"Du schaust ja gar nicht aus wie eine Prostituierte"

Sandra arbeitet seit 16 Jahren als Sexworkerin, freiwillig und selbstständig. Mit der WIENERIN sprach sie über Klischees, Klienten und Feminismus. Und sagt: "Die größte Selbstbestimmung haben immer noch wir Frauen in der Prostitution."

"Feminismus ist für alle da!" - deswegen stellt die WIENERIN in dieser Portrait-Reihe fünf Frauen vor, deren Lebensrealität viel zu wenig Beachtung findet. Teil 1: Sandra, die Sexarbeiterin.

Illustration einer Frau mit Brille und Perlenkette, dunkle Töne

Sandra ist 37 Jahre alt. Seit 16 Jahren arbeitet sie unter diesem Namen als Sexworkerin. „Auf meinen eigentlichen Vornamen reagiere ich gar nicht mehr. Da gab’s einige Diskussionen mit meiner Mutter, die sagt ‚So hab ich dich nicht getauft!“ erzählt sie lachend. Und dass sie immer überlegen muss, welchen Namen sie jetzt verwendet, bei Behördenwegen genauso wie beim Vorstellen in privaten Runden. „Das sind so Millisekunden, während man jemandem die Hand reicht und gleichzeitig überlegt.“

Das Gespräch mit Sandra findet an ihrem Arbeitsplatz statt, dem Laufhaus Wien Mitte in der Zollgasse. Vor ihrem Zimmer ist ein Bildschirm mit Fotos von ihr, die Tür entsperrt sie mit ihrem Handy. Drinnen sieht es aus wie in einem Studio für Student*innen: Ein Doppelbett, eine Küchenzeile mit Kühlschrank und Mikrowelle, ein Schreibtisch, daneben ein Badezimmer mit Dusche und WC. Sandra trägt einen schwarzen Rolli, Brille und eine Perlenkette. „Ich hab‘ oft gehört, dass ich nicht wie eine Prostituierte ausschau‘. Gottseidank sag ich. Man würde nie vermuten, was ich tu, wenn man mich auf der Straße sieht, ich lauf in Jeans und Sporthosen genauso wie im Etuikleid herum.“

Selbstständig als Sexworkerin: Von Escort bis Laufhaus

Angefangen hat Sandra im Escort-Service, danach hat sie jahrelang selbst ein Bordell betrieben, seit Herbst vergangenen Jahres arbeitet sie im Laufhaus.
An ihren ersten Job mit einem Klienten kann sie sich noch gut erinnern: „Das war zehn Minuten nach meinem Gespräch mit der Agentur, bei der ich mich vorgestellt habe. Am Weg zum Termin wollte ich zehn Zigaretten auf einmal rauchen. Man wird auch nicht darüber aufgeklärt, was einen dort erwartet, was der will, was dort passiert. Man kennt’s aus Filmen und stellt dann fest: alles Blödsinn. Mein erster Klient war ein sogenannter Tester, die Agentur wusste ja, dass ich neu bin. Am Anfang glaubt man ja, naja, der Typ zahlt, also mach ich – aber so spielt’s das nicht. I have the pussy, I make the rules. Der Mann hat mir dann eine Stunde lang den Rücken massiert. Und ich bin für damalige Verhältnisse mit wahnsinnig viel Geld rausgegangen und dachte mir, wow, das mach ich wieder.“ Bis auf den Straßenstrich hat sie alles ausprobiert, erzählt Sandra: „Umso mehr man diese Branche eintaucht, desto mehr sieht man, was alles geht. Damals gab’s Escort, Massage Studios, Bars, Nachtclubs. Tausend Möglichkeiten, in der Branche Fuß zu fassen.“

Am Anfang glaubt man ja, naja, der Typ zahlt, also mach ich – aber so spielt’s das nicht. I have the pussy, I make the rules.

