Doppelresidenzmodell: Rechtliche Möglichkeiten und Hindernisse

Rechtsanwältin Katharina Braun erzählt aus Ihrer Praxis. Diesmal: Wenn die Kinder nach einer Trennung gleich viel Zeit bei den Eltern verbringen - alles rund ums Doppelresidenzmodell.

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Ich habe in meiner Praxis immer öfter Scheidungen oder Trennungen, bei denen sich die Eltern auf die sogenannte Doppelresidenz einigen. Doppelresidenz- oder auch Wechselmodell bedeutet, dass sich das Kind annähernd gleich viel bei beiden Elternteilen aufhält. Oft kommt es in der Praxis etwa vor, dass sich das Kind von Montagnachmittag bis Montagfrüh der darauffolgenden Woche bei dem einen Elternteil, und die Woche darauf dann bei dem anderen aufhält.

Doppelresidenzmodell: Keine rechtliche Grundlage

Streng genommen ist die Doppelresidenz vom Gesetz her nicht möglich. Denn die Eltern müssen sich nach wie vor bei einer Scheidung darauf einigen, bei wem sich das Kind bei Trennung der Haushalte hauptsächlich aufhält (§ 177 Abs 4 Allgemeines Bürgerliche Gesetzbuch, kurz ABGB.). Hauptsächlicher Aufenthalt würde aber bedeuteten, dass sich das Kind zumindest zwei Drittel der Zeit bei einem Elternteil aufhält. Dies ist aber gerade bei einer Doppelresidenz nicht der Fall. Die Streichung des Erfordernisses des hauptsächlichen Aufenthalts brächte es mit sich, dass eine Unzahl an Gesetzen geändert werden müsste: So knüpft der Familienbeihilfebezug grundsätzlich an den Hauptwohnsitz an, weshalb in Folge einer Weglassung des hauptsächlichen Aufenthalts auch das Familienlastenausgleichsgesetz geändert werden müsste. Der Verfassungsgerichtshof umschiffte im Jahr 2015 (Entscheidung G 152/2015) mit seiner Erkenntnis eine Gesetzesänderung, in dem er aussprach, dass die Doppelresidenz dann möglich ist und festgelegt werden kann, wenn diese dem Kindeswohl entspricht und bisher gelebt worden ist.

Doppelresidenz bringt aber auch mit sich, dass nur ein geringer oder (bei annähernd gleichen Einkommensverhältnissen) gar kein Kindesunterhalt fließt. Bei einem monatlichen Nettoeinkommen des Kindesvaters in Höhe von 4000 Euro und einem monatlichen Einkommen der Kindsmutter in Höhe von 2.500 Euro (jeweils netto) würde sich in etwa (wenn die Frau die Familienbeihilfe bezieht) bei einem zehn Jahre alten Kind eine Kindesunterhaltsverpflichtung für den Vater in Höhe von monatlich rund 100 Euro errechnen. Zum Vergleich: Der „normale“ Prozentunterhalt würde für ein zehn Jahre altes Kind bei einem Nettoeinkommen von 4000 Euro des Kindesvaters monatlich 671 Euro betragen.

Gleich viel Zeit bei beiden Elternteilen: Ein Modell mit vielen Chancen

Die Doppelresidenz ermöglicht beiden Elternteilen, mit den Kindern sowohl Freizeit als auch Schulalltag zu leben, bringt aber natürlich auch enormen organisatorischen Aufwand mit sich. Muss doch jeder Elternteil über ein eigenes Kinderzimmer verfügen, also alles doppelt vorhanden sein. Denn es sollte dem Kind erspart werden, mit Koffer von einem Elternteil zum anderen Elternteil „ wandern“ zu müssen.
Oft führen unterschiedliche Erziehungsstile zu einer Scheidung: Der/die Eine ist der strengere, kontrollierende Part, der/die andere pflegt vielleicht antiautoritäreren Stil. In der Doppelresidenz kann nun (voraus gesetzt natürlich, das Kindeswohl ist gewahrt) jeder Elternteil seinen Erziehungsstil verwirklichen. Damit eine Doppelresidenz funktionieren kann, muss das wechselseitige Vertrauen in die elterlichen Fähigkeiten gegeben und eine Mindestkommunikationsbasis vorhanden sein. Die Eltern müssen schließlich gemeinsam über schulische Belange kommunizieren und sich in der Aufgabenbetreuung abstimmen.

Es gibt Fälle, in denen ein Elternteil nur deshalb auf einmal die Doppelresidenz möchte, damit er dem anderen keinen Kindesunterhalt bezahlen muss. Das ist natürlich kein Grund für die Einräumung der Doppelresidenz bzw. dass diese bei Nichteinigung der Eltern von der Familiengerichtshilfe dem Gericht empfohlen wird. Denn das Gericht und die hinzugezogenen Experten schauen sich an, wie der Kontakt bisher gelebt wurde und werden die Kinder befragen. Es wird der Kindergarten, die Schule kontaktiert, wer holt das Kind ab, wer kümmert sich um schulische Belange etc.

