„Du bist nicht beziehungsunfähig, du bist ein Arschloch“

Wenn Beziehungsunfähigkeit als Ausrede verwendet wird, um respektlos zu sein.

„Ich hab' ihr wochenlang nicht zurückgeschrieben, aber dann zum Ausgleich eh mit ihr gekuschelt.“ Das erzählte kürzlich ein Freund in der Runde, der eine On-Off-Beziehung (die er natürlich nicht so nennen würde) mit einer Frau führt, die es seiner Meinung nach „zu ernst“ meint. Das führt er darauf zurück, dass sie ihm zum Geburtstag gratuliert hat und dass sie sich hin und wieder "aus heiterem Himmel" bei ihm meldet. Die logische Reaktion für ihn: in Panik zu verfallen, sich gar nicht mehr zu melden oder – offen zugegeben – nur dann, wenn er gerade Lust auf Sex hat. Geredet hat er mit ihr natürlich nie darüber.

Das Ganze rechtfertigt er mit dem Satz: „Ich bin halt beziehungsunfähig.“ Es ist ein Satz, den wir alle schon oft gehört haben. Und im Grunde ist er einfach nur ein Freifahrtschein dafür, normale Grundregeln des menschlichen Umgangs nicht mehr zu beachten. „Du bist nicht beziehungsunfähig, du bist ein Arschloch“, antwortete diese Frau ihm schließlich, als er ihr erklärte, warum er zum vereinbarten Treffen einfach nicht erschienen ist.

Respektvolle Kommunikation miteinander ist kein Fehler


Das mag vielleicht ein Extremfall sein, er zeigt aber ein grundlegenderes Problem. Denn hinter dem Satz „beziehungsunfähig“ verstecken sich zumeist nicht die traumatisierten jungen Männer, die sie vorgeben zu sein, sondern einfach nur respektlose Typen, die nicht gelernt haben, wie sie mit Frauen umzugehen haben. Denn ein solcher Umgang erfordert eigentlich nicht mehr als zwei Dinge: Respekt und Aufrichtigkeit.

Warum das vielen so schwer fällt, liegt in unserer Sozialisation begründet. Und ja, wir haben alle schon darüber gelesen, dass die Generation Y „beziehungsunfähig“ sei, dass Beziehungen Gefängnisse sind und dass wir uns in Wirklichkeit alle nur selbst verwirklichen wollen. Doch das stimmt nur bedingt und es geht auch anders. Nur weil junge Menschen einer Beziehung kein Label umhängen wollen, heißt es nicht, dass sie nicht lieben können und geliebt werden wollen. Gleichberechtigte Partnerschaften – ob monogam, offen, oder ohne Namen – sind in jeder Form möglich und erfordern nur genug Mühe und Interesse von beiden Seiten. Denn wer fühlt sich schon gerne respektlos behandelt? Richtig: niemand.

Die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft wirken sich auch auf jene in unseren Beziehungen aus


Vielen (jungen) Männern fällt nicht auf, welche Formen der psychischen Gewalt sie auf ihre (Nicht-)Partnerinnen mit einem solchen Verhalten ausüben. Natürlich: es gibt genug Frauen, die das auch tun, die nicht zurückschreiben, die nicht ehrlich sind, die keinen reinen Tisch machen. Doch die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft wirken sich nun mal auch auf jene in unseren Beziehungen aus. Und genauso tun es die Geschlechterrollen und –klischees, die auch in Partnerschaften nach wie vor eine große Rolle spielen. Gerade am „Anfang“ einer Beziehung oder auch ungezwungenen Bekanntschaft kommen diese besonders stark zum Tragen. Sich beim anderen zu melden, scheint noch immer ein Zeichen der „Schwäche“ zu sein. Und da Frauen so erzogen werden, allen gefallen zu wollen, sind es oft sie, die sich Mühe geben, die sich überlegen, was sie sagen und wie sie sich verhalten.

Das kann harmlos enden – aber auch viel schlimmer. Und zwar dann, wenn Frauen glauben, Sex wäre ihre Bringschuld, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Über solche Ängste, Zweifel und Sorgen sprechen nur wenige offen. Schließlich soll Sex ja frei, ungezwungen, lustvoll sein. Doch: viele Frauen haben schon einmal mit einem Mann geschlafen, weil sie das Gefühl hatten, sie müssen es jetzt tun, weil sie glaubten, es werde von ihnen so erwartet.

Ja, es ist okay, keine Beziehung zu wollen


Und gerade weil dieses desinteressierte und abweisende Verhalten seitens der Männer noch immer als „cool“ gilt, fördert es ungleiche Machtverhältnisse. Es ist okay, keine Beziehung zu wollen, aber das Geheimnis ist wie immer: Zustimmung. Sich auf Augenhöhe zu begegnen. Respekt. Und nicht im Freundeskreis damit zu prahlen, dass man wochenlang nicht zurückgeschrieben hat – sie aber trotzdem immer „bekommt“, wenn man will.

Denn Frauen sind – surprise, surprise – nicht die hysterischen, anhänglichen, weinerlichen Persönchen, als die sie leider in allzu vielen Liebeskomödien & Co. dargestellt werden. Sie wollen vielleicht auch nur Spaß und ein wenig Intimität – und gar keine Beziehung. Denn auch außerhalb einer monogamen Partnerschaft, ist es schön, aufrichtige Gefühle für jemanden zeigen zu können - und zu wollen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Aber: Respekt ist in allen Konstellationen echt nicht zu viel verlangt.

Dieser Text erschien erstmals im Oktober 2016.

 

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