Im Laufhaus arbeitet sie jetzt seit sechs Monaten auf Empfehlung einer Freundin. Am Eingang sitzt von 10 bis 2 Uhr ein Security. „Jede von uns hat ein Armband mit Notfallknopf. Wenn ich den länger drücke, geht unten ein Alarm los und der Security weiß genau, in welchem Zimmer der ausgelöst wurde. Das schallt im ganzen Haus und alle Frauen stürmen aus den Zimmern und fragen, ob alles okay ist.“ In dem halben Jahr, in dem Sandra hier arbeitet, ging der Alarm einmal an – ein Test durch die Kriminalpolizei.

Für diese Sicherheit und die Ausstattung zahlen die Sexarbeiterinnen rund 700 Euro pro Woche, Garage und Putzdienst kosten extra. Sandras Honorar liegt beim Basispreis von 150 Euro für eine Stunde. „Das beinhaltet ein Hallo und zuerst einmal duschen – ich schick sie alle in die Dusche vorher –, französisch und Verkehr, ausschließlich mit Schutz.“ Schlucken, Mundvollendung, Natursekt oder Kaviar kosten extra und werden vorab verhandelt.

Übergriffigkeiten von Klienten hat sie kaum erlebt. „Ich hatte einen Gast in all den Jahren, da ging es um Analverkehr und ich war noch nicht entspannt, das dauert eben. Er hat nur gesagt: ‚Stell dich nicht so an!‘ und da sind bei mir die Sicherungen durchgebrannt. Ich hab seine Sachen aus dem Fenster des Hotelzimmers – das er bezahlt hat – geschmissen und ihn nackt auf den Gang gestellt. Es gibt immer wieder ein paar Idioten, die glauben, sie können noch eins drauflegen. Aber dann geht er. Und das Geld bleibt da.“

Mit ihren Söhnen, die über Sandras Beruf Bescheid wissen, ist sie in Sachen Konsens streng: „Wahrscheinlich bin ich sogar strenger als andere. Die wissen ganz genau: Wenn eine Frau am Anfang überzeugt ist, dass sie das will – sobald sie davor, währenddessen, wann auch immer ‚Stopp!‘ sagt, und sie gehen trotzdem einen Schritt weiter … So alt können sie gar nicht sein, das ist die erste Watsche, die sie von mir kriegen. Eine Frau sagt Nein und dann ist es Nein. Da kann dein Schwanz stehen bis zur Nasenspitze, das ist völlig uninteressant.“

Es gibt immer wieder ein paar Idioten, die glauben, sie können noch eins drauflegen. Aber dann geht er. Und das Geld bleibt da.

Netzwerke von Prostituierten: "Mehr Möglichkeit zum Austausch"

Während Sandra mit ihrer Familie offen über ihren Beruf sprechen kann, ist der Austausch mit Kolleg*innen nicht immer einfach. Zusammenschlüsse, Interessensvertretungen, die von Sexarbeiter*innen selbstständig organisiert werden, gibt aktuell nicht. In der Vergangenheit war das anders: 1986 gründete sich auf Initiative von Frau Eva, selbst Sexarbeiterin, der Verband der Prostituierten Österreichs, der bis 1992 bestand. Auslöser für diese erstmalige Selbstorganisation war, dass die Gesetzgebung rückwirkend Einkommens-, Umsatz- und Gewerbesteuern eingehoben hatte. Das war für viele Tätige finanziell kaum bewältigbar. Sie gründeten die Zeitschrift „Horizontal“und gingen mit ihren Anliegen in die Öffentlichkeit, die sie wegen des medialen Interesses auch umgehend wahrnahm.

