The Dropout: Eine Serie über den Milliardenbetrug einer Gründerin

Die neue Disney+-Serie The Dropout erzählt die Geschichte von Start-up-Gründerin Elizabeth Holmes, die für Millionenbetrug verurteilt wurde. Die WIENERIN hat Hauptdarstellerin Amanda Seyfried zum exklusiven Interview getroffen.

Amanda Seyfried The Dropout

Nur wenige Tropfen Blut – mehr hätte es laut Elizabeth ­Holmes nicht gebraucht, um Hunderte medizinische Tests durchzuführen, die das Leben von Patient*innen erleichtern und Diagnosen vereinfachen sollten. Die Unternehmerin war gerade mal 19 Jahre alt, als sie ihr Unternehmen Theranos gründete, ein Jahr später ihr Studium an der Eliteuniversität Stanford abbrach und für ihre herausragende Idee Hunderte Millionen Dollar von namhaften Investor*innen bekam. Theranos wurde innerhalb eines Jahrzehnts zur Neun-Milliarden-Dollar-Firma – und Elizabeth ­Holmes als neuer Steve Jobs und Wunderkind gefeiert.

Sie wurde die jüngste Selfmademilliardärin, zierte Magazincover, gab Ted Talks und wurde im selben Jahr wie Mark Zuckerberg auf die "30 under 30"-Liste von Forbes gewählt. Ihre Zukunft sah strahlend und vielversprechend aus – wenn es nicht ein gravierendes Problem gegeben hätte: Das Produkt, das sie verkaufte, funktionierte nicht. Die Auswertungen, die sie zur Verfügung stellte, waren nicht korrekt. Sie hatte mit ihrem Unternehmen zwölf Jahre lang Investor*innen und Patient*innen hinters Licht geführt. Im Jänner 2022 wurde die inzwischen 37-Jährige wegen Betrugs schuldig gesprochen. Ihr drohen rund 20 Jahre Haft.

Aufstieg und Fall

Anfang 2022 wurde Elizabeth Holmes vor Gericht wegen Betrugs schuldig gesprochen. Ihr drohen rund 20 Jahre Haft. Die Serie The Dropout auf Disney+ startet mehr als zwei Jahrzehnte vor diesem Tag und erzählt den Aufstieg und Fall der jüngsten Selfmademilliardärin der Welt, porträtiert durch Amanda Seyfried.

Die Wahrheit

Disney+ erzählt seit 20. April diese Geschichte mit Amanda Seyfried in der Hauptrolle, von der ersten Idee bis zum Fall von Elizabeth Holmes. Wir haben Seyfried und Drehbuchautorin Eli­zabeth Meriwether exklusiv zum Gespräch getroffen und nachgefragt, was für sie das Spannende an dieser Geschichte ist. Seyfried trägt zum Interview passend einen roten Rollkragenpullover (Holmes trug jahrelang zu öffentlichen Auftritten nur Rollkragenpullover) und erklärt im Zoom-Interview, dass sie bisher oft Versionen von sich selbst gespielt habe – eine nette, liebliche, zuvorkommende, teilweise schüchterne junge Frau; die Frau, die wir im Interview kennenlernen.

In The Dropout schlüpft sie in eine gänzlich andere Rolle, findet aber die Geschichte, die sie in der neuen Serie erzählt, sehr wichtig: "Ich denke, der Grund, wieso wir als Gesellschaft so fasziniert von diesen Betrüger­geschichten sind, ist, dass sie beinahe unmöglich wirken. Ich meine, wie bekommt man mehrere Milliarden Dollar, obwohl man nichts vorzuweisen hat? Was uns als Gesellschaft daran fasziniert, ist die Psychologie dahinter – und unsere Mitschuld daran. Was war es, das uns dazu brachte, an diese Betrügerin zu glauben? Wir wollen als Zuseher und Zuseherinnen herausfinden, was die Geschichte über uns und über sie aussagt, denn wir alle haben das gemeinsam getan. All das war wegen uns als Gesellschaft möglich, weil wir ihr geglaubt haben."

