„Disrespect gegenüber Frauen verstehe ich nicht“

25 Jahre jung, 1,90 Meter groß und ein Humor, der seinesgleichen sucht: Mario Lučić ist der neue Star am Ethno-Kabaretthimmel.

Männer, die wir mögen: In unserer Rubrik "Hawara der Woche" stellen wir regelmäßig Männer vor, für die Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Heute: der Kabarettist Mario Lučić.

Aufgewachsen ist er im Gemeindebau am Rennbahnweg, mit 16 hat er die Schule abgebrochen, war beim AMS und hat eine schwere Krankheit überstanden. Mario Lučić hat in jungen Jahren schon viel erlebt. Doch in seiner Branche bedeutet das vor allem eins: eine Schatzkiste voller Witze. Und genau die bringt er auf die Bühne.

Wir sprachen mit dem jungen Comedian über sein Leben im Gemeindebau, Wiener Ghettos, Feminismus und wie er seine schwere Krankheit überwunden hat.

Mario, du bist im Gemeindebau am Rennbahnweg aufgewachsen. Wie ist denn das Leben dort so?

MARIO LUČIĆ: Heute ist es nicht mehr so oarg wie früher. Wenn du aufgemuckt bist, warst du meier. Mit Stöcken und Steinen beworfen werden, ,Was is‘, komm her!‘-Rufe und so – das war normal. Die Leute waren früher aggressiver, kommt mir vor. Heute gibt es das nicht mehr oft, dass dich jemand auf der Straße anmacht.

Gibt es in Wien überhaupt „Ghettos“?

Ghettos gibt’s keine. Es gibt aber Gemeindebauten. Das ist so das Pseudo-Pendant zu einem Ghetto. Jeder Gemeindebau ist eine eigene Welt. Aber von einem Ghetto ist es trotzdem weit entfernt.

Warst du öfter mal in Schlägereien verwickelt?

Ich hab' schon ein paar draufbekommen (lacht). Aber das war halt so. Richtig schlimm waren die Schlägereien nie. Diese Zeiten sind ja auch vorbei. In den 2000er-Jahren war das Gabber- und Proletentum im 22. Bezirk noch ur heilig. Da gab’s auch mehr Stress.

Du hast ja mit 16 das Gymnasium abgebrochen. Was hat dazu geführt?

Ich war einfach schlecht in der Schule. Es war schon lächerlich am Ende. Ich habe schon im Halbjahr gewusst, dass ich arbeiten gehen will und habe mich einfach gehen lassen. Bin komplett abgegangen, wirklich so komplett ausgezuckt.

Wie bist du dann zum Kabarett gekommen?

Mit 21 habe ich zu fantasieren angefangen und mich gefragt: Was kann ich überhaupt? Ich wollte nicht nur zuhause rumgammeln, wie so ein Penner. Dann habe ich begonnen, im Internet Comedy-Videos zu schauen. Ich hab‘ mir gedacht: lustig bin ich ja. Also nicht „lustig lustig“ – man muss Lustigsein immer differenzieren. So Typen, die Mädchenwitze raushauen – das ist nicht lustig. Auf der Bühne zählt für mich echter Humor. Kabarett ist nicht wie rappen, damit fängt man mit 14 an. Kabarett kommt erst später.

Du warst ja relativ schnell erfolgreich mit deiner Art des Humors, oder?

Es dauert schon eine Zeit, bis man dann endlich auf der Bühne steht. Ich habe bei einem Wettbewerb mitgemacht, war im Finale und habe ein halbes Jahr lang nichts mehr gemacht. Es waren immer so kurze Etappen. Dann wurde ich krank. Zwei Jahre passierte also sehr wenig.

Welche Themen behandelst du auf der Bühne?

Mein Leben im Gemeindebau ist ein großes Thema. Meine Zeit beim AMS. Viele ernste Themen wie psychische Erkrankungen, und etwa auch subtiler Rassismus in Österreich.

Wenn du von subtilem Rassismus in Österreich sprichst – welche persönlichen Erfahrungen hast du da gemacht?

Ich weniger, weil man mir ja äußerlich nicht anmerkt, dass ich kein „echter“ Österreicher bin. Aber der Nachname ist vor allem bei der Jobsuche hinderlich. Woher du kommst, verhindert in diesem Land oft, wohin du gehen willst. Meine Mutter ist hier geboren und aufgewachsen, mein Vater ist aus Bosnien nach Österreich gekommen. Er ist Busfahrer und ist froh, wenn er in Ruhe gelassen wird. Er sagt, ich darf nicht über die Österreicher schimpfen, weil ich hier aufgewachsen bin.

