Du hast mich missbraucht, aber nicht gebrochen

20 Jahre mussten vergehen, ehe Sabrina sich traute, ihren Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs anzuzeigen. Alle sagten ihr: "Lass es bleiben, das bringt jetzt nichts mehr." Nun wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt - rechtskräftig. Hier erzählt Sabrina ihre Geschichte.

Das ist die Geschichte von Sabrina. Sie heißt nicht wirklich so; zu ihrem Schutz haben wir sie so genannt. Was Sabrina erlebt hat, ist schrecklich. Dass sie darüber sprechen will, sehr mutig.

Wir haben Sabrina getroffen und waren beeindruckt von ihrer Klarheit, ihrer Aufrichtigkeit. Lesen Sie ihre Geschichte von Demütigung und Sieg.

Sabrina: "Es ist ein Moment, eine Erinnerung. Ich sitze zu Hause auf meiner Couch und habe diesen sehr gemütlichen Jumpsuit an, den mir mein bester Freund geschenkt hat. Das ist ein Einteiler, nur mit Reißverschluss. Und plötzlich sehe ich ein Bild. Mich selbst als kleines Mädchen mit meinem Schlafanzug, der auch einen Reißverschluss hatte, so quer über meinen Oberkörper. Heute weiß ich, warum ich diesen Schlafanzug immerzu tragen wollte. Er war mein Schutzanzug - um ihn mir auszuziehen, hätte er mich wecken müssen. Und das wollte er nicht. Er wollte, dass ich schlafe oder zumindest so tue. Er wollte, dass alles für mich wie im Nebel passiert. Er wollte mich im Schlaf. Solche Blitzlichter aus meiner Kindheit habe ich immer wieder. Mittlerweile kann ich damit besser umgehen, früher dachte ich aber, ich sei verrückt. Mein Stiefvater, den ich Papa nennen musste, weil er sehr früh in mein Leben kam, hat mich missbraucht. Er fing damit an, als ich etwa fünf Jahre alt war, und hörte erst auf, als ich meine Periode bekam. Im Gerichtsurteil steht eine Zeile, die mein Leben verändert hat: Er ist schuldig.

Ich bin kein Opfer

Als Kind dachte ich ja, das ist normal. Dass mein Papa in mein Zimmer kommt, mich auszieht und das alles macht - ich dachte, das gehört so. Aber er ist schuldig - das Gericht ist zu diesem Schluss gekommen und hat mir damit im wahrsten Sinne Recht gegeben. Ich erzähle hier meine Geschichte, weil es ganz vielen Kindern und Mädchen so geht, wie es mir ergangen ist. Ich weiß mittlerweile, dass die meisten sexuellen Übergriffe in der Familie stattfinden. Worüber man nicht so viel weiß, ist, wie sehr diese Übergriffe das Leben der späteren Frauen verändern. Ich wollte mich ja nie zum Opfer machen lassen, ich wollte immer stark sein. In der Pubertät, als ich kapierte, dass die Dinge, die er mit mir gemacht hatte, nicht normal waren, hab ich einiges zu Therapieformen und Bewältigung gelesen. Mein Reflex war: Ich brauch das nicht, ich bin kein Opfer. Mein Weg war Flucht und später dann auch Aggression. Ich bin mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen, wurde schnell selbstständig, hatte Selbstbewusstsein, Freunde und Sex. Ganz stolz war ich, weil ich so cool mit dem Thema umgehen konnte. Dass ich aber in jeder Beziehung immer alles mit Sex ausgleichen und ,bezahlen' wollte, weil ich das so gelernt hatte, fiel mir nicht auf. Mir fiel nicht auf, dass ich schnell zornig wurde, dass mein Gewaltpotenzial andere regelrecht abschreckte. Ich sagte zu mir und zu meinem Stiefvater: Du Arsch hast mich nicht kaputtgemacht, du nicht! Wenn ich Blitzlicht-Erinnerungen an meine Kindheit hatte, wischte ich sie weg. Oder dachte darüber nach, ob sie wirklich so passiert sein konnten. Schließlich hätte doch sicher jemand etwas gemerkt, wenn mein Stiefvater so oft in meinem Zimmer gewesen wäre. Das hätte meine Mama doch mitbekommen. Hat sie aber nicht. Sie hat mir in den letzten zwei Jahren dieses Prozesses sehr geholfen und mir oft gesagt, wie leid ihr das getan hat. Ich kann ihr das heute glauben und das gut annehmen, doch mein kindliches Ich ist trotzdem enttäuscht von ihr. Mein kindliches Ich hat aber auch noch andere Hürden vor sich -trotzdem überwiegt das Gefühl: Es wird gut.

Das ist wirklich passiert

Damals in meinem kleinen Kinderzimmer bin ich aus Angst wirklich manchmal eingeschlafen - Kinder können so was scheinbar. Und meinen Stiefvater, den mochte ich ja grundsätzlich schon. Vielleicht wollte ich selbst, dass es ein Traum wäre und nicht Wirklichkeit. Als ich das erste Mal bemerkte, dass ich meine Unterhose verkehrt herum anhatte, habe ich mich erschreckt. Zu wissen, dass er wirklich da war, hier wirklich was stattgefunden hat - das hat mich schon verstört.