Abgesehen davon kosten Kinder eben Geld. Mitunter übersteigen die tatsächlichen Ausgaben, die mit dem Aufenthalt des Kindes zusammen hängen, den Geldunterhalt, sodass tatsächlich die Doppelresidenz keinen monetären Vorteil bringt.
Auch erlebe ich es immer wieder, dass ein Elternteil ein umfangreiches Kontaktrecht erwirkt und mit diesem dann überfordert ist. Bevor man ein Kontaktrecht durchsetzt, sollte man sich selbst prüfen, ob dieser Kontakt tatsächlich lebbar ist. Denn sonst sorgt man nur für Enttäuschung, unter der letztlich das Kind leidet. Grundsätzlich kann sich jeder Elternteil bei seiner Betreuung unterstützen lassen, sei es durch externe Kinderbetreuung oder Großeltern. Doch es wird wohl nicht auf Doppelresidenz vom Gericht erkannt werden oder diese dem Richter von der Familiengerichtshilfe empfohlen werden, wenn ein Elternteil viel persönliche Zeit mit den Kindern verbringt, während der andere Elternteil arbeitsbedingt keine Zeit hat. Argumente wie „Ich habe das größere Kinderzimmer“ sind bei der Entscheidung für die Doppelresidenz nicht ausschlaggebend. Es geht um Bindung, tatsächlich Zeit verbringen mit den Kindern.

Besonders Frauen können vom Doppelresidenzmodell profitieren

Doppelresidenz kann dazu führen, dass für beide Elternteile Beruf und Familie vereinbar ist. Das ist oft ein großer Vorteil. Mütter können verstärkt einem Erwerb nachgehen und haben so in der Zukunft auch mehr Pensionsanspruch.

Immer wieder höre ich von Frauen, dies insbesondere von Frauen außerhalb des städtischen Bereichs, dass sie sich insgeheim das Doppelresidenzmodell zwar vorstellen könnten, aber Angst haben, in den Augen der Anderen/der Gesellschaft als Rabenmutter zu gelten. Immer wieder fällt natürlich aber auch in Beratungen von Müttern der Satz „Ich kann es mir nicht vorstellen, mein Kind eine Woche nicht bei mir zu haben.“ Da ist folgendes wichtig: Was will das Kind, was sind die Vorteile/Nachteile der Doppelresidenz im individuellen Fall? Und: Der Groll über die partnerschaftlichen Probleme, die es in der Vergangenheit gegeben hat, müssen ausgeklammert werden, damit man sich wirklich ganz auf die Elternebene konzentrieren kann.

Natürlich verlangt die Doppelresidenz von unseren Kindern einiges an Flexibilität ab, sie ist jedoch auch eine Chance für das Kind, nach der Trennung einen guten Kontakt zu beiden Eltern zu haben und unterschiedliche Welten und Erziehungsstile kennenzulernen.

Oft habe ich Eltern in Beratungen, die beispielsweise auch nach der Scheidung nicht weit von einander wohnen. Nicht lebbar ist die Doppelresidenz natürlich, wenn ein Elternteil weiter weg zieht. Ein Verzug ins Ausland nach Einigung auf die Doppelresidenz bringt dann das gesamte Kontaktmodell zum Einbruch. Wie überhaupt in Pflegschaftsverfahren stets Abänderungsanträge, also Anträge auf Neuregelung des Kontaktrechts, möglich sind. Bei Verzug ins Auslands wird es dann bei der Kontaktregelung mangels hauptsächlichen Aufenthalts darauf an kommen, was das Kind will, inwieweit dieses durch Schule oder Ähnliches bereits integriert ist.

Kritische Stimmen gegen das Doppelresidenzmodell

Es wird von Gegnern der Doppelresidenz oft angemerkt, dass jedes Kind ein sogenanntes „Heim erster Ordnung“ benötigt, dass es eben nicht zwischen den Wohnsitzen seiner Eltern „hin- und her gerissen“ werden soll. Wichtiger ist meines Erachtens jedoch, dass zwischen den Eltern Einigung und ein gewisses Commitment besteht: ein gemeinsames Ziehen der Eltern am selben Strang zu Gunsten des Kindes. Denn unter Uneinigkeit und Gezanke der Eltern leiden die Kinder wahrlich mehr als unter der Doppelresidenz an sich. In meiner Praxis hat die Möglichkeit der Doppelresidenz schon so manch gute Einigung gebracht. Denn mitunter ist es ja wirklich so, dass zwei Elternteile zwar als Paar nicht mehr miteinander leben können oder wollen, aber durchaus als Eltern eine gute Basis haben oder die Möglichkeit der Doppelresidenz eine elterliche Kooperation sogar fördert.

Katharina Braun Anwältin WIENERIN Kolumne

Kolumne: Frag' die Braun!

Mag. Katharina Braun ist Rechtsanwältin und spezialisiert auf Ehe- und Familienrecht, also die Themen Ehevertrag, Scheidung, Obsorge, Unterhalt, Besuchsrecht und Lebensgemeinschaft. Für die WIENERIN berichtet sie aus ihrer Praxis und erklärt anhand konkreter Fälle rechtliche Möglichkeiten.

www.rechtsanwaeltin-braun.at

 

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