"Dschihadisten geht es nicht primär um Religion"

Vor einem Jahr nahm die Beratungsstelle Extremismus ihre Arbeit auf. Die WIENERIN sprach mit Verena Fabris, Leiterin der Einrichtung über das erste Jahr, dschihadistische Jugendkulturen und den vergessenen Rechtsextremismus.

Vor einem Jahr nahm die Beratungsstelle Extremismus ihre Arbeit auf. Die WIENERIN sprach mit Verena Fabris, Leiterin der Einrichtung über das erste Jahr, dschihadistische Jugendkulturen und den vergessenen Rechtsextremismus.

Manche Medien zeichnen ein dramatisches Bild. Hat der Dschihadismus wirklich schon Ausmaße einer „Jugendkultur“ angenommen oder sind wir alle hysterisch?

Verena Fabris: Jugendkultur ist ja per se nichts Schlechtes. Eine Jugendkultur zeichnet sich durch eine gemeinsame Sprache aus, was man anzieht, welche Musik man hört. Ich würde bestätigen, dass es dschihadistische Jugendkulturen gibt. Das bekommen wir auch aus den Jugendzentren zu hören. Es ist teilweise „cool“ dem anzugehören. Aber das heißt noch lange nicht, dass alle, die bestimmte Naschids hören, zu gewalttätigen Extremisten werden.


Was fasziniert denn muslimische Jugendliche an dieser Jugendkultur?

Fabris: Es fasziniert nicht nur muslimische Jugendliche – das finde ich wichtig zu sagen. Es fasziniert auch ganz viele ohne muslimischen Hintergrund oder Jugendliche, die zwar muslimisch sind, aber nicht religiös erzogen wurden. Und es geht bei dieser Jugendkultur auch nicht primär um Religion. Da geht es darum, sich von den Eltern abzugrenzen, radikal zu sein, Dinge in Frage zu stellen. Es geht um Protest und Rebellion und darum, „das Eigene“ zu finden.


Heißt das dann, es ist harmlos?

Fabris: Nein, es heißt nicht, dass es harmlos ist. Aber es heißt, dass man sehr stark differenzieren muss: Wann ist es jugendliche Provokation und wann geht es tatsächlich um gewaltbereiten Extremismus. Man darf nicht verharmlosen, aber man darf auch nicht zu sehr Panik machen. Je mehr man Panik macht, den Islam verdammt, desto aufgeheizter wird auch die Stimmung.


Man hört Geschichten über Schüler, die sich im Musikunterricht die Ohren zuhalten, weil das „haram“, also verboten, sei. Ist das schon Extremismus?

Fabris: Kommt auf den Einzelfall an. Man kann das nie generell sagen. Wir raten Eltern, Lehrern, Sozialarbeiterinnen davon ab, nach einer Checkliste vorzugehen, ab wann jemand extremistisch ist, oder gewaltbereit. Eine extremistische Einstellung, ist in Österreich ja nicht verboten. Ein Problem wird es dann, wenn es eine Gefahr für andere darstellt. Sich die Ohren zuhalten, kann eine Provokation für den Lehrer sein – weil man damit eben gut provozieren kann. Es ist per se kein Anzeichen für gewaltbereiten Extremismus. Oder wenn ein Schüler sagt: „Ich will keine Schularbeiten schreiben, weil der Prophet Mohammed hat auch keine geschrieben“, ist das kein Grund in Panik zu geraten. Da muss man zuhören und nachfragen.


Glauben Sie, dass Abschreckung und Strafen etwas bringen? Stichwort: Fußfessel.

Fabris: Bei Strafen tue ich mir immer schwer abzuschätzen, ob sie abschreckend wirken oder nicht. Ich denke nicht, dass eine hohe Strafe jemanden abhält, der tatsächlich ein Verbrechen begehen will. Was es braucht, sind Präventionsmaßnahmen. Ob die Fußfessel konkret vielleicht doch besser ist, als im Häfn zu sitzen, ist eine Frage…


Nach einem Jahr der Beratungsstelle Extremismus. Was ist ihr Fazit?

Fabris: Wir haben sehr viel erreicht. Es gibt in einigen Bundesländern jetzt regionale Strukturen, wir sind international sehr gut vernetzt. Wir werden von der Bevölkerung angenommen und es rufen zunehmend „die richtigen“ Leute an – also die, die unsere Unterstützung brauchen. Ich glaube auch, dass sich langsam das Image ändert, dass wir nicht die „Dschihadisten-Hotline“ sind, sondern eine Helpline. Es geht nicht darum, dass man bei uns verdächtiges Verhalten meldet, sondern darum, dass man Hilfe sucht und auch bekommt.


Es gab auch zwei junge Männer, die sich selbst bei Ihnen gemeldet haben. Wie kann man sich das vorstellen?

Fabris: Die haben selber gezweifelt, ob das die richtige Ideologie ist. Der eine hatte zusätzlich auch Probleme an seinem Ausbildungsplatz, hatte anti-muslimischen Rassismus vermutet. Das war jemand, der reflektiert hat. Er hat dann seinen Ausbildungsplatz behalten und sich Unterstützung bei einer anderen Beratungseinrichtung geholt.


Wir reden viel vom islamistischen Extremismus. Gleichzeitig haben sich die Anzeigen über rechtsextreme Straftaten im letzten Jahr verfünffacht. Bei Ihnen gab es nur wenige Anrufe wegen Rechtsextremismus. Sind wir am rechten Auge blind?

Fabris: Ich glaube schon, dass es eine Tendenz gibt, rechtsextremistische Angriffe nicht zu sehen. Man hat sich vielleicht mehr daran gewöhnt – es ist kein neues Phänomen mehr. Während der so genannte Dschischadismus in Europa relativ neu ist. Es gibt auch nicht nur Rechtsextremismus und Dschihadismus. Das können genauso ultranationalistische Gruppierungen sein, es gibt auch christliche Fundamentalisten. Ich glaube auch, dass die Medien dazu beitragen, dass mehr über den Dschihadismus gesprochen wird, als über den Rechtsextremismus.

Lesen Sie die Bilanz der Beratungsstelle Extremismus nach einem Jahr.

 

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