Du und ich

Wir sind gleich alt. Du bist in Syrien aufgewachsen, ich in Österreich. Wie ich bist du zielstrebig und hast gern gelernt. Trotzdem stehst du hier am Anfang.

Du bist 18 Jahre alt, als du beschließt, dass dich nichts aufhalten darf. Ein Jahr davor lagen zwei Punkte zwischen dir und dem Schulabschluss, auf den du so hart hingearbeitet hast. Damals warst du schwer krank, nun rollen Panzer durch dein Viertel in Damaskus. Aber das, so sagst du, wird dich diesmal nicht hindern.

Du lernst, während Bomben fallen. Du lernst für Mathematik, Biologie, für Arabisch und Englisch. Es gibt nur zwei Stunden Strom am Tag – du lernst bei Kerzenlicht. Jeden Tag, bevor du zur Schule gehst, um deine Prüfungen abzulegen, verabschiedest du dich von den Eltern. Du weißt, du könntest sterben. Du sagst: „Man kann nicht nicht leben.“

Aman

Als der Krieg dich erreicht, packe ich für die Sommerferien. Ich habe mein erstes Studienjahr in Graz beendet, 46 ECTS in Philosophie. „Nimm dir Zeit und finde heraus, was du machen willst“, sagen die Eltern. Ich freue mich, dass der Sommer endlich da ist. Ich schlichte die Regale in der Billa-Filiale bei uns im Ort, nach der Arbeit gehe ich baden. Es ist heiß und die Entscheidung, was ich mit meinem Leben machen will, habe ich auf den Herbst verschoben.

Damals, im Sommer 2012, tobt der Bürgerkrieg in Syrien seit über einem Jahr. Es ist lange vor Angela Merkels „Wir schaffen das!“, lange bevor Österreich an der Grenze zu Slowenien einen Zaun bauen wird. Für Europa ist der Krieg eine Randnotiz, für mich ist er ein blasses Gemenge aus Nachrichtenmeldungen. Du bist mittendrin.

Damaskus ist romantisch. Dein Leben beginnt in Al-Midan, einem Stadtteil von Damaskus. Damaskus, sagst du, ist eine romantische Stadt. Schon als Kind hat sie dich berührt. Später wirst du auch in Österreich Gedichte über sie schreiben. Du lebst in einer großen Wohnung mit zwei Gärten und vielen Büchern. Dein Vater ist Apotheker, und wenn er nicht arbeitet, dann liest er.

Auch in deinem Zimmer stapeln sich Bücher in einem Wandregal. Du teilst es mit zwei deiner Brüder: Abdul, der jüngste von sechs Geschwistern, und Dyaa, der zwei Jahre jünger ist als du. Gemeinsam schaut ihr Filme und fiebert bei Fußballspielen mit. Yallah, Real Madrid! In unserem Zimmer bauen mein kleiner Bruder und ich eine eigene Welt aus Lego: ein Haus, eine Bäckerei, eine Tankstelle. In ihrer Freizeit gehen unsere Spielfiguren ins Fußballstadion.

Zu deinem 13. Geburtstag schenkt dir dein Bruder eine Kamera. Du fotografierst damit alles, was dir unterkommt: Blumen, die Wohnung, die Straßen in Damaskus. Wenn dich jemand fragt, was du werden willst, sagst du entschlossen: „Fotografin!“

Auch ich weiß als Kind genau, dass ich Tierärztin sein werde. Wir beide sind ruhige und schüchterne Kinder. Erst mit 13, als ich mich im Bus zurück vom Skikurs neben Lena setze, finde ich eine beste Freundin. Gemeinsam werden wir in Graz mit dem Studium beginnen. Auch dir bringt der Zufall eine Gefährtin: Nachdem du die Klasse wechselst, triffst du Sina. Ihr seid drei Jahre lang unzertrennlich. Bevor du deinen Abschluss machst, flüchtet Sina mit ihrer Familie nach Latakia. Das war vor sechs Jahren. Du hast sie seitdem nicht mehr gesehen.

