Du hast Sorgen oder depressive Gedanken? Hier bekommst du Hilfe (und zwar anonym und kostenlos!)

Auf der Plattform "Schreiben statt Schweigen" können Kinder, Jugendliche und Erwachsene Anfragen rund ums Thema Mental Health stellen. Anschließend gibt’s Rat von Expert*innen.

Wohin du dich bei depressiven Gedanken wenden kannst

Die Coronapandemie mitsamt Lockdowns und Isolation belastet die meisten von uns nun schon seit langer Zeit. Wir alle müssen Einschränkungen in unserem Alltag in Kauf nehmen, haben mit neuartigen Sorgen und Ängsten zu kämpfen und fühlen uns öfter überfordert und nicht mehr so unbeschwert wie früher. Gerade auch Kinder und Jugendliche leiden unter den Einschränkungen, die sich vor allem auf ihre sozialen Kontakte und soziale Entwicklung auswirken.

Da mentale Belastungen bzw. Erkrankungen in unserer Gesellschaft (leider) immer noch oft tabuisiert und niedergeschwiegen werden, trauen sich viele Menschen nicht, offen über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen. Die Plattform Schreiben Statt Schweigen des Gesundheitscenters Anima Mentis setzt genau hier an und bietet allen, ob jung oder alt, eine einfache Möglichkeit, ihre Gedanken und Sorgen zu teilen - und anschließend Hilfe von ausgebildeten Expert*innen zu erhalten. Wir haben Projektinitiator Dr. Peter Kirschner einige Fragen rund um die neue Plattform gestellt:

WIENERIN: Was sind die Probleme, mit denen Kinder und Jugendliche momentan zu kämpfen haben?

Peter Kirschner: Die psychische Belastung ist durch die Pandemie sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche extrem hoch geworden, weil neue Herausforderungen entstanden sind, mit denen sie bisher nie konfrontiert waren.

Jetzt ist das bei jungen Menschen nicht besonders hilfreich, wenn sich gerade der ganze Körper verändert, man selbst in einer kleinen Identitätskrise steckt, noch nicht genau weiß, wer man eigentlich ist, was man machen möchte und dann darüber hinaus soziale Kontakte wegbrechen und man viele Dinge, gerade soziales Verhalten, nicht mehr ausprobieren kann. Bezugspersonen fehlen plötzlich. In der Summe ist die Wahrscheinlichkeit dann hoch, dass man eine mentale Erkrankung entwickelt. Allgemein ist die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, für Kinder sowie Erwachsene um etwa 20 Prozent gestiegen.

Wie äußert sich die mentale Belastung?

Gerade durch die soziale Isolation entwickeln sich Schlafprobleme, körperliche Probleme, allgemeine Erschöpfungszustände. Zum Beispiel kommt man schwerer aus dem Bett oder kann sich für gewisse Sachen nicht mehr motivieren. Das Leben fällt einem einfach schwerer. Wenn diese die Stresszustände im Körper beginnen und man das nicht rechtzeitig abfängt, kann es sein, dass sich Negatives daraus entwickelt, wie etwa eine Depression. Es kann aber etwa auch zu affektiven Störungen kommen, Körperwahrnehmungsstörungen, Störungen im Essverhalten, ...

Sind Pubertierende hier stärker betroffen als etwa Volksschulkinder? Welche Rolle spielt das soziale Umfeld bzw. die Bezugspersonen?

Das ist total vielfältig. Starke Belastungen hat man aber tatsächlich vor allem bei jenen festgestellt, die gerade ins jugendliche Alter wachsen, also bei den 13-, 14-, 15-Jährigen, weil diese einfach den größten Wandel durchmachen.

Wie Forschungen nun zeigen, hat sich auch das Verhalten der Eltern stark auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen ausgewirkt. Vor allem bei Kleinkindern. Haben sie viel Angst gehabt? Dann hatten die Kinder plötzlich auch viel Angst. Haben die Eltern viele Zukunftssorgen? Dann haben die Kinder das wahrscheinlich auch. Verliert ein Elternteil zum Beispiel den Job, wirkt sich das natürlich auch auf die Kinder aus.

Etwas extrem Wichtiges, dass Sie angesprochen haben, ist das soziale Umfeld. Bei Kindern, die in einem stabilen System aufwachsen, ist natürlich weniger passiert als dort, wo es vorher schon instabil war. Enge Bezugspersonen, mit denen man sich austauschen kann, machen hier viel aus.

Es gibt immer noch dieses Stigma des "mental Erkrankten". Man wird schnell einmal abgestempelt oder hat Angst davor, abgestempelt zu werden. Das darf nicht sein.

von Dr. Peter Kirschner, Anima Mentis

Wie möchte ihr Projekt helfen?

Der Zugang zu Therapie ist extrem begrenzt. Leider fehlen hier viele Plätze. Auch gibt es immer noch dieses Stigma des "mental Erkrankten". Man wird schnell einmal abgestempelt oder hat Angst davor, abgestempelt zu werden. Das darf nicht sein.