So Typen, die Mädchenwitze raushauen – das ist nicht lustig. Auf der Bühne zählt für mich echter Humor.
von Mario Lučić

Deine Mutter spielt ja eine sehr große Rolle in deinen Stücken. Was bedeutet eigentlich Feminismus für dich?

Da gibt’s einen schönen Satz von Tupac: „We all came from a woman, got our name from a woman and our game from a woman. I wonder why we take from our women, why we rape our women, do we hate our women?“ Wir haben alles von Frauen. Disrespect gegenüber Frauen verstehe ich nicht. Es ist nicht gerechtfertigt.

Glaubst du, dass viele aus der Ex-Yu-Community in Wien stereotype Geschlechterrollen besonders stark reproduzieren?

Ja, ich denke schon. Es kommt darauf an, wie du aufwächst. Aber viele Typen denken trotzdem: eine Frau soll putzen, kochen, alles machen. Du kannst halt diese Dinge nicht verlangen, wenn du selbst nix bist. Wenn ich irgendein Trottel bin, der nichts ist und nichts kann, kann ich auch nicht verlangen, dass eine Frau mir die Füße küsst. Abgesehen davon, dass allein schon der Wunsch danach seltsam ist.

Ist das bei jungen Männern auch so?

Ich glaube, dass der Sexismus bei den ganz Jungen heute, den 15- bis 16-Jährigen, sogar schlimmer wird. Die sollten alle mal eine Realitätswatschen kriegen.

Vielleicht ist offener Sexismus bei jungen Männern auch so ein Angeber-Gruppending?

Das ist bei Jungs oft so. Dieses Herumgeprotze. Die sehen einen Typen im BMW und denken, der ist leiwand. Sie denken aber nicht an die Leasing-Raten, die er hat und dass er zuhause von Brot und Wasser lebt.

Leiden Männer – vor allem junge – auch unter stereotypen Rollenvorstellungen?

Ja, viele glauben, dass Frauen denken, dass Männer so sein sollen. Das Männerbild unser Gesellschaft sagt aus: du musst stark sein, Geld haben, darfst keine Gefühle zeigen und so weiter. Dabei muss man gar nichts. Für mich gibt es keine Stereotypen. Das was ich bin, bin ich. Dieses Bild des „echten Mannes“ schadet unserer Gesellschaft.

Ist da auch ein gefährlicher Körperkult dabei?

Ja, Männer „müssen“ muskulös sein, volle Haare haben, Bart haben. Ich werde selbst irgendwann von Haarausfall betroffen sein und habe Angst davor. Ich habe ja nicht einmal einen gescheiten Bartwuchs. Aber wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Wie ist das in deinem Freundeskreis – redet ihr über feministische Themen?

Ich habe sehr wenige, dafür wirklich gute Freunde. Meine besten Freunde sind zwei Türken und ein Syrer. Und wir leben fernab von diesen klischeehaften Männerbildern – einfach weil wir so sind, wie wir sind.

Was hältst du von diesem Nationalismus, den viele junge Menschen mit ex-jugoslawischem Hintergrund weitertragen?

Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Viele reden groß daher und haben aber keine Ahnung, wie es war. Sie waren nicht im Krieg. Früher gab es diese Unterschiede nicht. Diese Pseudo-Patrioten sollten lieber mal ihre Fresse halten. Ich werde das nie verstehen, ich kann’s nicht verstehen. Was hat mir ein Bojan getan, nur weil er Bojan heißt? Das ist mir doch wurscht. Wir sprechen doch alle die gleiche Sprache. Meine Eltern haben zum Glück damit aufgehört, das Kroatentum zu feiern. Ich bin Wiener und liebe diese Stadt. Wenn sie fragen, woher ich komme, sag‘ ich immer „Aus meiner Mutter, du Scheißkind.“ (lacht)

Was magst du denn besonders an der Stadt?

Natürlich den Rennbahnweg und den 22. Bezirk. Immer wenn ich bei der Station Rennbahnweg aussteige, fühle ich mich zuhause. Alles fällt runter von der Schulter. In den Innenbezirken komm ich mir vor wie ein Prolo (lacht).

Wie bewertest du die Mainstream-Kabarettszene in Österreich?

Ich kann damit nicht viel anfangen, ehrlich gesagt. Das ist aber Geschmackssache. Eines meiner Vorbilder ist zum Beispiel Dave Chappelle. Ich mag auch die RebellComedy in Deutschland sehr. In Österreich reden viele Kabarettisten über Dinge, die sie nicht sind und nicht kennen. Ich kann nicht über Kanaken reden, wenn ich keiner bin. Kabarett muss ehrlich sein, muss Struktur haben.

Warst du früher im Kabarett?

