Drama Queens

Manche Beziehungen laufen nicht rund, sondern immer nur im Kreis. Ein Drama baut sich auf, dann gibt's Krach und schlussendlich die rauschende Versöhnung. Ein Theaterstück in den eigenen vier Wänden, das manche Paare wieder und wieder inszenieren – und das oft nichts als ein riesiges Ablenkungsmanöver ist.

Alle paar Monate stand Carina morgens im Hof - ungeschminkt, verheult, mit einer Zigarette in den zitternden Fingern. Neben ihr riesige Taschen mit Klamotten, Schachteln mit Kerzenständern und Töpfen und daneben noch der Hundekorb. Während Labrador Chicco verwirrt neben seinem Frauchen saß, erklärte dieses jedem vorbeikommenden Hausbewohner, was es mit ihrem Auszug auf sich hätte. Dass Nicki wieder so gemein gewesen war. Mit einer anderen Frau bis sieben Uhr früh ausgegangen sei. Und dass es ihr jetzt endgültig reiche mit ihm. Carina blieb mit den Nachbarn und ihren Sachen stets so lange im Hof stehen, bis Lukas irgendwann - ebenfalls totenbleich - aus seiner Wohnung runterkam. Und mit belegter Stimme sagte: „Bitte komm noch mal rauf. Ich muss mit dir reden ..."

Im Schnitt zwei Stunden später kamen auch Taschen, Schachteln und Hundekorb wieder nach oben. Und in der darauf folgenden Woche sah das ganze Haus die beiden immer nur eng umschlungen und turtelnd durch den Hof gehen. Dann wurde die Distanz wieder sichtbar größer - bis sie dann eines Morgens erneut weinend und kettenrauchend unten stand.

Drama-Couples

Sicher, die Liebe ist ein Spiel - aber warum ist es bei manchen ein Ringelspiel? Warum drehen sich zwei erwachsene Menschen miteinander immer nur im Kreis, statt in ihrer gemeinsamen Entwicklung auch nur einen Zentimeter weiterzukommen? Roland Bösel, der zusammen mit seiner Frau Dr. Sabine Bösel Imago-Therapie für Paare anbietet, nennt als Ursprung dieses Beziehungstheaters einmal die "Phase der Ernüchterung nach der Verliebtheit. Da treten die ersten Enttäuschungen auf, dadurch entsteht ein Machtkampf und daraus nährt sich dann dieser Kreislauf." Das Grundthema jedes Machtkampfs: „Verändere dies und jenes an dir, damit ich glücklich sein kann." Naturgemäß findet jeder das Ansinnen, sich zu ändern, bedrohlich - und reagiert dementsprechend gestresst. Bei Stress aber feuert man unbewusst aus allen Geschützen. Das ängstigt den anderen, und hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Carina und Lukas haben ihre Tragikomödie mehr als zwei Jahre lang immer wieder aufgeführt. Fühlte er sich von ihr unter Druck gesetzt, ging er demonstrativ mit einer anderen Frau auf die Piste. Was sie in ihrer Panik konterte mit: „Was, du lässt mich allein?!? Na warte, das kann ich auch, und zwar noch besser!" Dann packte sie ihre Sachen, um „diesmal aber wirklich!!" auszuziehen. Damit traf sie Lukas an seinem versteckten wunden Punkt - seiner Angst vor dem Verlassenwerden - und hatte nun für einige Zeit die Oberhand. Bis er wieder eine andere Frau aufs Spielfeld und so die Macht auf seine Seite brachte. Von der ursprünglich so flockigen Lovestory blieben durch diese Spielchen irgendwann nur mehr die abgenagten Knochen übrig.

Warum Drama-Queen Carina und ihr Gefährte nicht rechtzeitig aus diesem Teufelskreis aussteigen konnten? „Spiele sind strukturierte Interaktionsformen, die in gestörten Beziehungen überhand nehmen," schreibt Bestsellerautorin Robin Norwood (Wenn Frauen zu sehr lieben) und erklärt deren Sinn so: „Als stereotype Reaktionsmuster dienen sie dazu, einen echten Austausch von Informationen und Gefühlen zu umgehen." Statt offen zu sagen „Ich habe Angst, von dir verlassen / verschlungen / verletzt zu werden", verstecken sich Menschen wechselweise hinter der Maske des Opfers, des Verfolgers oder des Retters. Verfangen sich in einer Kette von Anschuldigung, Widerspruch, Vorwurf und Gegenvorwurf, die ebenso frustrierend wie vergeblich ist.

