Durch dick und dünn

Beziehungen verändern sich stetig, manche Menschen kommen und gehen – aber keine Beziehung war so turbulent wie die zu meinem eigenen Körper.

Durch dick und dünn - Illustration

"Schau, ich sag ja ned, dass die heute keine Komplexe haben, aber zumindest bekommen sie verschiedene Körper zu sehen, nicht so wie wir!“ Diese Sprachnachricht nehme ich einer Freundin letztens auf und ärgere mich maßlos darüber, dass es in meiner Jugend nur einen einzigen Körpertyp zu sehen gab: ultradünn. Als ich ein Teenager war, waren Stars wie Kate Moss mit ihren fragwürdigen Magerzitaten noch in; Hüfthosen (nie wieder!), komplett flache Bäuche und Klatschblätter, die Celebritys bei zehn Gramm Zunahme gleich mal eine Schwangerschaft attestierten.

Und so saß ich also heulend mit meinen 52 Kilogramm und meiner Kleidergröße XS/S da und dachte, ich sei ja so unfassbar blad. Und das viele Jahre lang. Was soll bei so einer Beziehung zum Körper rauskommen außer Handgelenkemessen, Hungern und Selbsthass?

Dabei kam’s auf die Kilos nie an, denn mit der oben genannten Zahl war ich am dünnsten und unglücklichsten. Meine These: Ich hätte mir mit den heutigen Schönheitsidealen leichter getan. Ich denke absolut nicht, dass es Teenager heute (mit Social Media, Fillern und Filtern und nur via OPs erreichbaren Körperidealen) einfach haben – am Schönheitswahn hat sich ja nichts geändert. Aber ich persönlich hätte mir mit meinem Körpergefühl doch wesentlich leichter getan.

Die Beziehung zu meinem Körper war die toxischste meines Lebens.

Ich hätte zum Beispiel nicht bis zu meiner Schwangerschaft warten müssen, um meinen Bauch einmal im Leben zu lieben, denn ich hätte beruhigt einfach das Gottesgeschenk High-Waist- statt Hüfthosen tragen können. Ich hätte gewusst, dass sich Frauen heutzutage mehr Fett in Hintern und Beine spritzen lassen, und hätte das, was ich habe, nicht andauernd bekrittelt und kaschiert, sondern richtig sexy gefunden und betont. Curvy- und Plus-Size Models hat es zu meiner Zeit einfach noch nicht gegeben, aber von einer Ashley Graham hätte ich mir gerne eine Riesenportion Selbstbewusstsein abgeschaut. Und Body-Positivity- bzw. -Neutrality-Aktivist*innen, diversere Modekampagnen und Feminismus als ganz selbstverständliche Einstellung hätten mir sicher auch nicht geschadet.

Die Beziehung zu meinem Körper war die toxischste meines Lebens. Ich war schlimmer als jeder Fuckboy. Ich habe mich selbst so viel Lebensfreude gekostet: All die Sachen, die ich nicht getragen habe! All das Wohlfühlen, das ich mir verwehrt habe! Es hat echt die Schwangerschaft mit meinem Sohn gebraucht (und mit ihr circa 20 Kilo mehr), damit ich meinen Körper nicht nur nach seinem Aussehen und Gewicht bemesse, sondern nach dem, was er alles kann und für mich tut. Das alles wäre aber viel früher zu meistern gewesen, wenn ich mich nicht konstant mit den falschen Botschaften bombardiert hätte.

Also ein Rat an alle Frauen: Kuratiert euch eine Bubble, die euren Körper in Watte statt in Stacheldraht packt!

 

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