Dieser Brief einer Frau, die ihre Depression bekämpft hat, geht unter die Haut

Sie will in dem offenen Brief allen Betroffenen Mut machen.

Depression, Frau, Brief

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens damit verbracht, meine Depression zu bekämpfen, von Angstzuständen und Panikattacken hin zu fürchterlichen Stimmungstiefs. Für mich ist es ein täglicher Kampf. Ich habe auch gute Tage, an denen ich glücklich bin und die Welt vielversprechend aussieht. Aber viel zu schnell kann ich eine schlechte Laune entwickeln und mich wieder fragen, wieso ich überhaupt auf der Welt bin. Warum leide ich an einer unsichtbaren Krankheit, die mir nicht im Gesicht geschrieben steht, die Menschen scheinbar nicht verstehen können. Ich fühle mich allein und wertlos, wie eine Versagerin. Diese Gefühle werden durch die Depression allzu real. Man hat mir gesagt, dass dies kein Zeichen von Schwäche sei, sondern ein Zeichen dafür, dass ich viel zu lange stark geblieben sei. Auf mich trifft das sicherlich zu, denn ich war und bin diejenige, die sich in der Familie um alles kümmert. Ich glaube, die Depression ist eine Art Ventil.

An guten Tagen denke ich, dass mich die Krankheit zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Es ist sicherlich keine ungewöhnliche Krankheit und viele Menschen leiden daran. Ich versuche, jeden Tag aufs Neue damit zurechtzukommen und mit meiner Depression zu leben. Das kannst du auch. Du musst lernen, dich selbst zu lieben und so zu akzeptieren, wie du bist. Anders als andere benötigst du vielleicht etwas zusätzliche Hilfe, Beratung oder Medikamente.

Sich Hilfe zu suchen ist nichts, wofür man sich schämen muss. Egal, ob Mann oder Frau, manchmal lässt unsere Stärke nach.

von Claire Young

Ich habe in der Vergangenheit Beratung in Anspruch genommen und mein Berater hat mir vor Kurzem eine Überweisung für IPT, interpersonelle Psychotherapie, ausgestellt. Ich bin auf der Warteliste. Ich nehme Citalopram, Antidepressiva, habe aber in der Vergangenheit auch schon Prozac ausprobiert. Wenn du Medikamente nimmst, bleib bitte an ihnen dran. Sie helfen, glaube mir. Auch Haustiere können eine großartige Therapie sein, weil sie einen nicht verurteilen. Selbst wenn du dich an deinem Tiefpunkt befindest und nicht in der Lage dazu bist, der Welt entgegenzutreten, eine Katze oder ein Hund können dafür sorgen, dass es dir weitaus besser geht, genau wie jedes andere Haustier, das du hast oder haben möchtest.

Umarmungen von geliebten Menschen sind auch etwas Tolles, auch wenn sie, wie meine Mutter, nicht wirklich etwas mit der Krankheit anfangen können. Wenn ich weine oder mich schlecht fühle, bedeutet mir eine herzliche Umarmung sehr viel.

Ich hoffe, dir mit diesem Brief Hoffnung zu geben und dir eine herzliche Umarmung übermitteln zu können. Depression ist nichts, wofür man sich schämen muss. Akzeptiere jede Hilfe, die du kriegen kannst. Frag deinen Arzt, such nach Möglichkeiten in deiner Nähe, du musst nicht alleine leiden.

Finde etwas, dass du gerne machst, egal wie trivial es auch scheinen mag. Wenn es dich von deinen Sorgen und negativen Gefühlen ablenkt – und sei es auch nur täglich für 30 Minuten –, lohnt es sich. Versuche, auf deine Gesundheit zu achten und dir selbst gegenüber freundlich zu bleiben.

Das Wohlbefinden anderer ist mir wichtiger als mein eigenes, aber ich habe gelernt, besser auf mich aufzupassen.

von Claire Young

An manchen Tagen, wenn ich schlecht gelaunt aufwache und mich wertlos fühle, möchte ich gar nicht aufstehen. Aber ich habe gute Gründe, es doch zu tun, nämlich Menschen, die sich auf mich verlassen. Es ist mir klar, wenn du alleine lebst, hast du diese Gründe nicht und du fühlst dich eher abgeschottet und allein. Hinauszugehen und einen Spaziergang zu machen, andere Leute zu sehen und mit ihnen zu reden, kann schon einen großen Unterschied machen. Es gibt eine Vielzahl von Gruppen, denen du beitreten kannst, oder auch Möglichkeiten, dich als freiwilliger Helfer zu betätigen, wenn du dich gut genug fühlst, um mit Leuten in Kontakt zu sein. Ich weiß, das kann sehr schwer sein. 1995 bin ich ausgezogen, ich war 21 und das war das Jahr, in dem bei mir Depression diagnostiziert wurde. Seitdem war es konstant: Panikattacken, Zwangsstörung, Angstzustände, sie alle haben sich mit der Zeit manifestiert. Ich bin jetzt 42. An guten Tagen habe ich das Gefühl, die Depression hat mich zu einem stärkeren Menschen gemacht, aber es ist viel zu einfach, sich wertlos zu fühlen.

Bitte konzentriere dich auf alles Positive in deinem Leben, nicht auf das Negative. Konzentriere dich auf die Dinge, die dich einst glücklich gemacht haben und dich nach wie vor glücklich machen. Lass die negativen Gedanken in den Hintergrund treten. Denk an das, was du erreicht hast, auch wenn es dir nicht so vorkommt, als wäre es viel gewesen. Aber glaube mir, es ist einiges und es ist ein Teil von dir und der Person, die du bist. Ich schätze die Natur sehr. Das Geräusch einer singenden Amsel kann mich zum Lächeln bringen. Schöne Blumen. Kinderlachen. Die Sonne, die durch mein Fenster scheint und meine Haut warm werden lässt. Konzentriere dich darauf, Spaß zu haben auch an den dümmsten Dingen. Lerne, wieder zu lachen.

Ich glaube nicht, dass Depression heilbar ist, aber zu lernen, mit ihr zu leben und sie unter Kontrolle zu bekommen, zu wissen, dass man um Hilfe bitten kann, und dafür nicht zu ängstlich zu sein, ist allein schon ein Heilmittel. Ja, vielleicht fühlen wir uns anders im Vergleich zu anderen. Aber das sind wir nicht. Der scheinbar glücklichste Mensch kann eine Maske tragen, hinter der er seine wahren Gefühle verbirgt. Wir tragen diese Maske sehr geschickt, weshalb uns manche Leute nicht glauben, dass Depression wirklich eine Krankheit ist und es eher als schlechte Ausrede ansehen. Unter einer konstanten schwarzen Wolke zu leben ist keine Entschuldigung, wir müssen einfach einen Weg finden, um zu vergessen, dass sie da ist.

Mit diesem Brief schicke ich dir Liebe und Hoffnung. Du kannst mit der Depression leben. Du kannst jeden Tag überstehen, stark sein und dich niemals als Versagerin sehen, denn das bist du definitiv nicht.

Du bist wunderschön und es gibt einen Grund, weshalb du lebst.

Große Umarmung und viel Liebe,
Claire Young

Mutmachbriefe

In "Mutmach-Briefe" von James Withey kommen Menschen, die ihre Depression überwunden haben, in Form von offenen Briefen zu Wort und vermitteln: "Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Ich kenne das Monster, gegen das du gerade kämpfst, persönlich."

Das Buch (192 Seiten) ist im TRIAS Verlag erschienen und um 15,50 Euro hier erhältlich.

 

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