Dürfen wir noch fliegen? Klimaforscherin zieht drastischen Vergleich

Wie beim Nationalsozialismus "werden uns einst unsere Kinder fragen: Wie war das beim Klima, was hast du gewusst?", meint die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb.

Dürfen wir noch fliegen?

Freitag für Freitag protestieren weltweit Jugendliche für einen radikalen Kurswechsel in der Klimapolitik. Greta Thunberg ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres und Klimaschutz ist endlich kein Randthema mehr. Sogar die FPÖ posiert inzwischen als Klimapartei.

Neben Energiegewinnung und Massentierhaltung sprechen wir, wenn es ums Klima geht, immer öfter über Flugreisen: Wie oft ist es okay? Welche Entfernungen machen Sinn? Oder sollen wir es überhaupt lassen? In Schweden greift die "Flygskam" (deutsch: Flugscham) um sich – Menschen schämen sich plötzlich, wenn sie in einen Flieger steigen. Und ganz aktuell lässt die österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb mit einem besonders drastischen Vergleich aufhorchen.

Klimaschutz: Was werden wir unseren Kindern sagen?

In einem Interview mit der "Krone" antwortet die Wissenschafterin von der Universität für Bodenkultur auf die Frage, ob wir überhaupt noch fliegen dürften: "Man sollte es sich gut überlegen, ob es wirklich notwendig ist. Denn so wie wir unsere Eltern gefragt haben: Wie war das im Nationalsozialismus? Was hast du gewusst? Was hast du getan? Genauso werden uns einmal unsere Kinder und Enkel fragen: Wie war das beim Klima? Was hast du gewusst? Was hast du getan? Wenn ich dann antworte: Ich bin trotzdem auf Shoppingtour nach London geflogen, wäre das keine schöne Antwort."

Wer fliegt wie viel?

Der zivile Flugverkehr in der EU ist für 3,6 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich, wie dem Europäischen Luftfahrt-Umweltbericht zu entnehmen ist. Das sind 13,4 Prozent der Emissionen des Verkehrssektors.

3,6 Prozent klingt nach nicht viel. Nur: Fliegen, das tut nach wie vor nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung. Nur drei Prozent der Weltbevölkerung sind etwa im Jahr 2017 geflogen. Geschätzte 80 bis 90 Prozent haben noch nie ein Flugzeug betreten, schreiben die KlimaaktivistInnen Anne Kretzschmar und Matthias Schmelzer in einem Gastbeitrag auf Zeit Online. Das ist ein Teil des Problems.

Der andere: Es werden immer mehr Passagiere und sie werden immer mehr Emissionen verursachen. Seit 2014 ist die Anzahl der Flüge um 20 Prozent gestiegen, die CO2-Emissionen haben im selben Zeitraum um zehn Prozent zugelegt. Der Umweltbericht der Europäischen Luftfahrt prognostiziert eine Zunahme des Flugverkehrs um 42 Prozent bis 2040. "Die Umweltbelastung durch den Sektor wird daher weiter zunehmen", urteilt der Report.

Sollen wir einfach weniger fliegen?

KlimaexpertInnen sehen verschiedene Lösungsansätze. Technischer Fortschritt und effizientere Luftfahrt konnten bereits den Treibstoffverbrauch pro Passagier und Kilometer seit 2005 um 25 Prozent senken, künftige Entwicklungen könnten Fliegen zusätzlich weniger umweltschädlich machen.

Fliegen müsse aber, so sind sich KlimaschützerInnen recht einig, teurer werden. Tatsächlich kann die Politik hier an mehreren Schrauben drehen. In Österreich ist etwa die Flugabgabe mit lediglich 3,50 pro Ticket bei Kurzstreckenflüge sehr günstig. Flugtickets sind außerdem von der Mehrwertsteuer befreit und Airlines zahlen keine Mineralölsteuer für Kerosin.

Letztlich käme es aber auch auf das individuelle Verhalten an, sagt etwa der deutsche Klimaschützer Martin Cames vom Öko-Institut Berlin im Standard: "Ein Flug der Familie von Düsseldorf nach Mallorca verursacht etwa so viele Emissionen wie ein Jahr lang Auto fahren. Das heißt, das individuelle Verhalten zu ändern kann einen Unterschied ausmachen."

Vom Klimanotstand und Volksbegehren

Klimaaktivismus ist jedenfalls schon längst in der Zivilgesellschaft angekommen. In Österreich steht das Klimavolksbegehren in den Startlöchern. Unter anderem fordert die überparteiliche Bürgerbewegung, Klimaschutz und den Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas in der Verfassung zu verankern.

Erst Mitte Juni hat das steirische Michaelerberg-Pruggern als erste österreichische Gemeinde den Klimanotstand ausgerufen. Keine zwei Wochen später zog mit Traiskirchen die erste Stadt Österreichs nach. Bis 2030 will die niederösterreichische Stadt zudem klimaneutral werden.

 

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