ebola da ist. Die österreichische Ärztin war im Hilfseinsatz für Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone. Der WIENERIN erzählt sie, wie erbarmungslos das Todesvirus das Land getroffen hat. Und wie der kleine Ibrahim ihr Herz berührte.

Winter in Sierra Leone. Es hat trotzdem etwa 30 Grad, als Arianna in den gelben Schutzanzug steigt. Kein Millimeter Haut darf sichtbar sein, unter ihren Handschuhen trägt sie noch ein zweites Paar – für alle Fälle. Etwa zwei Stunden kann sie so arbeiten, dann fängt der eigene Kreislauf zu rebellieren an. Bei jedem Besuch im Ebola-Zelt verliert sie ein paar Liter Flüssigkeit. „Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr man hier ausrinnt“, so Arianna Rebeschini.

Ärzte ohne Grenzen Ebola

Doch das alles macht ihr in Wahrheit keine Sorgen, sondern ein kleiner, 18 Monate alter schwarzer Bub mit krausem Haar: Ibrahim. Der Patient sitzt im Ebola-Zelt, er ist schwach, aber dass in seinem Arm eine Infu­sionsnadel steckt, kann er trotzdem nicht verstehen. Außerdem will er ­herumgehen – auch wenn er krank ist, ist er neugierig.

„Er kam allein, ohne Mutter, und ich habe ihn aufgenommen, ihn hineingetragen und mir gedacht: ,Was soll ich nur mit ihm machen? So ein Kind reißt sich die Nadel raus – und dann?‘ Zu wissen, dass ich als Ärztin nicht ­hineinkann, wann ich will, weil ich erst den Schutzanzug anziehen muss, um ihm zu helfen, das hat mich fertig­gemacht“, erzählt die Medizinerin – und ihre Augen sind kurz ziemlich glasig. Kinder sind noch eine leichtere Beute für das Virus, weil sie schneller Energie verlieren als Erwachsene.

Seit über einem Jahr ist Ebola in der Welt ein Thema. Die Epidemie, die erstmals 1976 in Afrika ausbrach, erreichte 2014 ihr bisher schlimmstes Ausmaß. Etwa 24.000 Menschen erkrankten an Ebola, 10.000 starben. Und erstmals waren unter den Opfern nicht nur Afrikaner. Es gab einen Fall in den USA, in Spanien, in England, die westliche Welt geriet in Panik.

Sierra Leone war und ist eines der Zentren der Seuche und auch wenn die Infektionszahlen schon rückläufig sind, warnen Experten vor „After Ebola Parties“ und prognostizieren eine Perspektive, die sich niemand vorstellen will: „Nach Ebola ist vor Ebola.“

Die österreichische Ärztin Arianna Rebeschini weiß, was damit gemeint ist: „Die Menschen in Westafrika sind es gewohnt, sich zu berühren, sie ­tanzen, feiern, singen. Das ist ihre ­Lebensart, sie leben ein fröhliches, ­offenes Leben. Jetzt herrscht seit ­einem Jahr ein Berührungsverbot. Es gibt keine Feste mehr, Familien vertrauen einander nicht mehr. Selbst Ebola-Geheilte werden verstoßen, weil man zu viel Angst vor ihnen hat.“

Ein Bub mit Positiv-Feeling

Dabei spielt es keine Rolle, dass Ebola-Überlebende weder ansteckend sind noch jemals wieder erkranken werden. Auch Ibrahim, der Bub mit den großen Augen und den dünnen Ärmchen, wurde aus Angst verstoßen. Seine Mutter konnte es sich nicht leisten, selbst zu erkranken, ihre anderen ­Kinder brauchten sie – gesund.

Arianna und eine schwangere Frau, die ihr ungeborenes Kind an Ebola verliert, werden Ibrahims Ersatz­mamas. „Er hat sich dann wirklich ­erholt, wurde geheilt und konnte entlassen werden. Seine Mama hat ihn abgeholt“, erzählt Arianna, während sie auf ihrem Handy Fotos des Kleinen zeigt. „Wir hatten alle wochenlang ­Ibrahim als Fotohintergrund auf ­unseren Handys“, erzählt sie lachend. Denn auch für die Helfer ist es wichtig, positive Energien zu sammeln, sich gegenseitig zu stärken und wachsam zu bleiben.