Nein, nie. Meine Mutter hat mir die österreichische Kultur näher gebracht, indem sie viel Austropop gehört hat. Ich kenne ur viele Texte auswendig. Und hab‘ „Kaisermühlen Blues“ und die ganzen österreichischen Serien geschaut. Ich liebe Österreich ur extrem, so ur ur (lacht).

Ich glaube, dass der Sexismus bei den ganz Jungen heute, den 15- bis 16-Jährigen, sogar schlimmer wird.
von Mario Lučić

Du hast vorhin erwähnt, dass du eine Zeit lang schwerkrank warst. Wie war diese Zeit für dich?

Furchtbar. Die Krankheit heißt „Achalasie“ und bedeutet, dass der Schließmuskel beim Mageneingang komplett verschlossen ist. Ich durfte nichts essen, nichts trinken. Im Endeffekt konnte ich nicht einmal meine eigene Spucke runterschlucken. Ich wurde monatelang mit Infusionen ernährt, habe 30 Kilo verloren, war schon unter 60 Kilo. Es war grindig.

Was hast du mitgenommen aus dieser Zeit?

Mein Leben hat sich normalisiert. Vor der Krankheit hab‘ ich High Life bis zum geht nicht mehr gehabt und dann hat’s plötzlich aufgehört. Und viele Freunde haben sich einfach nicht mehr gemeldet. Die brauchen sich auch nicht mehr melden. Wenn mir die jetzt plötzlich wieder schreiben „Heast, ur leiwand“, dann schreib‘ ich einfach nicht zurück.

Gibt es in Wien genug Möglichkeiten für junge KabarettistInnen?

Schwer. Die Szene ist sehr klein. Die Großen sind schon lange da – und wenige schaffen es in diese „Liga“. Es gibt zu wenige offene Bühnen. Aber es baut sich mittlerweile etwas auf. In Österreich wird Kabarett und Comedy so stark getrennt, und Comedy als etwas Schlechtes gesehen. Im Kabarett werden soziale und politische Themen von einem Mann, auf den ein Scheinwerfer gerichtet ist, angesprochen. Ich mache das auch – nur rede ich in einer Sprache, die die Leute verstehen. Bühnen außerhalb von Wien sagen mir immer ab.

Gibt es irgendeine Botschaft, die du auf der Bühne vermitteln willst?

Die Zuseherinnen und Zuseher sind so durchgemischt, dass es für viele zum Beispiel neu ist, was ein Gemeindebau überhaupt ist – für andere ist es eine komplett neue Erfahrung, überhaupt im Kabarett zu sitzen. Die Leute kennen das nicht. Ich bringe Leute in diese Welt rein. Das ist eins der wenigen Dinge in meinem Leben Leben, auf die ich stolz bin.

Wie schaffst du es, so viele junge Leute ins Kabarett zu bekommen?

Ich bin halt ein extremer Social-Media-Patient. Ich habe irgendwann angefangen, Facebook-Videos zu machen. Da sind die Likes explodiert. Ich habe keine Flyer, keine Plakate – dafür aber das Internet. Es ist aber oft enttäuschend, wofür ich Likes bekomme. Wenn ich Bilder von der Bühne poste, kommen so zehn Likes. Dann poste ich ein Foto, wie ich Sarma (Krautrouladen) esse und bekomme 600 Likes. Ich gebe mir ur Mühe auf der Bühne und dann poste ich so einen Blödsinn und alle drehen durch. So funktioniert das Internet aber nun mal.

Du erreichst ganz viele junge Männer mit Migrationshintergrund. Hast du da eine gewisse Vorbildfunktion?

Vor kurzem bin ich in der U-Bahn gefahren und da kam auf einmal so ein 13-Jähriger, der mich ur lang angestarrt hat. Dann frag‘ ich so: „Was is‘?“ Und er fragt mich, ob ich dieser Mario bin. Dann quatsche ich halt kurz mit ihnen, frag‘ sie, was sie so machen. Und höre ihnen einfach einmal zu.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich will einmal in der Stadthalle spielen. Das ist mein großer Traum. Und für Österreich wünsche ich mir, dass es nicht noch mehr Rassisten heranzüchtet. Das Problem ist aber auch, dass man sich schnell von Hetzern im Netz blenden lässt. Alle haben diese Internet-Eier. In Wirklichkeit haben sie aber alle Angst.

Mario Lučić ist an folgenden Terminen in Wien zu sehen:

Sa, 16.04.2016, Kabarett Niedermair, Lenaugasse 1A, 1080 Wien

Di, 03.05.2016, AERA, Gonzagagasse 11, 1010 Wien

Mi, 08.06.2016, AERA, Gonzagagasse 11, 1010 Wien

Alle Termine gibt es HIER.

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