Der Mensch dahinter

Um zu verstehen, wie es dazu kam, dass so viele Menschen Vertrauen in Eli­zabeth Holmes hatten, muss man wissen, wer sie als Person vorgegeben hat, zu sein. Die Serie orientiert sich am gleichnamigen Podcast, ­außerdem gibt es über Holmes’ Geschichte eine TV-Dokumenta­tion sowie ein Buch. Trotzdem weiß man wenig über die Beweggründe der Betrügerin. Hier setzt die Serie an, wie Amanda Seyfried erklärt: "Wir haben all diese Fakten, aber sie als Mensch ist immer noch ein Rätsel. Diese Version von ihr, die ich zeige, könnte wahr sein. Ich wollte mir vorstellen, warum sie tat, was sie tat, warum sie die Entscheidungen traf, die sie traf; aber ich weiß nicht, wie sie denkt. Doch das ist eigentlich auch egal, denn das ist ­unsere erdachte Realität, unsere Version davon – auf der Grundlage von Fakten haben wir etwas erschaffen, das sehr, sehr ‚möglich‘ und auch sehr faszinierend ist."

Schnelle Änderungen

Mit dieser Mischung aus Fakten und Fik­tion jonglierte auch Drehbuchautorin Elizabeth Meriwether. Sie ist vor allem für ihre Serie New Girl bekannt und arbeitete für The Dropout zum ersten Mal an einer ­Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert. Besonders herausfordernd war für sie der Fakt, dass Holmes’ Prozess gerade während der Dreharbeiten im Gang war und ständig neue Informationen ans Licht kamen, die zum Teil in die Serie einflossen: "Die Serie erzählt die Geschichte des Unternehmens und endet im Jahr 2018. Der Prozess und alles, was danach kam, wird also nicht in der Serie behandelt. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich keine Szenen über den Prozess ­schreiben wollte, während dieser noch lief. Davon abgesehen durchkämmte ich aber immer wieder mitten in der Nacht Hunderte Seiten von Textnachrichten, die währenddessen ans Licht kamen. Manchmal wurden diese auch in Szenen eingebaut, die wir am nächsten Tag gedreht haben. Es war also definitiv eine wilde Fahrt."

Zwei Seiten

Meriwethers Ziel war es, mit der Serie auch den Prozess von Start-ups und das Silicon Valley zu hinterfragen und einen Blick auf die Welt von Frauen in Technik- und Gesundheits-Start-ups zu werfen. Sie vergleicht die Geschichte mit ihren eigenen Erfahrungen und lacht: "Ich habe mich mit Elizabeth ­Holmes verbunden gefühlt, besonders am Anfang ihrer Geschichte. Ich war 29, als New Girl anfing, ich hatte keine Erfahrung im Fernsehen und ich musste in Räume mit älteren Männern gehen und ihnen sagen, was sie tun sollten. Das war hart. Ich verstand auf einer persönlichen Ebene den Druck, den eine junge Frau in einer Machtposition empfindet, und die Veränderungen, die in so ­einer Situation geschehen können. Ihr Geschlecht war Teil der ­Geschichte, aber nicht nur. Ich wollte Elizabeth Holmes nicht als Opfer darstellen und fand es faszinierend, dass ihr Unternehmen von einer Frau zu Fall gebracht wurde. Die Haupt-Whistle­blowerin von Theranos war eine junge Frau, die kein Familienerbe oder Ähnliches hatte und viel riskierte. Erika Cheungs Mut hat mich bewegt, ich wollte sie und Eli­zabeth Holmes wirklich als eine Art Parallele und zwei Seiten von Frauen in der Wissenschaft zeigen."

Idee gegen Wissenschaft

Bei der Abschlussfrage, ob Frauen etwas von Elizabeth Holmes’ Geschichte lernen könnten, überlegt Hauptdarstellerin Amanda Seyfried einen Moment. Sie streicht sich die langen blonden Haare aus dem Gesicht und nickt dann: "Ich glaube, dass Eliza­­beth von ganzem Herzen an ihr Vorhaben glaubte. Aber das ist eindeutig nicht genug. Man muss auch ein Produkt haben, um das zu untermauern. Sie wollte etwas erfinden und der Welt helfen, aber wenn es um Wissenschaft geht, dann hat man entweder Ergebnisse oder man hat sie nicht. Das Silicon Valley ist voll von Ideen, die erst zum Leben erweckt werden müssen – das ist es, was sie dort tun. Elizabeth Holmes tat, was alle anderen auch taten, nur war sie in der Welt des Gesundheitswesens tätig, und dort gelten andere Regeln – was wichtig ist –, und sie konnte nicht mithalten."

 

Aktuell