Ein vergleichbares Netzwerk gibt es heute nicht, erzählt Sandra: „Es gibt ein Erotikforum, da gab es vor ein paar Jahren ein Unterforum für uns Sexworkerinnen. Da haben wir uns ausgetauscht. Wir hatten schwarze Listen über Männer, die vielleicht unangenehm waren oder einem zu nahegekommen sind, oder mit ganz speziellen Wünschen oder Pädophile. Aber auch unsere lustigsten Erlebnisse oder ‚Einmal und nie wieder!‘.“ Ein vergleichbares, passendes Forum ist laut Sandra im Moment nicht vorhanden. Und auch wenn es wahrscheinlich schwierig sei, alle Frauen in der Prostitution zu erreichen, fände sie es „super, wenn wir uns austauschen könnten“. Bei der Wiener Beratungsstelle SOPHIE arbeite man daran, erzählt Sandra.

Freiwillige Prostitution: Registrierung und Gesundheitskontrollen

Die größte Hemmschwelle sei die Registrierung, meint Sandra. Die erhalten Sexarbeiter*innen in Wien in Form eines blauen Zettels am Deutschmeisterplatz, in der Polizeistelle für Prositution. „Das ist die Genehmigung, um in Wien arbeiten zu dürfen. In jedem Bundesland muss man sich das separat holen.“ Mit der grünen Gesundheitskarte, dem „Deckel“, muss Sandra alle sechs Wochen zur Gesundheitskontrolle, der gynäkologischen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Bei jedem zweiten Termin wird auch Blut abgenommen, um unter anderem auf HIV zu testen. „Darüber hinaus wird nicht betreut. Es gibt dort auch ein paar Sozialarbeiter, aber ja, was soll ich die fragen? Man kriegt die klassischen Magistratsauskünfte, vielleicht ein bisschen einfühlsamer“, erzählt Sandra.

Mir fehlt am Feminismus das Miteinander. Wer ‚Feminismus‘ schreit und dann auf die unteren Reihen spuckt – das hat für mich nichts mit Feminismus zu tun.

Nach 16 Jahren gibt Sandra, die über ihre Erfahrungen auch ein Buch geschrieben hat, die Sexarbeit auf, sie wird sich beruflich verändern: „Ich mach den Job wirklich gerne. Natürlich gibt es solche und solche Tage, wie in jedem Beruf. Es gibt Phasen, da ruft ein Trottel nach dem anderen an, Anfragen für Verkehr ohne Schutz, da werd' ich narrisch. Da denk ich mir dann: Hab ich das notwendig? Aber das hat man wohl in jedem Beruf. Die Stewardess hat genauso unangenehme Gäste, mein Mann hat auch schlechte Tage im Büro. Ich geh mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich schließe nicht aus, dass ich irgendwann zurückkomme. Für mich ist das ein wahnsinniges Sicherheitsnetz. Wenn etwa ein Einkommen wegbricht, mein neuer Job nicht läuft, was auch immer – ich weiß, ich kann sofort wieder einsteigen, ich hab den Namen, ich hab sofort wieder meine Kunden. Diese Sicherheit ist schon beruhigend.“

Sexarbeit: Selbstbestimmung statt Klischees

Egal, ob ehemalige oder aktive Sexarbeiterin, Sandra möchte weiterhin gegen den Stereotyp der Prostituierten kämpfen: „Ich habe mich jahrelang darüber aufgeregt, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem ungebildete und drogenabhängige Missbrauchsopfer sind. Dieses Bild wird auch von Feministinnen gezeichnet. Und ich kreide das jeder Feministin an, die über uns statt mit uns redet.

Die größte Selbstbestimmung haben immer noch wir Frauen in der Prostitution. Ich bestimme, was ich mache. Ich bestimme meine Arbeitszeit, was ich anbiete, wie weit ich gehe, was ich ablehne und welcher Mann hier überhaupt hereinkommt.“Die Sekretärin im Büro bestimmt nicht, ob ihr Chef ihr auf den Hintern klopft. Und wenn sie sich wehrt, ist sie ihren Job höchstwahrscheinlich los. Wenn mir hier am Gang ein Gast auf den Arsch greift, kostet das 100 Euro. Und der bezahlt, vorher geht er nicht raus.“

Feminismus ist für alle da!