Wir inszenieren uns das, was wir am meisten fürchten.
von Roland Bösel, Paartherapeut

Dennoch wirft das ganze Theater auch geheime Gewinne ab: So diese wunderbare Ablenkung von seinen eigenen Gefühlen und Problemen. Carina etwa, die so oft die Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs gab, hatte im Hintergrund ein ziemliches Jobproblem. Ausbildungen, die die Endzwanzigerin stets voll Enthusiasmus begann, brach sie meist nach wenigen Wochen wieder ab. Nine-to-five-Jobs waren ihr zu langweilig, das Kellnerieren in Bars füllte sie aber auch nicht aus - wo sie auch hinschaute also keine wirkliche Perspektive. Darüber zu reden oder auch nur etwas genauer nachzudenken war ihr dementsprechend unangenehm. Da war es doch wesentlich netter, bei einer Freundin auf der Couch zu sitzen, heiße Schokolade zu trinken und stundenlang über Lukas' Macken zu lamentieren.

Neben der Ablenkung auf der bewussten Ebene haben Beziehungen, die so hochdramatisch und achterbahnmäßig verlaufen, noch eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf der körperlichen Ebene. Robin Norwood: „Sie sind zwar sehr strapaziös, ermöglichen aber - vergleichbar mit dem Konsum von Kokain oder einem anderen starken Aufputschmittel - Flucht vor einer ständig lauernden Depression. Denn fast jede Art von Erregungszustand, ob positiv oder negativ, führt zur Freisetzung einer großen Dosis Adrenalin und verhindert dadurch das Hochkommen von Depressionen." Viele Frauen, so beschreibt die Psychotherapeutin weiter, sind latent depressiv, weil sie in der Kindheit unter ständiger Anspannung gelitten haben, Phasen großen psychischen Drucks durchmachen oder schwerwiegende Verluste verkraften mussten. „Deshalb suchen sie oft unbewusst die machtvolle Stimulation durch eine schwierige und dramatische Beziehung, um ihre Drüsen zum Ausstoß von Adrenalin anzuregen."

Kick von innen

Lass uns Stress haben, damit es mir besser geht - so paradox das klingt, es funktioniert. Es gibt zwar Schöneres, als in Tränen aufgelöst zu sein, sich hysterische Schreiduelle oder Eifersuchtsszenen zu liefern - aber man fühlt sich dabei wenigstens lebendig. Im Gegensatz zur Depression, wo einen nichts freut, nichts rührt, nichts motiviert. Das Problematische an den Adrenalin-Kicks, nach denen Drama-Queens süchtig sind, ist jedoch deren auslaugende Wirkung. Wie bei jeder anderen aufputschenden Droge erschöpft sich irgendwann die Reaktionsfähigkeit des Körpers. Man stumpft ab, fühlt sich leer und wird erst recht depressiv. Und dann - crasht auch die Chaos-Beziehung endgültig.

„Wir inszenieren uns das, was wir am meisten fürchten", nennt Paartherapeut Roland Bösel dazu eine alte Psychologen-Weisheit. Alles, was man vermeiden möchte, setzt sich durch - so auch ein Zusammenbruch. Für Drama-Queens, die aus diesem Dilemma herauswollen, ist der erste Schritt deshalb: Sich seiner Angst vor der Leere stellen. Und der unerfreulichen Tatsache, dass man seine Partner (oft über Jahre) wie eine Rauschdroge benutzt hat, um vor eben dieser Leere zu flüchten.

Um aus dem gewohnten Beziehungstheater wirklich auszusteigen, bleibt nichts anderes übrig, als emotionell auf Distanz zu gehen und eventuell sogar eine Zeit lang „abstinent", also ohne Partner zu leben. Zuerst scheint das vielleicht langweilig. Aber wie das so ist mit dem Theater und dem wirklichen Leben - auf lange Sicht ist es draußen bunter und spannender als drinnen.

 

Aktuell