An diesem Tweet zur Flutkatastrophe in den USA ist alles falsch

Ein konservativer Kolumnist nutzt die Bilder aus Houston um sein verqueres Genderverständnis in die Twittersphäre hinauszuposaunen. Eine Gender Studies Professorin korrigiert ihn und es ist großartig.

Die texanische Stadt Houston kämpft mit den Auswirkungen des Hurrikans Harvey. Die verheerenden Bilder der Sturm- und Überschwemmungskatastrophe zeigen überschwemmte Straßen, übervolle Notquartiere und teils spektakuläre Rettungsaktionen. Der konservative Kolumnist Matt Walsh ergötzt sich besonders an einem bestimmten Bild aus der Berichterstattung. Eines, das seiner Meinung nach die guten, traditionellen Geschlechterrollen porträtiert und in einem Aufwasch Gender Studies verunglimpft.

Auf Twitter postete er das Foto eines Mannes, der eine Frau mit ihrem Kind durch die überschwemmten Straßen trägt.

"Die Frau wiegt und beschützt das Kind. Der Mann trägt und beschützt beide. So soll es sein, ganz gleich, was eure Genderprofessoren sagen," lautet der Post dazu.

Christina Wolbrecht, Professorin für Gender Studies und Politikwissenschaft an der renommierten University of Notre Dame hat auf den geschmacklosen Tweet reagiert und in einer Serie von elf (!) Tweets kurz und knapp erklärt, warum Walsh' Geschlechterverständnis überholt und gesellschaftlich schädlich ist.

"Ich wollte es eigentlich bei Sarkasmus belassen, aber als echte Gender Studies Professorin hab ich einfach zuviel dazu zusagen, ich kann es nicht sein lassen..," beginnt die Professorin.

"Pflegeleistungen (für Kinder, Kranke, Ältere) sind grundlegend für die menschliche Entwicklung und sind traditionell gratis von Frauen verrichtet worden, was sich in geringerer finanzieller wie politischer Macht der Frau ausgewirkt hat. Auch die Pflege als Dienstleistung blieb schlecht bezahlt und überwiegend weiblich, was Frauen angreifbarer macht. Wir lieben es, eine Mutter dafür zu rühmen, ihr Kind in den Armen zu wiegen, aber wir gewähren ihr weder bezahlte Karenz oder unterstützen qualitativ hochwertige Kinderbetreuung noch gibt es gute Bezahlung und Zusatzleistungen für Kinderbetreuungsarbeiten (Frauen, Immigranten). Aber da ist noch mehr!"

Das Budget für Pflegedienste (geistige Gesundheit, Gesundheitswesen) wurde gekürzt, viele dieser Aufgaben wurden an Institutionen wie die Polizei und Feuerwehren übertragen, die oft keine Ausbildung und Ressourcen dafür haben, was bedenkliche Auswirkungen hat. Ökonomen sprechen gleichzeitig vom "skills mismatch" als einer Kernherausforderung männlicher Arbeitender - dass also Männer nur widerwillig Jobs in dem immer größer werdenden Markt der Pflege annehmen. Zum Teil, weil diese Jobs als "weiblich" empfunden werden, zum Teil weil sie schlecht bezahlt sind oder nur wenig Anerkennung bekommen (weil es "Frauenjobs" sind).

Zusammengefasst schadet Ihre starre und unlogische Geschlechtertrennung von Arbeit und der damit verbundenen Hierarchie der Wertigkeit allen: Frauen und Männern, der US-Wirtschaft und der Entwicklung der Gesellschaft als ganzes. Der Wert der Arbeit - das Baby zu halten oder die Mutter zu tragen - sollte anerkannt und belohnt werden, egal, wer diese Arbeit erledigt. Vor allem, wenn man bedenkt, wieviel Pflege und Hilfe benötigt werden, sollten wir alle zusammenarbeiten.

Das wirklich Schöne an Twitter ist, wenn rückständige Aussagen fast direkt von ExpertInnen wortgewandt zerlegt werden. Ein bisserl schöner ist dann fast nur noch, wenn die restlichen Twitternutzer mit unvergleichlichem Charme ihre Memes auspacken. Das sind die guten Tage im Internet:

 

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