Es geht nicht nur um Quotenregelungen und Aufsichtsrätinnen: Feminismus muss auch jene meinen, die nicht privilegiert sind und auf Grund ihrer Lebenssituation an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. In dieser Reihe anlässlich des Internationalen Frauenkampftages stellt die WIENERIN im März 2020 fünf Frauen im Porträt vor, über deren Lebensrealität viel zu wenig gesprochen wird.

Zahlen und Fakten zu Prostitution in Österreich

Sexarbeit, das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen durch erwachsene Personen, ist in Österreich grundsätzlich legal. Eine Verpflichtung, die zwischen Anbieter*in und Kund*in vereinbarte Leistung auch tatsächlich zu erbringen, entsteht laut Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes nicht – um die sexuelle Integrität der Sexdienstleister*innen zu wahren.

Bei Sexarbeiter*innen handelt es sich um eine heterogene Gruppe. Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sexueller Orientierung und ethnischer Identität sind aus verschiedensten Gründen in der Sexarbeit tätig und berichten alle von unterschiedlichen Erfahrungen. Manche üben Sexarbeit aus, weil sie in der Sexarbeit die passende oder bevorzugte Beschäftigung sehen – beispielsweise, weil die Arbeit flexibel ist, sie die Arbeitszeiten selbst bestimmen können, oder die Beschäftigung besser bezahlt wird als andere Alternativen. Für viele ist der Eintritt in die Sexarbeit eine Option, weil sie nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. So könnte es für Migrant*innen ohne regulären Aufenthaltsstatus eine der wenigen Möglichkeiten sein, zu arbeiten, da sie keine Arbeitserlaubnis erhalten und auf den informellen Sektor angewiesen sind.

In Wien waren im Jahr 2019 3.042 Sexworkerinnen und 73 Sexworker registriert, zehn Jahre zuvor waren es 2.225 beziehungsweise 55. Verteilung nach Nationalitäten: Mit 41 Prozent hat der Großteil rumänischen Hintergrund, gefolgt von Ungarn (21 Prozent) und China (7 Prozent). Vier Prozent der Sexworker*innen kommen aus Österreich.

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Sexworker*innen arbeiten in einem prekären und ausbeutungsgefährdeten Arbeitsfeld, weshalb in Zusammenhang mit Prostitution oftmals ein generelles „Kaufverbot für sexuelle Dienstleistungen“ gefordert wird – als Maßnahme zum Unterbinden von Menschenhandel. Viele Frauen arbeiten jedoch wie erwähnt aus freien Stücken in der Branche, weshalb Expert*innen sich einig sind, dass die Regulation von sexuellen Dienstleistungen der bessere Schritt ist. Ausländische Beispiele zeigen auch, dass die Nachfrage durch ein Verbot nicht wirksam unterbunden werden kann. Im Gegenteil, ein Verbot drängt Sexdienstleister*innen in die Illegalität, wo sie noch schlechter geschützt werden können.

Ein klares Konzept im Umgang mit freiwilliger Prostitution ermöglicht hingegen nicht nur die Einflussnahme auf die Arbeitsbedingungen, sondern bietet auch bessere Möglichkeiten der Beratung, Unterstützung und Gesundheitsvorsorge für Sexarbeiter*innen. Und wirkt damit nicht nur bestehenden Diskriminierungen gegenüber anderen Berufsgruppen entgegen, sondern erleichtert auch die Identifizierung eventueller Opfer von Menschenhandel und (sexueller) Gewalt im Rahmen von Beratung und Kontrollen.

Die Voraussetzungen, unter denen Sexarbeit in Österreich stattfindet, werden von den Bundesländern geregelt: Altersgrenzen, zulässige Arbeitsorte, betriebliche Auflagen. Eine einheitliche, bundesweite Regelung fehlt.

Quellen:
Bundeskanzleramt: Empfehlungen der Arbeitsgruppe "Prostitution"/Task Force Menschenhandel, Mai 2018
Positionspapier von Amnesty International zu den Menschenrechten von Sexarbeiter*innen, Mai 2015

 

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