Du beobachtest in der U-Bahn, wie eine Frau belästigt wird. Was tust du?

Viele sind in Situationen wie dieser gehemmt und trauen sich nicht, einzuschreiten. Dabei wäre gerade hier Zivilcourage gefragt. Eine neue Kampagne der Stadt Wien klärt darüber auf, wie jede*r von uns einen Beitrag leisten kann.

Du beobachtest in der U-Bahn, wie eine Frau belästigt wird. Was tust du?

Es ist Nacht und du bist mit der U-Bahn auf dem Nachhauseweg. Auf einmal siehst du, wie sich ein Mann neben eine Frau setzt und sie anspricht. Offenbar kennen sich die beiden nicht, die Frau scheint sich unwohl zu fühlen. Plötzlich legt er seine Hand auf ihren Oberschenkel, du siehst wie die Frau zusammenzuckt und ihren Körper versteift. Es ist klar, dass sie nicht in dieser Situation sein möchte. Schreitest du ein?

Ob es der Mann im Zug ist, der eine Frau belästigt, eine Nachbarin mit einem blauen Auge oder ein Bursche, der einem Mädchen im Park auf den Hintern greift – in Situationen wie diesen ist Zivilcourage der Mitbürger*innen gefragt. Diese aufzubringen, ist für viele allerdings oft überfordernd. Gedanken wie "Was, wenn er plötzlich mich angreift?" oder "Bestimmt schreitet eh gleich jemand anders ein …" schießen in den Kopf.

"Halt! Zu mir!"

Eine neue Kampagne der Stadt Wien will das Bewusstsein der Wiener*innen für Gewaltschutz schärfen und erklären, wie jede*r einen Beitrag zur Sicherheit von Frauen und Menschen in Gefahrensituationen allgemein leisten kann.

Unter dem Motto "Halt! Zu mir!" ruft die neue Kampagne dazu auf, hinzuschauen und zu helfen. Sie läuft während der "16 Tage gegen Gewalt an Frauen", die am 25. November startet.

Stadt Wien Kampagne Zivilcourage, Gewalt an Frauen

Eine große Installation im Arkadenhof des Wiener Rathauses ruft ab sofort auf: "Halt! Zu mir!". Wer vorbeigeht, hört vertonte Erzählungen von Wiener*innen, die Szenen von Beleidigungen, Belästigungen oder Gewalt gegen Frauen beobachtet haben – und die hingeschaut und gehandelt haben. An den vier Seiten des Würfels sind die Sujets der Kampagne und die Nummern des 24-Stunden Frauennotrufs und der Polizei angebracht. Mitte Dezember übersiedelt die Installation auf den Platz der Menschenrechte auf der Mariahilfer Straße. Begleitende TV- und Radiospots sind ebenfalls Teil des Programms.

Gewalt gegen Frauen geht alle etwas an

"Gewalt gegen Frauen hat in unserer Stadt keinen Platz", so Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gaál zum Start der Kampagne. "Zivilcourage heißt: Wir schauen nicht weg. In Wien schauen wir alle gemeinsam hin und holen Hilfe, wenn jemand Unterstützung braucht. Damit sich alle Wienerinnen und Wiener in unserer Stadt sicher und wohlfühlen". In diesem Sinne sollen sich die Menschen in Wien an die drei H's - 'Hinschauen, Handeln, Helfen' - erinnern, wenn sie (potentielle) Gewaltsituationen in ihrem Alltag bemerken.

Dabei soll die eigene Sicherheit jedoch nicht außer Acht gelassen werden: "Oft ist es ein wichtiger Schritt, einer betroffenen Frau zu zeigen, dass sie in der Situation nicht alleine ist. Die eigene Sicherheit muss da immer im Vordergrund stehen. Bei Gefahr heißt das: Die Polizei rufen! Und: Die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs sind rund um die Uhr für Betroffene da – genauso wie für alle Wienerinnen und Wiener, die handeln und helfen wollen", so Gaál.

"Gewalt gegen Mitmenschen und insbesondere gegen Frauen können wir nur gemeinsam begegnen – auf Augenhöhe und mit der Courage, hinzuschauen und 'Halt!' zu sagen", ergänzt NEOS Wien Frauensprecherin Dolores Bakos. Das sei gerade in Zeiten der Coronapandemie wichtig, da häusliche Gewalt während Ausgangsbeschränkungen und Lockdowns ansteigt (mehr zum Thema lest ihr hier). Wer in entsprechenden Situationen Hemmungen verspürt, dem rät Frauensprecherin Bakos, sich zu fragen: Welche Reaktion würde ich mir in so einer Situation von meinen Mitmenschen wünschen?

"Zivilcourage trainieren wie einen Muskel"

"Zivilcourage muss nicht die eine große Tat sein, sondern besteht aus vielen kleinen Gesten des Aufeinanderschauens. Wir alle können Zivilcourage trainieren wie einen Muskel. Hinschauen, hinhören und eine gute Vorbereitung stehen dabei am Anfang", erklärt die Leiterin des 24-Stunden Frauennotrufs Heidemarie Kargl.

Manchmal kommen wir in die Situation, Zeuge*in einer Grenzüberschreitung, eines Übergriffs oder von Gewalt gegen Frauen zu werden. Hier einzuschreiten ist nicht einfach, Gefühle der Angst sind verständlich. Deshalb ist sei es laut Kargl wichtig, zu diesem Thema zu informieren, zu sensibilisieren und konkrete Tipps anzubieten. Um sich gut auf brenzlige Situationen vorzubereiten, kann man sich Informationen bei Beratungsstellen wie etwa dem 24-Stunden Frauennotruf unter 01/71719 holen.

Kostenlose Zivilcourage-Workshops in ganz Wien

Das Frauenservice Wien macht Zivilcourage 2022 in seinen Workshop-Angeboten zum Thema. Die Initiative "Ich bin dein Rettungsanker!" gegen Belästigung wird erweitert: Ab 2022 wird es in Kooperation mit ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) kostenlose "Rettungsanker goes Zivilcourage"-Workshops beim Frauenservice Wien zu buchen geben. Dieses Angebot besteht für alle 23 Bezirke. Wer Interesse hat, meldet sich beim Frauenservice Wien unter rettungsanker@wien.gv.at.

Betroffene direkt ansprechen

Wichtig sei es, dem eigenen Bauchgefühl zu trauen und nicht wegzuschauen, wenn jemand Hilfe braucht. Man sollte sich nie darauf verlassen, dass andere Zeug*innen "schon etwas unternehmen werden", sondern selbst etwas tun.

Dazu empfiehlt Kargl, andere Personen ganz direkt anzusprechen. Die Expertinnen vom 24-Stunden Frauennotruf raten dazu, sich auf die betroffene Person zu konzentrieren und dieser Hilfe anzubieten. Um nicht zur weiteren Eskalation einer Situation beizutragen, kann etwa eine Bekanntschaft mit dem*r Betroffenen vorgegeben oder die Person nach einer Wegbeschreibung gefragt werden. Der Täter solle laut Expertinnen zum eigenen Schutz besser nicht direkt angesprochen, nicht geduzt und vor allem nicht angegriffen werden.

Die wichtigsten Nummern gegen Gewalt auf einen Blick:

Polizei-Notruf: 133

Euro-Notruf: 112

24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01/71719

Frauenhaus-Notruf: 05 77 22

 

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