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Die in Paris gegründete Organisation Ärzte ohne Grenzen ist in mehr als 60 Ländern weltweit tätig und behandelt rund neun Millionen Patienten pro Jahr. Für die Hilfseinsätze ist die Organisation dringend auf der Suche nach Fachkräften. Vor allem Fachärzte werden zwingend benötigt: Gynäkologinnen, Anästhesisten, Unfallchirurgen, Kinderärztinnen, aber auch ­Psychologen.

Wer Interesse an einem Einsatz hat:aerzte-ohne-grenzen.at/auf-einsatz-gehen

Wer spenden möchte: Erste Bank, IBAN: AT43 2011 1289 2684 7600

„Als ich wieder hier in Wien war, habe ich mich natürlich gut beobachtet, hatte die Gefahr schon noch im Hinterkopf.“ 21 Tage lang dauert die Inkubationszeit von Ebola, diese Zeit hat Arianna hinter sich gebracht und Menschenmassen gemieden. Sie hat geschlafen, ihre Familie getroffen, „wieder fast so gelebt wie vorher“.

Für die Frau mit den wilden Naturlocken wurde das Thema Ebola zur Haltungsfrage. „Es ist meine Art von Verantwortungsbewusstsein, ich möchte meinen Beitrag leisten. Und ich habe selbst keine Kinder, die ich zurücklasse, daher kann ich es auch machen“, skizziert sie, was sie antreibt. Und jetzt auch wieder hinaustreibt in die Welt dieser tödlichen Seuche. Ihr nächster Einsatz wird sie nach Liberia führen, denn auch wenn die Krankheit den Status „Breaking News“ verlassen hat, wütet Ebola noch immer. Seit Februar 2015 steigen auch wieder die Infektionszahlen. Leider. Und noch immer gibt es keine Therapiemöglichkeit oder Impfung dagegen.

Alle tun alles

Arianna hat früher im heimischen Gesundheitssystem ­gearbeitet, doch die Autonomie im ­internationalen Hilfseinsatz fand sie spannender: „Ich bin nach meinem Studium und meinem Turnus nach England gegangen, habe dort zwei Jahre als Ärztin gearbeitet und dann in Australien meinen Master für International Public Health gemacht. Da war klar, dass das meine Richtung ist.“

Für „Götter in Weiß“-Statusdenken ist bei solchen Einsätzen kein Platz: „Man macht alles, es gibt hier keine großen Unterschiede zwischen Pflegepersonal und Ärzten, denn Infusionen anhängen, Blut abnehmen, Essen bringen, Wäsche wechseln oder auch Erbrochenes wegputzen tun wir alle.“ Dass dieser „Emergency“ – so heißt es ­offiziell – in der Realität eigentlich nichts von einem Notfalleinsatz hat, lernte Rebeschini schnell: „Es gibt hier keine Reanimation, denn wir wüssten auch nicht, was man mit einem Rea­nimierten tun sollte. Wenn jemand stirbt, dann stirbt er.“

Wie die Tiere

In manchen Dingen herrscht also Pragmatismus, in anderen wird die Ärztin schnell emotional, etwa wenn man sie auf jene Bilder ­anspricht, die wir hier in Österreich sahen: von eingesperrten Familien, Menschen, die in Ghettos gepfercht wurden. „Was da passiert ist, war unmenschlich. Ein Mensch stirbt in einem Haus und die ganze Familie wird eingesperrt, ist sich selbst überlassen. Man behandelt Menschen wie Tiere“, ist sie bis heute erschüttert.

Bereut hat sie ihren Einsatz aber nicht, im Gegenteil, sie fühlt sich ­bereichert. Nicht zuletzt durch die ­Bekanntschaft eines kleinen Jungen namens Ibrahim.

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