"Dort kennt er niemanden" - Der 7-jährige Timi soll in die Ukraine abgeschoben werden

Die Schüler*innen der Volksschule Zieglergasse und ihre Eltern demonstrieren gegen die Abschiebung ihres Klassenkollegen Timi. Er soll in die Ukraine zurückkehren: ein Land, in dem er noch nie gewesen ist.

Demo gegen die Abschiebung von Timi (7)

Eltern und Kinder stehen, in dicke Winterjacken gehüllt, am Freitagnachmittag vor der Volksschule Zieglergasse. "Unser Freund Timi muss hierbleiben" steht auf Plakaten, die die Kinder hochhalten. Rufzeichen, zweimal unterstrichen. "Er ist unser Freund."

Timi heißt mit vollen Namen Tymophij. Vor knapp siebeneinhalb Jahren ist der Bub in Wien zur Welt gekommen. Seine Eltern, Rostyslav Kokodyniak und Tetiana Nynych (beide 45), waren wegen Komplikationen in der Schwangerschaft nach Österreich gekommen. In der Ukraine gaben Ärzt*innen dem Kind keine Chance, die Geburt zu überleben. Die angespannte politische Lage und das Risiko einer Einberufung waren weitere Gründe für die Flucht. Nun soll die Familie abgeschoben werden. Zurück in die Ukraine, wo Timi noch nie war.

Integration schützt nicht vor Abschiebung

In Österreich hat sich die Familie inzwischen ein Leben aufgebaut. Der Vater hat ein Baugewerbe, gemeinsam leben sie in einer Genossenschaftswohnung. Den Genossenschaftsbeitrag haben sie selbst bezahlt. Sie haben keine Schulden, keinen offenen Kredit. Sie erhalten keine Art von Sozialhilfe, sondern zahlen als Steuerzahler*innen in das System ein. Sie besuchen die Kirche, sprechen auch zuhause miteinander deutsch. Eine Familie, die also selbst nach den verschärften Standards eines rechtskonservativen Asylrechts als "gut integriert" gelten sollte. Nur ist es eben nicht der so genannte "Integrationswille" von Asylwerber*innen, der ein Bleiberecht garantiert. Wenn das zu Grunde liegende System rassistisch geprägt und überlastet ist, wird auch die so oft verlangte "Leistung" letztlich nichts nützen."Diese Familie macht genau, was die Regierung immer verlangt", erzählt eine Person aus Timis Schulumfeld, die anonym bleiben möchte. "Sie integriert sich, sie sprechen deutsch und hier gibt es nicht mal das 'Religionsproblem', das die Politik sonst gerne stört. Und seit Jahren wird auch in das Kind investiert, er lernt gut und wird vermutlich dieses Wissen dem Staat Österreich auch mal zurückgeben. Aber so weitsichtig wird hier nicht gedacht."

Proteste gegen die Abschiebung von Timi (7)

Das lange Warten auf Asylbescheide

Menschlich ist das nicht nachvollziehbar, aber um Menschlichkeit geht es in der Rechtssprechung zu Asylverfahren meist nur am Rande. Rechtlich ist alles korrekt. Ein 2014 gestellter Asylantrag wurde fünf Jahre später, im Frühjahr 2019, negativ beantwortet. Lang, aber nicht unzumutbar lang, sagt eine Richterin des Asylgerichtshofes gegenüber der WIENERIN. Für ein Volksschulkind aber sind fünf Jahre fast ein ganzes Leben.

Im November 2019 hat die Familie einen weiteren Antrag laut §56 Asylgesetz gestellt, um einen Aufenthalt in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen zu erreichen. Die Entscheidung darüber ist noch offen, die Kriterien aber sehr streng. Solchen Anträgen wird so gut wie nie stattgegeben. Viele andere Möglichkeiten bleiben der Familie nicht, wenn sie zusammen bleiben will. Sie könnten das Sorgerecht an eine*n Österreicher*in abtreten. Sie könnten Timi mit einem Schülervisum wieder nach Österreich schicken. Mit solchen reisten auch Arigona Zogaj und zwei ihrer Geschwister im Jahr 2010 wieder in Österreich ein. Aber ihr gemeinsames Leben hier weiterführen, das können sie nicht.

"Was wir uns wünschen ist einfach ein normales Leben, wir wollen niemandem zur Last fallen, wir bringen uns aktiv ein", sagt Tetiana Nynch. "Wir haben noch nie was Böses getan, haben keinen Kredit, keine Schulden. Ich habe eine Wirtschaftsausbildung, aber würde hier sehr gerne in der Pflege arbeiten. Ich spreche Russisch, Polnisch, Ukrainisch, Deutsch und habe auch meine Schwiegermutter schon gepflegt. Ich würde eine Ausbildung machen und mich hier in die Gesellschaft einbringen. In der Ukraine haben wir gar nichts, vor allem Timi hat sein ganzes Leben hier verbracht. Dort kennt er niemanden."

Die Ukraine gilt nicht als unsicheres Herkunftsland, trotz der anhaltenden Konflikte. Das hat die türkis-blaue Regierung unter dem ehemaligen Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) im Februar 2018 so beschlossen. Für den österreichischen Staat ist sie Timis Heimat - egal, ob er schon einmal dort war oder nicht. Unterstützung gibt es inzwischen von den Grünen Wien. Sie fordern, dass Schüler*innen nicht abgeschoben werden. "Es ist eine Missachtung der Kinderrechte, ein Kind wie Timi, das hier geboren ist und keine andere Heimat als Österreich kennt, zu entwurzeln und zu traumatisieren", wird Sozialsprecherin Ursula Bernerin einer Aussendung zitiert. "Noch dazu, wo die ganze Familie sich so gut hier eingelebt hat",

 

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