#Dorfkinder: Wir müssen aufhören, das Aufwachsen am Land zu romantisieren!

Die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner wirbt auf Twitter für #Dorfkinder: Weil die noch an der frischen Luft spielen und der Feuerwehr beitreten. #Dorfkinder sind aber vor allem auch die, die mit grottigem Internet, schlechteren Öffi-Verbindungen und noch festgefahreneren patriarchalen Strukturen aufwachsen. Ein Kommentar.

Dorfkinder

Hach, das Leben am Land. Dort, wo Gülleduft den Frühlingsbeginn markiert, mehr Kühe als Menschen wohnen und das Vereinbaren von Treffpunkten überbewertet ist, weil man sich ja sowieso dort trifft, wo man sich ohnehin immer über den Weg läuft. Daheimsein musste man als Kind spätestens dann, wenn die Straßenbeleuchtung aning und die Umteifi-Hosn (von Umteufeln, zu Hochdeutsch: herumtollen, im Freien spielen) musste direkt in der Garderobe ausgezogen werden, damit man den Dreck vom 1, 2, 3, obposcht!-Spielen nicht im ganzen Haus verteilt.

Ähnliche Anekdoten erzählt aktuell die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die auf Twitter unter dem Hashtag #Dorfkinder für ebendiese Werbung machen will: Da spielen Kinder an der frischen Luft, sind Teil eines Fußballteams und später bei der Freiwilligen Feuerwehr. Die Kampagne soll "das vielfältige Engagement würdigen, das das Leben auf dem Lande und in den Dörfern in vielfältiger Weise gestaltet und mitträgt", wird eine Sprecherin des Ministeriums von ze.tt zitiert.

Geboren und aufgewachsen am Land kenne ich diese Just Dorfkinder Things-Anekdoten, die hier erzählt werden, gut. Die Bilder, die in Klöckners Kampagne gezeichnet werden, mögen auch so existieren – allerdings nur als Bruchteil und in Koexistenz mit Seiten und Problemen, die gerne wegromantisiert werden.

Hach, das Leben am Land ist nämlich auch dort, wo mein guter Bekannter Sebastian bis heute gemobbt wird, weil er vor 15 Jahren mit mir gemeinsam in den Ballettunterricht ging. Dort, wo Rassismus nachweislich noch stärker verankert ist als in der Stadt. In Deutschland zeigt das die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ("Wie weit sind rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen tatsächlich in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen?"): 2016 stimmten Menschen auf dem Land rechten Thesen in höherem Maße zu als die Stadtbevölkerung. Das Leben am Land ist auch dort, wo der Bus ins nächstgrößere Dorf zwei Mal am Tag fährt und ich meine Freundin Christina bis vor zwei Jahren nur über die (auswendig gelernte, eh klar) Festnetznummer erreichen konnte. Dort, wo "Fetzereien" unter Jugendlichen bis heute als legitimes Hobby gelten und jeder Musikgeschmack fernab von Andreas Gabalier als "schwul" ~beschimpft~ wird. Kurzum: Aufwachsen am Land ist dort, wo queere Menschen bis heute kaum Akzeptanz und Möglichkeiten zur Entfaltung finden.

Erwiesene Nachteile für Menschen auf dem Land

Dass in Österreich auch durch Digitalisierung und neue Technologien die "urban-rurale Kluft" wie sie in der Forschung genannt wird, bis heute nicht überwunden werden konnte, ist erwiesen. Zuletzt deutlich sichtbar wurde das Stadt-Land-Gefälle bei der Bundespräsidentenwahl 2016: In praktisch allen Städten konnte sich der von den Grünen unterstütze Alexander Van der Bellen deutlich durchsetzen, Norbert Hofer (FPÖ) holte vor allem in ländlichen Regionen die Stimmen. "In dieser Schärfe waren regionale Unterschiede noch nie zu sehen", so Wahlforscher Franz Sommer gegenüber kurier.atdamals. Diese Polarisierung ist nicht nur hierzulande beobachten: Trump wurde dank Wähler*innen im ländlichen Raum zum Präsidenten gewählt, für den Brexit stimmten mehrheitlich Menschen auf dem Land.