Im Hintergrund Krieg. Dem Krieg versuchst du lange mit Normalität die Stirn zu bieten. Im Juli 2012 müsst ihr eure Wohnung für eine Woche verlassen – Jets fliegen über das Viertel, immer wieder schlagen Bomben ein. Als ihr zu-
rückkehrt, kommen deine erwachsene Schwester und ihre Kinder wie immer jeden Donnerstag zu Besuch. Du beginnst mit der Uni, alles ist neu, du bist aufgeregt. Der Krieg ist ein immer lauter werdendes Hintergrundrauschen.

Irgendwann, so erzählst du es, werden die Busse so voll sein, dass du nur noch zu Fuß zur Uni gehen kannst. Rund um Damaskus flüchten Menschen in die Hauptstadt. Vereinzelt gehen immer wieder Bomben hoch. Nach jeder Vorlesung bekommst du einen Anruf der Mutter: Aman, komm nach Hause, es ist zu gefährlich! Zu Fuß brauchst du fast eine Stunde zur Uni. Du gehst trotzdem hin.

Der Grund, warum du Syrien verlässt, ist dein Bruder Dyaa. Er wird bald 18. Ihr befürchtet, dass er einrücken muss. Deine Eltern sagen: Wir müssen gehen. Sofort. Im Dezember 2012 fahren dein Vater und deine zwei erwachsenen Brüder nach Beirut. Eine Woche später holen sie deine Mutter, Dyaa, Abdul und dich nach.

Euer Auto ist vollgepackt mit Kleidung, Matratzen, Kissen, Geschirr. Die Bücher lasst ihr zurück. Du umarmst die Schwester, die Großmutter und den Großvater und steigst ins Auto. Bald schon, denkst du damals, wirst du zurückkommen.

Zwölf Tage. Im Sommer 2014 fahre ich nach Leipzig, Warschau und Berlin. Im April bin ich mit meinem Freund nach Wien gezogen. Eine neue Stadt, und bald schon ein neues Studium. Dass ich meine beste Freundin in Graz vermisse, gestehe ich mir nicht ein. Dass ich mich nach wie vor lost fühle, auch nicht. Ich war eine ehrgeizige Schülerin, jetzt bin ich eine ehrgeizige Studentin. Nur wofür ich das alles lerne, weiß ich nicht.

Du bist mit deiner Familie inzwischen nach Alexandria geflüchtet. Im Libanon gab es für den Vater und die Brüder keine Arbeit, in Ägypten wird es nicht besser. Du sitzt viel in der Wohnung, auf Facebook zieht der Krieg an dir vorbei: Du liest von Fassbomben auf Aleppo und Damaskus, den Massakern in Bayda und Baniyas und den Giftgasangriffen in Ghuta. Die Namen der Opfer – es sind Kinder – gehen dir nicht aus dem Kopf.

Im Juli 2014 trifft deine Familie eine Entscheidung, die ich damals wohl nur schwer verstanden hätte: Als das Geld fast aufgebraucht ist und die syrische Botschaft den Pass deines Bruders nicht erneuert, erkundigt sich dein Vater, wie er seine Kinder über das Mittelmeer nach Europa bringen kann.

Am 12. Juli packst du Datteln, eine Flasche Wasser und zwei Handys in einen Rucksack. In der Nacht bringt ein kleiner Bus Abdul, Dyaa und dich zu einem Parkplatz, der von Mauern umringt ist. Ihr sollt umsteigen, in einen Lkw. Wie Sardinen liegen deine Brüder und du auf der Ladefläche, aufgereiht neben Fremden, über euch eine Plane. Als sich die Türen wieder öffnen, seht ihr das Meer. Ein kleines Frachtschiff soll euch und über 300 andere Menschen nach Italien
bringen.

Der Krieg in Syrien hat inzwischen rund 200.000 Menschen das Leben genommen. In der Zeitung lese ich nun von Flüchtenden, die wie du das Mittelmeer überqueren wollten. 2013 ertrinken über 600 Menschen vor Lampedusa; zwei Monate nachdem du dich in den kleinen Frachter nach Italien gesetzt hast, sind weitere 1.024 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben.