Als ich 17 war, hat sich Mama von ihm scheiden lassen. Er hat später aber wieder geheiratet und mit seiner neuen Frau auch ein Kind bekommen - ein Mädchen. Dieses unbekannte Kind war der letzte Anstoß für mich, ihn bei der Polizei anzuzeigen.

Ich dachte mir, dass ich diesem kleinen Mädchen vielleicht große seelische und körperliche Schmerzen ersparen kann. Ich glaube, das habe ich geschafft. Und noch was habe ich geschafft: ihn zu überraschen. Ich habe kein Schmerzensgeld gefordert und ich habe nur jene Dinge vor Gericht erzählt, an die ich mich wirklich und zu hundert Prozent erinnere. Und das hat seine Argumentation, ich wolle nur Geld oder das Ganze sei eine Racheaktion meiner Mutter, ausgehebelt. Das Urteil hat ihn getroffen, denn er war sich wohl sicher, dass er nach so langer Zeit gar nichts zu befürchten hätte. Meine Anwältin hat mir erzählt, dass er eigentlich keine Aussage gemacht hat, er hat nur gegrinst und gemeint, dass das alles nicht stimmt. Scheinbar alles einfach für ihn, für mich hingegen Schwerstarbeit.

Ich wohne am Land, mein Stiefvater ein paar Kilometer entfernt; intime Dinge machen schnell die Runde. Meine Scham war daher groß. Darüber überhaupt zu reden und auch noch Angst haben zu müssen, dass andere davon erfahren. Ich musste mich einem psychologischen Gutachten stellen, meine Mutter und mein Bruder wurden ebenfalls einvernommen. Sie hatten zwar keine Erinnerung an die Übergriffe selbst, ihre Erinnerung an den Täter haben meine Aussagen aber untermauert. Ich musste meine Geschichte nicht nur erzählen, mehrfach und in allen Details, sondern habe sie nochmals durchlebt. Und das nach 20 Jahren.

Ich biss im Schlaf

Warum ich so lange gewartet habe, um damit rauszurücken? Einerseits dachte ich mir, dass viele Kinder so etwas erleben und dass man einfach damit klarkommen müsse. Andererseits habe ich mich so kräftig gefühlt, war laut und durchsetzungsstark, also dachte ich: Warum darüber reden? Doch meine Beziehungen waren trotzdem nie ausgewogen, sie waren seltsam. Nie konnte ich wirklich gut einschlafen, nie durfte mich jemand im Schlaf berühren; mein Stiefvater hat oft meine Fesseln genommen und meine Beine gespreizt, heute noch trete ich nach allen Richtungen aus, wenn meine Knöchel berührt werden. Meinen Exfreund habe ich im Schlaf in den Rücken gebissen. Das hat mich irritiert. Ich galt aber dennoch als energisch, stürmisch, leidenschaftlich - alles tolle Eigenschaften für eine junge Frau.

Ich selbst empfand mich aber irgendwie hohl, Gefühle waren da, um beherrscht zu werden. Vertrauen störte mich eigentlich eher. Ohne Therapie wäre das alles, also der Prozess und alle Folgen davon, nicht passiert - da bin ich mir sicher. Durch Zufall konnte ich mich auf der Sigmund-Freud-Uni für eine Therapie anmelden, dort kostet die Stunde nur zehn Euro. Das war für mich als Studentin leistbar. Und nur diese Therapiekosten - insgesamt 3.000 Euro über fünf Jahre - habe ich von ihm verlangt. Das hat natürlich seine Theorie, ich wolle ihn abzocken, erschüttert. Es gab, so der Richter, keinerlei Grund, an der Glaubwürdigkeit unserer Aussagen zu zweifeln. Bis zu diesen klaren Worten war es aber ein harter Weg -psychisch, aber auch, weil mir viele sagten, dass 20 Jahre nach einem sexuellen Missbrauch die Chancen gleich null stehen würden, hier etwas zu erreichen. Dass es am Ende anders war und er jetzt wirklich für zwei Jahre ins Gefängnis muss, ist einer glücklichen Fügung aus Verjäh-rungsfristen und Gesetzesnovellen gedankt. Der Normalfall ist das nicht, und das weiß ich auch. Was ich daher nicht möchte, ist falsche Hoffnungen zu wecken. Nach so langer Zeit einen sexuellen Missbrauch zu beweisen ist wirklich schwer, ja. Aber: Es ist nicht aussichtslos und es gibt Vereine und tolle Anwältinnen, die einen auf diesem Weg begleiten.

Deshalb wollte ich meine Geschichte hier erzählen. Für mich ist es der Abschluss einer scheinbaren Irrfahrt, die sich am Ende als notwendige Reise herausgestellt hat. Jetzt muss ich lernen, mit meinem neuen Ich sorgsam umzugehen. Und ich weiß irgendwie, dass ich das schaffe. Denn ich spüre Kraft. Durch Gerechtigkeit."

Jedes dritte Mädchen erlebt sexuelle Übergriffe. "80 bis 90 Prozent aller Übergriffe geschehen im nahen sozialen Umfeld", sagt Hedwig Wölfl vom Kinderschutzzentrum die möwe. Laut Studien wird jedes dritte bis vierte Mädchen bis zu seinem 16. Lebensjahr Opfer eines sexuellen Übergriffs. Ohne Therapie sind diese Frauen später nie mehr in der Lage, eine gesunde Beziehung zu führen.
 

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