Du weißt, was ich meine! Über das Wort "quasi" und andere Nervigkeiten

Schlechte Angewohnheiten haben wir alle. Ich natürlich auch. Aber die der anderen zu kritisieren macht einfach mehr Spaß. Oder?

Mein Freund hat ein Problem. Es ist jetzt nix Arges. Viele würden mich als kleinlich bezeichnen, weil mich so etwas stört. Ist auch kleinlich. Aber ist eben, wie es ist. Mein Freund hat ein Sprechproblem. Also keine Legasthenie. Kein Stottern. Aber (!) er sagt permanent das Wort "quasi". Das macht mich "quasi" wahnsinnig. Weil ich nichts anderes mehr höre. Ich kann mich teilweise nicht auf den Inhalt seiner Aussagen konzentrieren, sondern schließe innerlich Wetten mit mir ab, wann dieses Wort das nächste Mal über seine Lippen kommt. Das ist furchtbar!"Quasi" für ihn und "quasi" für mich!

Es ist so wie bei Menschen, die nach jedem Satz ein "ja?" anhängen. Oder "oder?" sagen. Oder noch viel schöner, das (hauptsächlich in Oberösterreich verwendete)"goi". Goi, das kennen Sie, goi? Der Nervfaktor funktioniert aber auch nonverbal. Erst neulich gesehen. In der ZIB 2. Ein Experte ist zu Gast. Sehr klug. Sehr reflektiert. Denke ich. Denn eigentlich habe ich ihm nicht zugehört. Ich wollte. Aber konnte nicht. Weil er nach jedem Satz ein fixes Prozedere hatte: Lippen lecken. Wie eine Eidechse. Also Zunge kurz raus in der Mitte, einmal links lecken, einmal rechts lecken und wieder verschwinden. Kurzes Schmatzen. Nächster Satz. Aaaaahhh! Dieses Ritual einmal wahrnehmend, habe ich immer auf den Moment gewartet, in dem er es wieder tut. Keine Chance, ihm zuzuhören.

Ich bin bei Sprache einfach sehr sensibel. Schon als Kind habe ich die "Ähs" von Franz Vranitzky bei Fernsehinterviews gezählt.

Vielleicht ist das auch gar nicht deren Problem, sondern mein Problem. Ich bin bei Sprache einfach sehr sensibel. Schon als Kind habe ich die "Ähs" von Franz Vranitzky bei Fernsehinterviews gezählt. Gut. Da habe ich auch sonst wirklich wenig verstanden. Aber auch mein Vater kam nicht davon. Sein Lieblingswort damals: "praktisch". Was früher "praktisch" das "praktisch" meines Vaters war, ist heute "quasi" das "quasi" meines Freundes.

Natürlich haben wir schon darüber geredet. Weil man in Beziehungen über so etwas reden muss. Sehe ich zumindest so. Er sagt mir ja auch, dass er es nicht so toll findet, wenn ich Keksschachteln unters Sofa lege (was allerdings sehr praktisch ist, weil man beim Fernsehen einfach nur unter die Couch greift und sich ein Stück Glück in den Mund schieben kann). Dazu kommen vielleicht noch ein-, zweitausend andere Dinge. Aber es hat nicht geholfen. Er quasit immer noch vor sich hin. Vor allem in Stresssituationen. Da hilft kein Treten unterm Tisch, kein Zwicken in den Oberschenkel, kein (un)dezentes Hinweisen. Er wird dann höchstens grantig. Versteh ich ja auch. Aber irgendwie müssen wir dieses "quasi" wegkriegen, goi? Weil wie schon Mark Twain wusste: Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe hinunterboxen. Stufe für Stufe. Ich fürchte, noch wohnen wir "quasi" im Dachgeschoß. Aber lass dir gesagt sein, lieber Mark Twain, ich nehme nicht die Stufen. Ich nehme den Lift!

Mehr: Olivia Peter über den natürlichen Feind von AutofahrerInnen.

 

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