Disney greift auf, wie sich eine Familie rund um ein toxisches Familienmitglied entwickelt

Der neue Disneyfilm "Encanto" behandelt Generationentrauma und den Umgang mit einem toxischen Familienmitglied. Reden wir darüber. ACHTUNG: SPOILER!

Encanto Familie

Disney hat es wieder mal getan. Sie haben mit Encanto einen Film rausgebracht, über den wir dringend sprechen müssen. Und nachdem bereits in Frozen 2 und Alles steht Kopf Themen rund um Mental Health behandelt wurden, gehen sie mit Encanto noch einen Schritt weiter und trauen sich an zwei recht komplexe Themen ran: Einerseits den Umgang mit einem toxischen Familienmitglied und andererseits Generationentrauma.

Beginnen wir mit dem Umgang mit einem toxischen Familienmitglied und den jeweiligen Coping-Mechanismen, die Personen entwickeln. Natürlich sind die Figuren und die Geschichte in Encanto fiktiv, aber gerade die Muster, die es in der Familie gibt, orientieren sich an klassischen psychologischen Schemata, wie verschiedene Psycholog*innen auf TikTok aufzeigen. Diese findet man in vielen Familien mit einem toxischen Familienmitglied, weil unterschiedliche Mitglieder andere Coping Mechanismen wählen und anders mit dem Trauma umgehen.

Encanto zeigt in diesem Fall Abuela als die toxische Person (auch wenn diese natürlich Trauma erlebt hat, was der Grund ist, wieso sie so geworden ist, aber dazu mehr später), die ihre Familienmitglieder nach ihrer magischen Gabe bewertet und wie praktisch oder hilfreich diese Gaben sind.

Eine ihrer Töchter ist Julieta, die Mutter von Mirabel. Julieta ist die Heilerin der Familie, ihre Gabe ist es, Menschen mit Essen zu heilen. In toxischen Familien findet man diese Rolle oft. Sie ist die Person, die die Familie zusammen hält, die sich um andere Menschen kümmert und das Gefühl hat, dass sie sich um alle kümmern MUSS, weil sonst die Familie auseinanderfällt.

Lass es nicht regnen!

Pepa, die Schwester von Julieta und Tante von Mirabel, verändert das Wetter durch ihre Stimmung. Abuela möchte nur schönes Wetter, wieso Pepa lernen muss, alle anderen Gefühle zu unterdrücken. Man sieht hier eine klare Version von Gaslightning, wie es häufig in toxischen Familien vorkommt. Die Gefühle, die Pepa hat, sind für Abuela unpraktisch oder lästig, weswegen Pepa diese nicht fühlen sondern unterdrücken soll. Dabei wird nicht hinterfragt, wieso sie sich so fühlt oder woher das Gefühl kommt. Es soll nur weggehen.

In toxischen Familien wird meistens ein Kind zum Sündenbock gemacht. Alles ist ihre*seine Schuld. Meistens ist es das Kind, das die Probleme erkennt und auch anspricht. Aber das ist nicht gewollt, deshalb wird diese Person zum Problem gemacht. In der Familie in Encanto übernimmt diese Rolle Bruno. Er hat Visionen der Zukunft und ihm wird die Schuld darangegeben, wenn die Visionen, die er sieht, nicht positiv sind. Das wird so lange gemacht, bis er die Familie verlässt, weil er es nicht länger aushält.

Generation für Generation

Das Trauma in Encanto zieht sich, realistischerweise, weiter in die Enkelgeneration. Hier ist zum Beispiel Camilo, der unterschiedliche Formen annehmen kann, das Maskottchen der Familie. Seine Aufgabe ist es, die Stimmung locker und flockig zu halten. Er ist der Klassenclown, wenn man so will.

Besonders bei den Schwestern Isabela, Mirabel und Luisa wird klar, wie viel Druck auf sie ausgeübt wird. Der Druck, nicht zu enttäuschen und damit nicht die Liebe von Abuela zu verlieren, zeigt sich in den Liedern, die alle drei singen. Sie möchten nicht enttäuschen. Sie dürfen nicht enttäuschen! Isabela ist dabei das Golden Child, dass das Lieblingskind der Eltern bzw. Großmutter ist. Dadurch ergeben sich aber zwei Dinge: Sie fühlt großen Druck, perfekt zu sein und nicht zu enttäuschen und ihre Schwestern, die sich dieselbe Aufmerksamkeit wünschen, nehmen ihr das übel. Dabei ist ihre Reaktion auch nur eine Trauma-Reaktion.

Die älteste Schwester Luisa wiederum ist in dem Film körperlich stark. Sie kann Häuser und Berge heben. Diese Gabe ist eine gute Repräsentation ihres Charakters. Sie wirkt von außen, als hätte sie alles unter Kontrolle. Die Familie gibt ihr unglaublich viel Verantwortung und erwartet, dass sie alles zusammenhält. Auch sie empfindet starken Leistungsdruck und hat gelernt, je mehr Leistung sie bringt, umso weniger wird sie von dem toxischen Verhalten von Abuela erfasst. Gleichzeitig wird sie aber von dem Druck, der auf ihr lastet, fast erdrückt. Diese Rolle nehmen in toxischen Familien häufig die ältesten Geschwister ein. Das wurde auch gut in dem Lied, das Luisa im Film singt, dargestellt.

Generationentrauma

Wir haben jetzt nur einige Beispiele der Familienmitglieder herausgegriffen. Dass sich viele Menschen mit dem Film Encanto identifizieren können, zeigt sich auf Tiktok. Dort teilen Tausende die Momente, die sie am stärksten berührt haben. Besonders Familien mit Migrationshintergrund fühlen sich von der Geschichte, dass Abuela ihre Heimat verlassen musste und sich neu ansiedeln musste, berührt. Sie erkennen, dass die toxischen Eigenschaften, die die Großmutter hat, vor allem durch das Trauma entstanden sind, als sie ihren Ehemann und ihre Heimat verloren hat.

Es ist wichtig zu verstehen, dass auch die Großmutter, die die toxische Person ist, auf das erlebte Trauma reagiert hat und nicht einfach "ein Bösewicht" war. Auch das war erstmalig in einem Disney-Film zu sehen, wo man es gewohnt ist, dass es eine böse Macht gibt. Dieser Film ist komplexer - wie es auch Trauma ist. Und das Trauma endete nicht mit Abuela, sondern zieht sich über die Generationen bis zu den Enkelkindern. Denn es hat die Großmutter verändert, die wiederum als die toxische Person der Familie starken Einfluss auf die restlichen Familienmitglieder hatte.

Wir haben noch einige Reaktionen von Menschen gesammelt, die sich mit dem Film identifizieren können. Denn dieser hat auf jeden Fall Gespräche angestoßen.

 

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