Dieser Tweet zeigt, dass „Hautfarbe“ keine Farbe ist

Dominique Apollon teilt in einem Tweet seine Freude über das erste Pflaster in seiner Hautfarbe, das er in 45 Jahren je getragen hat. Viele UserInnen erzählen daraufhin ihre Geschichten von Rassismus und mangelnder Inklusion.

„Im Ernst jetzt, ich bin den Tränen nahe“, schreibt Dominique Apollon vergangene Woche auf Twitter. Der Grund: Zum ersten Mal in 45 Jahren trägt der Bürgerrechtler ein Pflaster, das dieselbe Farbe wie seine Haut hat – und kann es selbst kaum glauben: „Zum ersten Mail in meinem Leben weiß ich, wie es sich anfühlt, ein Pflaster in meinem eigenen Hautton zu haben. Auf dem ersten Foto kann man es kaum sehen“, schreibt er.

Wenn der Tweet und die Freude über ein Pflaster jetzt banal klingen, ist das nur ein Zeichen dafür, dass in wir als Gesellschaft Rassismus internalisiert haben und Weißsein immer noch als Norm gilt.

Produkte für eine weiße Norm

Das wird vor allem bei Produkten, die als „hautfarben“ angepriesen und verkauft werden, deutlich: „Nude“-Lippenstifte, Buntstifte, Strumpfhosen, Pflaster sind immer noch für eine weiße Norm gemacht, die schwarze Menschen ausschließt, denn „hautfarben“ ist nicht für jede*n die gleiche Farbe. Unter dieser Betitelung wird bis heute häufig eine hellbeige, pastell-rosa Farbe verstanden. Dass Weiße auf die Farbe „Nude“ kein Monopol haben, wurde von der Industrie lange Zeit ignoriert. White Supremacy, also die Überlegenheit der Weißen, wird mit vermeintlich „hautfarbenen“ Produkten im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar gemacht. Viele Twitter-UserInnen, insbesondere People of Color, teilten ebenso ihre Erfahrungen mit „Nude“-Produkten, die nicht ihrer Hautfarbe entsprechen, unter Apollons Tweet mit:

Innerhalb kürzester Zeit erhielt der Tweet über eine halbe Million Likes, sogar Schauspieler John Boyega meldete sich zu Wort: Er erinnerte sich an Filmsets, an denen Make-up-Artists die Pflaster für schwarze SchauspielerInnen umfärben mussten, bevor sie wieder vor die Kamera konnten.

Unverständnis für Apollons Emotionalität

Trotz der vielen ähnlichen Geschichten, die unter dem Tweet des Bürgerrechtlers geteilt wurden, zeigten sich einige NutzerInnen wenig verständnisvoll für die Emotionalität über ein scheinbar so banales Thema. (Side Note: Die empfundene Banalität gegenüber diesem Thema ist nur ein Indikator für die eigenen Privilegien. Zu glauben, etwas sei kein Problem, nur weil es für einen selbst keines ist, ist der Inbegriff von privilegiertem Dasein.)

Einige NutzerInnen wiesen zudem darauf hin, dass es solche Pflaster für dunkle Hauttöne zwar schon länger gäbe, in Geschäften aber kaum erhältlich sind. Eine Userin will daher mobilisieren, in Apotheken bewusst nach solchen Produkten zu fragen, um den Bedarf deutlich zu machen.

„Wenn ihr euch nur auf das Pflaster konzentriert, habt ihr es nicht verstanden!“

Weil viele Twitter-UserInnen Apollon erklären wollten, dass Pflaster in den seltensten Fällen zu 100 Prozent zum eigenen Hautton passen, ergänzt er seinen Tweet um einen Hinweis: „Ein ‚durchsichtiges‘ Pflaster ist für mich ein weißer Fleck. Aber ganz ehrlich: Wenn ihr euch nur auf das Pflaster konzentriert, habt ihr es nicht verstanden. Es geht ohnehin nicht darum, einen passenden Hautton für jeden Menschen zu finden. Es geht darum, dazuzugehören. Dass alle Hautfarben miteinbezogen werden. Es geht nicht um das Pflaster.“

Nichtsdestotrotz haben am Ende die positiven Reaktionen auf Dominique Apollos Tweet überwogen: „Ich freue mich, dass dieser Thread viel Liebe, Selbstreflexion, Empathie und Bewusstsein schaffen konnte. White Supremacy ist ein Biest und um es zu besiegen brauchen wir all diese genannten Elemente und noch mehr – und zwar auf allen Ebenen unserer Gesellschaft. Aber die Ergebnisse dieses Kampfes für mehr Inklusion werden so, so wunderschön sein.“

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