Verschiedene Lebensrealitäten und ungerechte Verteilung

Die Gründe für diese Unterschiede sind mehrdimensional. Vielleicht liegen sie an "tief im Kollektivbewusstsein verankerten und volkskulturell tradierten Stereotypen", so Soziologe Christoph Reinprecht gegenüber orf.at. Ganz bestimmt aber sind die Lebensrealitäten am Land anders als in der Stadt: Bildungs- und Berufsmöglichkeiten und Infrastruktur sind zwischen Stadt und Land nach wie vor ungleich verteilt. Dabei lebt fast die Hälfte der Österreicher*innen im Dorf. Etwa 40 Prozent leben in einer Gemeinde, die weniger als 5000 Einwohner*innen hat. Diese kleinen Dörfer machen 88 Prozent aller österreichischen Gemeinden aus.

Ungleiche Verteilung von Ressourcen schlägt sich in weiterer Folge in gesellschaftlichen Strukturen und vor allem auch Denkmustern nieder. Diskriminierungsformen sind dort am stärksten ausgeprägt, wo die Bevölkerung am wenigsten heterogen ist. "Städter werden auf engem Raum mit sehr unterschiedlichen, oft 'fremden‘ Lebensstilen und Werthaltungen konfrontiert. Das erfordert ein gewisses Maß an Toleranz, das täglich gefordert wird: ob in der U-Bahn, im Supermarkt oder in der Wohnsiedlung", so der Soziologe gegenüber orf.at. Ebendieser Erfahrungshorizont mache Menschen in der Stadt potenziell liberaler, weil es sich um Erfahrungen handle, die in "heckenumrandeten Einfamilienhäusern" weniger zugänglich seien.

Landflucht vor patriarchalen Mustern

Die Landflucht als Folge ist nicht zu leugnen und vor allem aber: wenig überraschend. Denn ein Blick auf die Statistiken zeigt: Das Leben am Land muss für Frauen, marginalisierte und queere Menschen die Hölle sein. 2002 lebten noch über 40 Prozent der 15- bis 44-Jährigen in Dörfern, 2017 waren es nur noch um die 35 Prozent. Schlechte Infrastruktur, Mangel an Arbeitsplätzen, aber auch veraltete Strukturen tragen dazu bei, dass vor allem Frauen dem Land den Rücken kehren.

Auch ich bin deshalb in die Stadt gezogen. Die Bilder, die Klöckners Kampagne über #Dorfkinder zeichnet, mögen so existieren. Und vielleicht mögen sie viele als Bilder einer schönen Kindheit empfinden. Um ehrlich zu sein, genieße ich teilweise auch zu wissen: Daheim werden manche Dinge noch lange so bleiben, wie sie immer schon waren. Diskriminierende Strukturen und veraltete patriarchale Denkmuster gehören nicht dazu. Ich fahre bis heute an Wochenenden gerne nach Hause, aber ich kann das nur (gerne) machen, weil ich den Luxus, die Privilegien habe, dass ich die schönen Seiten des Dorflebens wie die Ruhe und die Natur wie einen Urlaub genieße und mich von Schlägereien in Partykellern fernhalte. Und nicht zuletzt vor allem deshalb, weil ich Diskriminierung als weiße cis-Frau weniger ausgesetzt bin als andere es sind – abgesehen von dem latenten Sexismus im Wirtshaus und die damit einhergehenden auslaugenden Diskussionen, von denen ich nicht weiß, ob sie überhaupt was bringen, weil man mir häufig nur entgegnet mit: "Wos is? Brauchst net glauben, dassd als studiertes Pupperl aus Wean jetzt was Bessers bist!" Hach, das Leben am Land.

 

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