Dolores O'Riordan, die Anti-Mariah meiner Jugend

Man merkt immer erst, was man hatte, wenn es nicht mehr da ist. Ich habe erst nach Dolores O’Riordans überraschendem Tod gemerkt, was sie für meine persönliche "Musikkarriere" bedeutet hat – und zwar ganz ohne Pathos.

Ich bin 1983 geboren, meine erste eigene CD kaufte ich mir 1994. Es war „Without You“ von Mariah Carey, die Maxi-CD. Unvorstellbar, wie die weitere Sozialisation mit Musik verlaufen wäre, wenn es bei Mariah und ihrem bald darauf von mir erworbenen Album „Music Box“ geblieben wäre. Aber ein paar Monate nach Mariah kam Dolores O’Riordan. Ich weiß bis heute nicht, wie man den Nachnamen der Sängerin der Cranberries ordentlich ausspricht, aber durch sie erweiterte ich meinen Wortschatz um einen wichtigen Begriff: Frontfrau. Dolores O’Riordan war die Anti-Mariah, klein, zierlich, ohne ondulierte Wellen, und ein Make-Up, das nicht dazu da war, Lippen voller und Augen größer erscheinen zu lassen. Sie stand ganz vorne, vor ihren drei männlichen Bandkollegen, und brauchte dabei weder zu tanzen noch ständig zu grinsen. Nichts an Dolores O’Riordan war gefällig. Erst jetzt nach ihrem überraschenden Tod und all den "In Memoriams" und Nachrufen fällt mir auf, wie wichtig sie damit für mich als junges Mädchen war. Wäre ich allein dem Plastik-Pop der Careys und später Spearsens dieser Welt ausgeliefert gewesen – so sehr ich ihn liebe, aber Gott bewahre!

„No Need to Argue“, das Album der Cranberries, auf dem auch der Super-Hit „Zombie“ war, war Zugang Nummer 4 in meiner beginnenden CD-Sammlung. Ich hab das Album gestern rausgesucht, gottseidank noch einen funktionierenden CD-Player gefunden und laut „Dreaming My Dreams“ aufgedreht. Das mag jetzt doch ein wenig pathetisch klingen, aber hey, sei’s drum.

Cranberries No Need To Argue Album Booklet

Als mein knapp fünfjähriger Sohn vor kurzem, als ich Musik aufdrehte, zu mir mit Augenrollen meinte, „Mama, du hörst immer Frauenmusik“, habe ich die „Und warum ist das schlecht?“-Frage, die mir auf der Zunge lag, sein lassen und einfach „ja, stimmt“ gesagt. Der Sohn steht übrigens auf Rockmusik und spielt mit Vorliebe Luftgitarre und Luftschlagzeug. Ich sollte ihm demnächst „Zombie“ vorspielen.

Dolores O’Riordan, Frontfrau der irischen Band „The Cranberries“ starb am 15. Jänner 2018 überraschend im Alter von 46 Jahren. „Zombie“, den größten Hit der Gruppe, hatte O’Riordan 1993 alleine in ihrer Wohnung geschrieben, er handelt von den gewalttägigen Konflikten in Nordirland, bei denen kurz zuvor ein dreijähriges Kind ums Leben gekommen war. O'Riordan nutzte den gerade aufkeimenden Erfolg der "Cranberries" für eine der bis heute stärksten Songs gegen Krieg und Gewalt.

"Zombie" von den Cranberries bei MTV Unplugged, 1995

 

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