Wir wollen einen einfachen, anonymen Zugang bieten, wo sich Leute erste Hilfe holen können - und lernen, dass sie mit ihren Sorgen und Gedanken nicht alleine sind und es in jeder Lebenslage einen Ausweg gibt. Ich bin der vollen Überzeugung, dass jeder das Recht auf mentale Gesundheit hat.

Wie genau funktioniert "Schreiben statt Schweigen"?

Auf unserer Website können uns Leute ihre Anliegen schreiben und unsere Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen antworten - in der Regel innerhalb eines Tages - darauf und geben Tipps, was man tun kann. Bei manchen können die Tipps an sich bereits ein Umdenken bewirken – bei anderen sehen wir, dass sie wirklich mehr Hilfe brauchen. Die verweisen wir dann an die richtigen Stellen.

Das Ganze ist anonym und kostenlos. Die beantwortete Frage stellen wir dann auf die Website, sodass andere, die sich vielleicht ähnliche Gedanken machen, sie sehen können.

Was wird da so geschrieben?

Das ist ganz unterschiedlich. Oft geht es um Stressthematiken, Schlafprobleme, Veränderungen im Job, Liebeskummer – quer durch die Bank. Eigentlich alles, wo sich so bisschen ein Lebensabschnitt verändert bzw. ein neuer beginnt.

Werden die Anfragen gefiltert?

Ja. Bei dringenden Anfragen schauen wir, dass wir die Person so rasch wie möglich direkt kontaktieren, was möglich ist, wenn sie ihre Emailadresse mit angeben. Natürlich haben wir auch sämtliche Notfallnummern für akute Fälle auf unserer Seite gelistet.

Generell versuchen wir, dass die Person wirklich schnell Hilfe bekommt, wie auch immer und wo auch immer. Das kann in einem klinischen Setting sein, im Krankenhaus, je nachdem – wir vermitteln das.

Sie beraten auch bei der Suche nach einem Therapieplatz?

Genau. Wir nutzen dazu die Möglichkeiten aus unserem Partnersystem, den öffentlichen Stellen oder vermitteln an unsere Expertinnen und Experten, wenn man das möchte. Wir unterstützen Personen dabei, die Option zu finden, die für sie am besten passt. Vielen ist vielleicht nicht klar, ob sie einen Psychotherapeuten, eine Psychologin, einen Psychiater oder einfaches Coaching brauchen - das ist ja ein großer Unterschied. Das schauen wir uns dann gemeinsam an.

Wie erreichen Sie die Jugendlichen?

Vor allem über Social Media. Das heißt, wir fahren zum Beispiel Kampagnen mit Influencer*innen, die sich mit dem Thema beschäftigen und ziehen das Ganze relativ jung auf – vor allem auch unsere User Experience, sodass sich die Jugendlichen gut zurechtfinden. Was wir jetzt noch vorhaben, ist unser Projekt auch in den Schulen und Universitäten anzupreisen, um gerade die jungen Leute abzuholen.

Wir haben viel zu wenig öffentliche Therapieplätze, daher ist es unser Anliegen, die Awareness zu erhöhen und zu zeigen: Hey, da gibt es eigentlich ganz viele Leute, die das in Anspruch nehmen würden und wirklich brauchen.

von Dr. Peter Kirschner, Anima Mentis

Wie sind sie auf die Idee des Projekts gekommen? Gab es Projekte, die als Vorbild gedient haben?

Rat auf Draht, die Telefonfürsorge kennen Sie wahrscheinlich. Ich bin jetzt nicht der große Fan des Telefonierens, weil es oft einfach leichter ist, Probleme oder Gedanken niederzuschreiben. Das geht glaube ich einigen so. Außerdem kann man Dinge dabei selbst ganz gut für sich einordnen und reflektieren.

In meinem beruflichen Leben im Krankenhaus wäre es manchmal nicht schlecht gewesen, wenn es so eine Art FAQ gegeben hätte, wo die Patient*innen sich häufige Fragen von anderen durchlesen und sich so etwas orientieren hätten können. Was braucht es? Was nicht? So ein bisschen Wissensgeneration für sich selbst, aber dann auch zu wissen, man ist mit seinen Fragen nicht allein und dass jemand antwortet, der ein wirkliches Know-How hat. Das war so die Idee, warum wir das gemacht haben.

Mein Ansporn ist es, dieses Stigma abzubauen und zu zeigen, dass man offen reden kann – selbst, wenn es schwere Themen sind. Sodass es ganz normal wird. Leider arbeiten wir hier an hart eingesessenen Meinungen in unserem System. Wir haben z.B. in Wien viel zu wenig öffentliche Therapieplätze, die wir eigentlich bräuchten und da ist es natürlich auch unser Anliegen, die Awareness zu erhöhen und zu zeigen: Hey, da gibt es eigentlich ganz viele Leute, die das in Anspruch nehmen würden und wirklich brauchen. Und wenn wir schon unser Gesundheitssystem anpreisen, dann sollten wir auch schauen, dass es alle Bereiche umfasst – auch mentale Erkrankungen.

 

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