Die ersten Tage an Bord kannst du deinen Kopf vor Übelkeit nicht heben. Du sitzt, du schläfst, du sitzt. Der Schwindel lässt nach, ihr seid bereits vier Tage unterwegs, es ist keine Küste in Sicht. Euch geht das Essen aus, dann das Wasser. Jede Nacht dreht das Schiff. Ihr wisst nicht, warum. Dann werdet ihr mitten im Meer auf einen anderen Frachter verladen. An Bord sind ebenfalls 300 Menschen. Der Kapitän, so findet ihr später heraus, hat das Schiff verlassen. Die älteren Männer am Schiff sagen: „Betet! Niemand kann uns retten.“

Du wirst zwölf Tage unterwegs sein, bis euch ein Rettungsschiff mitten in der Nacht aufnimmt. Um vier Uhr früh legst du dich auf ein Stück Karton, du weinst, dann schläfst du ein.

Wenn man dich fragt, warum du die Überfahrt riskiert hast, dann versuchst du, es zu erklären. Zu erklären, warum es die beste aller Möglichkeiten war. Für euch, für dich. Du sagst: „Menschen in meinem Alter bauen sich eine Zukunft auf. Das wollte ich auch.“

Am Anfang. Deine Zukunft beginnt mit zwei Wörtern: Heilige Jungfrau Maria und Spinne. Es sind die ersten Vokabeln, die in der Sprach-App auf deinem Handy aufpoppen. Immer wieder wirst du sie wiederholen, bis sie dir im Gedächtnis bleiben.

Am 14. August 2014, du bist gerade 21 Jahre alt, habt ihr die österreichische Grenze überquert. Ich werde in den nächsten vier Jahren ein neues Studium beginnen und es abschließen, Praktika absolvieren und einen Job finden. Du stehst am Ende der Flucht hier, in Österreich, am Anfang.

Und am Anfang steht das Warten. Auf die Einvernahme bei der Asylbehörde. Auf den Asylbescheid. Auf einen Deutschkurs. Auf deine Eltern.

Du wohnst mit deinen Brüdern in einem kleinen Ort in Oberösterreich. Abdul kann hier zur Schule gehen. Bis deine Eltern kommen, bist du als älteste Schwester für ihn verantwortlich. Es gibt nicht viel im Ort: ein Gasthaus, Supermärkte, ein Veranstaltungszentrum.

Wieder beschließt du: Nichts darf mich aufhalten. „Ich habe darauf vertraut, dass ich alles bekommen werde, was ich brauche“, sagst du heute. Du beginnst einen Onlinekurs, hältst in Schulen Präsentationen über Syrien, arbeitest in einer Wäscherei. Später wirst du nach der Arbeit für einen Deutschkurs dreimal in der Woche mit dem Bus in eine andere Stadt fahren.

Du weißt, dass du Glück hast. In den ersten zwei Jahren, die ihr in Österreich seid, werden 74 Flüchtlingsunterkünfte beschmiert, mit Gummiprojektilen beschossen und in Brand gesteckt. Die Menschen in eurem Dorf sammeln Möbel für eure Wohnung, geben Deutschkurse und veranstalten Feste für euch. Du nennst sie heute deine Familie.

In nur sechs Jahren hast du dir in Österreich ein neues Leben aufgebaut. Du hast die Sprache und die Regeln gelernt. Aber deine Bemühungen, so hast du manchmal das Gefühl, reichen nicht.

Die muslimische Philosophin Kübra Gümüşay schreibt: Wenn sie bei Rot über die Straße geht, gehen mit ihr 1,9 Milliarden Muslime bei Rot über die Straße. So geht es auch dir. In einem Geschäft, in dem du als Verkäuferin arbeitest, weigert sich eine Kundin, zu bezahlen, während du an der Kassa stehst.

Du erzählst von Jobabsagen, die du erhältst, weil du auf dem Bewerbungsfoto ein Kopftuch trägst. Auf der Straße, so sagen deine Brüder, würden sich die Leute nach euch umdrehen. Du sagst, die Blicke stören dich nicht mehr, aber du weißt, dass sie da sind. Du sagst: „Ich hoffe, dass ich eines Tages das Gefühl haben werde, zu Hause zu sein.“

Im Herbst wirst du an der Uni ein Studium beginnen, nebenbei willst du arbeiten. In deine Bewerbungen schreibst du: „Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Syrien, aber ich möchte in Österreich leben.“

MITARBEIT: Magdalena Pötsch

 

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